Die Leiden des jungen Chief

Chief Keef ist jung und unberechenbar. Der 18-jährige aus Chicago stammende Rapper ist gleichzeitig Ikone der Straßen als auch ein druckvolles Zeugnis der sozialen Umstände seiner Heimatstadt. Auf den ersten Blick wirkt er ausgelassen, vulgär, gewalttätig.

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Trap-Music: der letzte große Genrebegriff, der aus dem Hip Hop der Vereinigten Staaten zu uns nach Europa schwappte. Dicke 808-Kickdrums, harte Hi-Hats – die tonale Seite der Musik kommt aus dem Süden. UGK, Three Six Mafia, später Gucci Mane: das sind die großen Namen, die den Stil weiterentwickelten. Mittlerweile ist der Sound hier auch in der Disco angekommen. EDM-DJ’s der ganzen Welt leihen sich seit ein paar Jahren Elemente aus, oder erschaffen neue Kreuzungen. Meistens ist das dann weniger Lokalbericht aus den Drogenmilieus, wie die früheren Trap-Formen, sondern ein bestimmter Aufruf zum Feiern. Trap ist auch ein großer Teil des musikalischen Gerüsts, das Chief Keef stützt. Der junge Entporkömmling aus Chicago verschaffte sich mit seinem brutalen Hit "Don’t Like" ordentlich Gehör, und konnte so in eine neue Liga aufsteigen. Features mit Kanye West und 50 Cent, ein Studio-Album und ein paar Mixtapes, die heftig kritisert wurden, kamen danach.

Bauchgefühl

Es ist verständlich, dass viele Musikliebhaber lieber beim europäischen Dance-Pendant der Musik bleiben. Denn moderner Trap-Hop ist im Falle Chief Keefs vor allem eines: erbarmungslos. Die Welt wird als dunkle, gewaltbetonte Drogenszene beschrieben. Es geht vor allem um eines: Geld. Die Beats sind natürlich rhythmisch mitreißend, aber sehr oft lärmend. Die Instrumentation ist dermaßen vollgefüllt mit Bass, Streichern, Drumsounds, es wirkt leicht überladen. Über diese Komponenten lässt sich insgesamt also natürlich streiten. Fest steht, dass Chief Keef und viele seiner Kollegen wie Lil Reese oder Lil Durk eine neue Form von Hip Hop ins Rollen gebracht haben.

Chief Keef überzeugt jedoch vor allem mit seiner unangestrengten Art. Klar, das kann man auch so interpretieren: der gibt sich keine Mühe. In den Stücken spiegelt sich eine Person wieder, die vieles erlebt hat. Kriminalität seit jungen Jahren, ein feindliches Umfeld, Drogen. Er inszeniert sich als Produkt seines Umfeldes. Das ist natürlich die klassische Ausrede.

Zurückhaltend

Wenn er in Interviews nicht reden will, wirkt er unhöflich. Doch vielmehr als eine linguistische Schwäche (die man ihm bei seinen monotonen Raps durchaus vorwerfen könnte) oder sein angebliches Asperger-Syndrom sind es vor allem die Erfahrungen, die der Chicagoer im Laufe der Zeit durchmachen musste. Dass Chicago ein hartes Pflaster ist, ist nichts Neues. Dass Chief Keef nicht unbescholten ist, was Konflikte mit dem Gesetz betrifft, ebenfalls nicht. Immer wieder landet er für ein paar Monate oder Wochen im Gefängnis, um danach scheinbar unverändert rauszukommen. Moral ist in dieser Geschichte zweitrangig. Das Geld ist da, das Gras ist da, die Autos sind da. Und genau das ist es, was es so spannend macht: diese Ghettoträume sind zwar erfüllt, jedoch bleibt die Frage: was kommt danach?

Chief Keef ist ein modernes Sinnbild für den Materialismus im Hip Hop. Er ist jung, und an einem Punkt, wo er so vieles erreicht hat, dass eigentlich nur noch die Flucht in einen Nebel aus Drogen bleibt. Die Musik ist Zeuge dieser Entwicklung. In ihrer brutalen Simplizität sind die Tracks auch Zeuge eines Mannes, der unter krassen Umständen aufgewachsen ist, und die ganze Welt an den Folgen teilhaben lässt. Man darf in dem Fall nicht zu viel nachdenken.

Chief Keefs letztes offizielles Mixtape "Almighty So" (es gibt zahlreiche Compilations von Fans) ist gratis zum Download erhältlich.

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