assbiting toiletpaper #026

Politik und Twitter. Eine Studie beleuchtet das österreichische politische Twitternetzwerk. Und es gab ein Präsentationsevent mit Corinna Milborn, Stefan Petzner, Michel Reimon und Armin Wolf als Gäste. Hier ein unaufgefordertes Kommentar des arschbeissenden Toilettenpapiers.

Seit der Präsidentschaftskandidatur 2008 von Barack Obama, spätestens seit dem Arabischen Frühling, ist es den meisten klar, dass es da eine Verbindung geben kann, soll, muss. Zwischen Twitter und Politik. Dieser Zusammenhang war auch Thema einer Studie von Julian Ausserhofer, Axel Kittenberger und Axel Maireder. Dazu kann man hier und hier alles nachlesen oder sich aber gleich die ganze Studie auf twitterpolitik.net besorgen. Nur dieses will ich gesagt haben: Ordentlich geforscht, sauber und kompakt präsentiert, aber ich hätte nix dagegen gehabt, wenn ihr bei der Präse über eure Findings und daraus resultierende Spekulationen ausführlicher elaboriert hättet, gell, Julian, Axel und Axel? [1]

TwitterPolitik: The Event

Der vorhergehende Satz deutet es schon an: Es gab eine Präsentation. Und zwar am Donnerstag, 29. März 2012, im Designforum im Museumsquartier. Die ganze Twitteria Wiens schien versammelt zu sein, drängte sich vor Einlass am Eingang und fuhr dann auch ungeniert die Ellbögen aus um als Erster reinzukommen. [2] Alle wollten dabei sein und rein gefühlsmässig waren sie es auch. Sitzplätze waren ergo begehrte Mangelware, die Hälfte des Publikums lauschte stehend. Was die ganze Meute verband: Smartphones, Tablets, Laptops waren gezückt und geladen. Das ist aber nebensächlich.

(K)eine Diskussion

Im Ablauf zuerst: die Präsentation der Studie. Kommentar dazu, siehe zwei Absätze weiter oben und ganz unten. Part zwei: Panel mit Corinna Milborn, Stefan Petzner, Michel Reimon und Armin Wolf, geleitet von Niko Alm. Klingt spannend. War es aber nicht. Warum nicht? Maybe that’s just me, aber wenn ich schon eine solch illustre Runde zu einem brandaktuellen Thema versammeln kann – und jeder der vier Gäste, auch der Moderator, hat mehr als ausreichend Kompetenzen mitzureden – wünsche ich mir eine Diskussion. Stattdessen wohnte ich einem thematisierten small talk bei, manchmal lustig (prinzipiell immer wenn Petzner den Mund aufmachte, ich vermute jedoch ohne Vorsatz seinerseits), meistens eher der Kategorie "Jo, eh nett…" zuzuordnen.

Unbeantwortete Fragen

Da sind also zwei technologisch und inhaltlich sehr versierte Journalisten, zwei twitter-affine Berufspolitiker aus gegenüberliegenden Lagern und ein gewiefter Medien-Fuchs als Moderator… und trotzdem keine Diskussion zu Themen, wie, oh, sagen wir mal, Twitter als Tool des politischen Zensus? Oder politisches Kommunikationsmittel Twitter anhand der Beispiele, hm, Ägypten oder Iran? Optionen direkter Demokratie via Werkzeug Twitter? Bermerkungen zu diesen und verwandten Punkten fielen beiläufig, aber es entstand kein Diskurs. Sogar als (ich glaub es war) Meral Akin-Hecke (Gründerin von Digitalks) das hypothetische Model einer 100%igen Twitter-Abdeckung aller Österreicher in den Raum stellte und das Podium frug, was das für potentielle Bedeutung haben könnte, kam eigentlich nichts zurück.

Elitäres Twitter

Doch, etwas kam schon zurück. Nämlich, dass Corinna Milborn und Armin Wolf anscheinend nicht ganz unglücklich darüber sind, dass Twitterer in Österreich zur Zeit eine recht überschaubare Gemeinschaft bilden. Eine Elite, wenn mann denn will. Und, ja, Frau Milborn, ich habe natürlich verstanden, dass Sie das nicht als erhaltwenswerten Zustand anpreisen wollten. [3] Wenn ich das richtig erfasst habe, dann meinten Wolf und Milborn wohl einfach, dass sie in so einem Fall mit dem Medium Twitter als journalistisches Mittel beruflich heillos überfordert wären. Ein Standpunkt, den ich nicht ganz nachvollziehen kann. Denn die Anzahl der Interaktionen mit den Accounts von, in diesem Beispiel, Armin Wolf und Corinna Milborn würde vermutlich nicht proportional steigen. Direct Messages kriegt man immer noch nur von den Accounts, denen man selbst folgt. Allein die Möglichkeit mit Hilfe von Tools wie Revisit, StreamGraph, Trendistic, Trends Map oder Tweet Volume (und vielen anderen) das Twitterverhalten ganz Österreichs (in der Theorie) analysieren zu können müsste doch faszinierend sein!

Quo tweetis?

Erschreckend für mich auch, dass der einzige Kommentar zu einer politischen Zukunft, in der Twitter, Facebook und so weiter, zum Kommunikationsalltag gehören oder sogar darüber hinaus Funktionen erfüllen, von der Person kam, von der ich das eigentlich gar nicht hören wollte: Stefan Petzner. Und auch noch eigentlich von den anderen unkommentiert blieb. Schade. Aaaaaaaber, ich lasse hier ja nur meinem Unmut ob versäumter Chancen freien Lauf. Dass ich das gar machen kann, bedeutet ja nur, dass die Veranstaltung am richtigen Thema angesetzt hat, viele Anhaltspunkte bot – wahrscheinlich zu viele um ihnen in jenem Rahmen den entsprechenden Raum zu geben – und in eine höchst interessante Richtung stiess. [4] Das Gespräch zum aktuellen It-Paar Politik und Twitter bleibt weiterhin offen und spannend.

Endtweet

Würdige Studie und gute Veranstaltung, inhaltlich aber bei weitem unter Potential geblieben. Wiederholung und Verbesserung erwünscht. Bitte.

Nuri "werwolf" Nurbachsch

[1] Das hab ich auch gleich rausgetwittert, dafür eine launige Antwort vom The Gap Twitter account kassiert.

[2] Wie beim heissesten Konzert von überhaupt ging es da ab. Dummerweise war mir auch nicht aufgefallen, dass es anscheinend so etwas wie eine Schlange gab, was mir ein paar blaue Flecken und böse Blicke extra einbrachte.

[3] Möchte ich übrigens an dieser Stelle herausstreichen: Dass Cornna Milborn sich die Zeit nahm auf einen meiner Tweets unmittelbar und öffentlich zu reagieren, fand ich sehr lobenswert, dem Thema angemessen und vor allem interpretierte ich da auch eine gewisse Integrität hinein. Applaus.

[4] Nur… Niko Alm, wo blieb der "Berufspolemiker" in Dir, der als Moderator eventuell ein paar Funken aus dem Panel hätte schlagen können? Ging mir ein wenig ab.

Bild(er) © Anna Breit
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