Den Club im Wald suchen

Der St.Pöltner muss für das Kulturprogramm längst nicht mehr nur nach Wien pilgern. Aber wie sieht es mit einer alternativen Jugendsubkultur aus? Wir suchen an einem verregneten Freitag-Abend den Club im Wald und werden am Kulturareal Lames fündig.

Ende der 90er Jahre, eine Zeit in der man als junger St.Pöltner noch zu Recht "Stadt, Land, Flucht" gespielt hat, nimmt ein freies künstlerisches Kollektiv einen Ortswechsel vor. Der Verein heißt Lames und siedelte von seiner ehemaligen Location in der Malerei Frost im Zentrum, zu einem von der Stadt St.Pölten vorgeschlagenem Areal, das von den Gründungsmitgliedern rückblickend nur als "wilder Dschungel" beschrieben wird. Der wilde Dschungel liegt am Spratzener Kirchenweg und ist inzwischen dank über 30.000 ehrenamtlichen Arbeitsstunden in einen botanisch abwechslungsreichen und biodiversen Park verwandelt worden.

Region am Puls der Zeit

Heute beschränkt sich das Verantsaltungsgelände für Livemusik, Performance und Gastro laut Markus Weidmann auf etwa 4.000 Quadratmeter. Zum Campieren und Entspannen steht zusätzlich jedoch noch die gesamte Fläche des Sonnenparks zur Verfügung. Und diese beläuft sich immerhin auf 50.000 Quadratmeter. In zwölf Jahren hat sich zwischen Bäumen und restaurierten Bauernhöfen und Scheunen ein lebendiger Hotspot für alternative Kunst gebildet: Hier geben sich urbanes Fortgeh-Feeling und naturbelassene Grünflächen die Hand. Hier hat Regionalität und Urban-Art noch Zeit und Platz sich gegenseitig zu befruchten.

Wenn man zum Herzstück der Gruppe Lames durchgedrungen ist, hält man erstmals überwältigt und beeindruckt vor den alten Gemäuern mehrerer Häuser inne. "Wir mussten die Gebäude erst umstrukturieren und renovieren da sie noch stark an die Nutzung als Flüchtlingsheim erinnerten. Vor Tausenden von Jahren stand hier eine Mühle und ein Gutshof", erzählt mir Markus Weidmann während er über das Gelände führt. Was im Laufe der Zeit zu Ruinen verfallen wäre, trifft heute wieder den Puls der Zeit. Im Zuge eines bildnerischen Schwerpunkts haben bereits renommierte Street Artists wie Mizzo, Tika, Knarf oder die Atzgerei ihre Spuren auf den Steinen hinterlassen: St.Pölten sei in den letzten Jahren um einiges urbaner geworden sagt man, Graffiti und Street-Art gehört da wohl dazu.

Alle Jahre wieder: Sonnenpark

Regelmäßige Veranstaltungen wie das Festival "Parque del Sol" finden bereits seit sieben Jahren statt und sind inzwischen sowohl programmtechnisch als auch in Bezug auf die Besucherzahl in die breite gewachsen. Elektronisch,- als auch organische Musik, Architektur, Radio-Journalismus, veganes Essen, Kunst und Kultur sind Themen, die an sieben Tagen vorrangig behandelt werden. Die Workshop Schiene boomt auch unter dem Jahr. Trotz schmalem Budget und wenig Promotion hat das Symposium mittlerweile einen guten Ruf in der internationalen Szene.

Warum also schreibt sich die Stadt St.Pölten Lames nicht stärker auf die Fahne? Eine Frage die sich einem Angesichts Frequency, Beatpatrol und Co. aufdrängt. Das Gesprächsklima sei – wie vorab anders vermutet – auffallend gut und auch einem stärkeren Förderungsfluss steht von Seiten des Bürgermeisters Stadler nichts im Wege.

Low Budget mit Herz

In diesem Falle sei aber die "Freie Handlassung" oberste Priorität für die Veranstalter, der Non-Profit hinter Lames felsenfester Leitfaden seit ihrer Gründungsphase. Künstler können zwar nur mit kleinen oder keinen Gagen bezahlt werden, dafür wird die Philosophie auf der Lames aufgebaut wurde, mit höchster Authentizität umgesetzt: Ein nachhaltiger Lebensstil, biologische Ernährung und die Unterstützung der lokalen Kunstszene prägen seit Jahren die Art und Weise wie eingekauft, vermarktet, umgesetzt und kommuniziert wird. Und trotz keinen oder schmalen Gagen werden Künstler hier immer mit offenen Armen empfangen: In der Team-Küche wird gemeinsam gekocht- heute steht knuspriger Wildreis mit Gemüse und Rosinen auf dem Speiseplan- und im oberen Bereich stehen mehrere Schlafplätze für Djs zur Verfügung. Auf einer Matratze unter dem Dachgeschoss liegt ein Karton mit der Aufschrift "Reserviert: Zirkus Maximus Liege". Das herzlichste Low-Budget der Welt.

Und morgen?

Das Leitmotto "Save the Place" des diesjährigen Parque del Sol-Festivals hat leider existenziellen Charakter. Im Jahr 2006 kam die enttäuschende Nachricht, dass eine lokale Wohnbaugenossenschaft Anspruch auf das gesamte Gelände hätte. Scheinbar wurden Bebauungspläne "übersehen". Alternative Grundstücke wurden dem Verein zur Genüge zwar angeboten, ortsgebundene Investitionen der letzten zwölf Jahre sind allerdings unersetzbar. Dass es sich bei Lames um eine temporäre Initiative handelt, will man Angesichts der tragenden Rolle die der Verein in St.Pöltens Jugendkulturszene spielt, nicht hoffen: Ein derartig attraktive Location mit guten infrastrukturellen Anschlüssen für eine kontinuierlich stattfindende Club,- und Festivalkultur lässt sich anderswo schwer finden.

Sollte sich St.Pölten tatsächlich als europäische Kulturstadt präsentieren wollen- wie Matthias Stadler im Interview mit The Gap erstmals öffentlich machte- ist ein privater Verein wie Lames nicht mehr wegzudenken. Vorrangig deswegen, weil Clubkultur in Niederösterreich nach wie vor zu wenig Charme und Individualismus ausstrahlt, Lames das im Vergleich dazu aber zur Genüge bieten kann.

Die Gruppe Lames sind ein gemeinnütziger und privater Verein aus St.Pölten, der seit Ende der 90er Jahre künstlerische Projekte präsentiert und ausstellt. Anfang diesen Monats fand dort zum siebten Mal das "Parque del Sol" Festival statt.

Bild(er) © ©Thomas Schnabel
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