A$ap geht tief

Nicht jeder, der zu "Goldie" abgegangen ist, wird mit At.Long.Last.A$ap seine Freude haben. Das neue Werk muss man schon "gspian" wollen. Dann lohnt es sich aber sehr.

Beginnen wir mit etwas scheinbar Unwichtigem: Der 2012er Single "Hands on The Wheel" von Schoolboy Q ft. A$ap Rocky, einem Lied über Alkohol, Bitches und Weed, hohl bis zum geht nicht mehr, rap-technisch total uninteressant, einzige Aussage yolo. Dazu passt das Sample von "Pursuit of Happiness" wie die Faust auf’s Auge: "Hands on the Wheel, uh uh fuck that" schmettert Lissie, ihres Zeichens amerikanische Folk Rock Sängerin und untermalt mit der "Zero Fucks Given"-Attitüde die verzichtbaren Bars der Protagonisten. Freiheit, es geht um Freiheit. Darum, zu machen, was man will, der Welt zwei Mittelfinger zu zeigen, weil das die Definition von Glück ist. Lana Del Rey lässt grüßen. Der gesampelte Lissie-Song stammt ursprünglich von Kid Cudi & MGMT, hat in einem Remix von Steve Aoki die breite Masse erreicht, weil Menschen Maturareise machen, oder halt Spring Break. Weil es Musik braucht, die einen dabei unterstützt, sich zuzuschütten, in Pools zur brunzen, Freunde anzuspeiben und Sex zu haben, an den man sich nicht erinnert. Doch ist in der Originalversion von "Pursuit of Happiness" – und das hört man in der reduzierten und fast schon deprimierenden Variante von Lissie am Besten – diese Suche nach Glück kein Summer Splash. Das Leben voll auszukosten, bedeutet dafür den Tod in Kauf zu nehmen.

Live Fast, Die Young

Dass "Live Fast, Die Young" ein häufig gebrauchter Topos – nicht nur in der Musik, sondern überall – ist, macht ihn nicht weniger relevant. Vor allem für einen Künstler wie A$ap Rocky, der mit der Zelebrierung von Oberflächlichkeiten groß geworden ist. In der hypnotischen Cloud Rap Blase über die eigene Realness und killa Fashion rappen, mal in einem Film mitspielen und ein bisschen Kunst machen – alles halt, was Kanye West vom Rapper als Universalgenius verlangt – ist zwar schön und war auch gut, bringt aber enden wollende künstlerische Möglichkeiten mit sich, die A$ap mit dem 2013er Debüt Long.Live.A$ap und dem fast noch definierenderen, früheren Mixtape Live.Love.A$ap (2011) eigentlich schon ausgeschöpft hatte.

Ob es der Tod von A$ap Yams, Mitgründer des A$ap Mobs, des langjährigen Wegbegleiters, Freund und Mentors Rockys, ein LSD-Trip, oder eine völlig bewusste Entscheidung, sich neu zu orientieren war, sei dahingestellt: Auf At.Long.Last.A$ap, das schon im Titel eine Zäsur, einen Schlussstrich markiert, widmet sich Lord Flacko Themen, die nicht nur pretty sind. A$ap geht jetzt tiefer. Indem er in sich hinein schaut, erweitert er auch seinen Horizont, seinen Blick auf die Welt und beginnt auf einmal echte, tiefgehende Geschichten zu erzählen.

Musikalisch bedient er sich an einsamen Rock Gitarren oder gloomy Soul – aber nicht nur als Stilmittel, sondern, um Stimmungen zu vermitteln, die oft auch düster sein können. Die eigene Stimme kommt dafür umso klarer zum Einsatz – die typischen runtergepitchten "Ahs" verschwinden mehr und mehr in den Hintergrund. Die Tracks nehmen unerwartete Twists, wie in Träumen, die bis kurz vor dem Aufwachen perfekten Sinn ergeben haben. Ein Album wie ein Kaleidoskop, das neben bunten, schönen Formen auch einmal hässliche zeigt. Ein bewusstseinserweiternder Trip. So als hätte A$ap dem Lissie-Song ganz genau zugehört, in dem es auch heißt: "Everything that shine ain’t always gonna be gold."

At.Long.Last.A$ap glänzt nicht, es kämpft nicht um Aufmerksamkeit und es will nicht um jeden Preis gefallen. Und genau das macht es zu musikalischem Gold.

At.Long.Last.A$ap wurde, früher als geplant, am 26. Mai veröffentlicht. A$ap Rocky wird am Hip Hop Open Austria in der Arena Wien zu Gast sein.

Bild(er) © Julian Essink
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