Das Fräulein Wunder

Jessica Hausner zählt seit Jahren zu den erfolgreichsten österreichischen Regisseurinnen und eröffnet heuer mit »Amour Fou« die Viennale. Mit The Gap sprach sie darüber, warum es so schwierig ist, in Österreich österreichisches Kino zu etablieren und warum Frauen im Filmgeschäft noch immer schwer Unterstützung finden.

»Amour Fou« hat eine wunderschöne Ästhetik, Farbe, Anordnung, ein traumhaftes Bild. Wie ist das zustande gekommen?

In allen meinen Filmen verfolge ich eine Gestaltungsweise, die eine künstliche Welt erschafft. Auf diese Weise reflektiere ich das Medium und gestalte eine Geschichte, die etwas Parabelhaftes hat. Ich möchte den Zuschauer nicht nur entführen und ihm eine Schachtel Popcorn in die Hand drücken, sondern ihn auch zum Reflektieren auffordern.

Die Bildgestaltung hat oftmals etwas von einem Gemälde, erinnert an die Werke, die in Gustav Deutschs »b>Shirley – Visions of Reality« gezeigt werden. Zufall?

»Shirley« ist speziell. Das sind absichtlich nachgestellte Bilder. In meinem Fall geht es darum darzustellen, wie Menschen von den Regeln und Normen der Gesellschaft, in der sie leben, eingekreist sind. Und die Bildgestaltung bringt das zum Ausdruck. Es sind komponierte Bilder, in denen die Personen sich bewegen wie nach einer Choreographie. Für mich drückt das ein Gefangensein in Konventionen aus. Es geht um Fremdbestimmung, wie in allen meinen Filmen.

Hunde haben offensichtlich eine bestimmte Rolle in »Amour Fou«. Welche?

Da auf der einen Seite eine starke Gestaltung steht, suchte ich auf der anderen Seite etwas Zufälliges. In »Lovely Rita« habe ich mit Laiendarstellern gedreht, die dann immer wieder etwas Unvorhersehbares gemacht haben. Bei »Lourdes« war es der dokumentarische Ansatz des Ortes mit den Heiligtümern usw. Und »Amour Fou« ist historisch, im Studio gedreht, mit Kostümen und Dialogen, die ich geschrieben habe – ich dachte: Wo wird mir der Zufall helfen?

Ich sah mir sehr viele Gemälde der Renaissance an, die mich bei der Bildgestaltung inspirierten. In den Gemälden dieser Zeit sind immer wieder Tiere zu sehen, ob bei Ballgesellschaften, in der Kirche oder in Ämtern. Das brachte mich auf die Idee, Hunde im Film zu haben. Zugleich ist der Hund der Vogels sehr wohl erzogen und hat dadurch so etwas Absurdes, weil er genauso steif ist wie sein Herrchen und Frauchen. Er trägt auch zusätzlich zum Humor und zur Ironie bei.

Hat das Starre etwas damit zu tun, dass sich die Figur Heinrich nicht richtig entfalten konnte und fast pubertäre Gedanken an den Suizid hat?

Pubertär ist seine Gedankenwelt nicht. Aber es hat mich auch nicht interessiert, nachzuerzählen, warum er sich umbringen will. Für mich ist dieses mit jemand anderem sterben Wollen eigentlich nur der Aufhänger. Es geht vielmehr um Heinrichs Bemühen, genau diesen jemand zu finden, der diesen speziellen Wunsch mit ihm teilt.

Die Hauptfiguren sind sehr egoistisch. Ist das Thema Egoismus wichtig für dich?

Wir alle sind egoistisch. Wobei ich das überhaupt nicht vorwurfsvoll meine. Dieser Egoismus ist eine condition humaine (menschliche Grundvoraussetzung, Anm.). Jeder ist sich selbst der Nächste, weil man in der eigenen Haut steckt, durch die eigenen Augen sieht und die eigenen Gefühle und Erlebnisse hat. Es ist immer eine Art Spekulation, ob der andere wirklich die Person ist, für die man ihn hält. Und so stellt sich die Frage, warum Henriette im Film letztlich mit ihm mitgeht.

Sie hätte auch Nein sagen können. Aber irgendeine Art von Anziehungskraft löst Heinrich bei ihr anscheinend doch aus. Der Film klärt diese inneren Beweggründe aber nicht auf, weil er genau davon handelt, wie rätselhaft Menschen füreinander sind und bleiben. Selbst wenn man glaubt, jemanden zu lieben, kann es sein, dass man nur sich selber und die eigenen Wünsche in diesem Menschen spiegelt.

Weiter zur Rolle von Frauen im österreichischen Film und dem heimischen Publikum.

Bild(er) © Gianmaria Gava, Stadtkino Filmverleih
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