Die Seestadt-Saga: Vom Schauspielhaus in die Stadt und ins Netz

Mit seiner neuen Arbeit „Die Seestadt-Saga“ erprobt das Schauspielhaus ein durchlässiges Theater.

© Die Seestadt-Saga © Schauspielhaus Wien

Ende September startete das Wiener Schauspielhaus in seine dritte Saison unter der Leitung von Intendant Tomas Schweigen. Nach der Premiere von „Golem oder der überflüssige Menschen“ steht derzeit ein groß angelegtes Experiment auf dem Programm: „Die Seestadt-Saga“ verlegt das Theater aus dem geschlossenen Bühnenraum einerseits in den Alltag der Seestadt Aspern und andererseits auf Social-Media Kanäle und die Website. Ein Ansatz, der selten so durchdacht und vielschichtig präsentiert wurde.

Inhaltlich treffen sich hier eine junge Dokumentarfilmerin (Nicola von Leffern von Apesframed), die jeden Tag eine Stunde lang in der Seestadt drehen will, oder auch ein Schaupielerpaar, das am Schauspielhaus arbeitet und mit der Tochter in die Seestadt zieht. Weiters einen Versicherungsmakler, ein junger Gründer einer poltischen Bewegung, verschwundene Personen und einen Kriminalfall. Die Geschichte wird über die Social Media-Profile der Figuren erzählt, man kann aber auch vor Ort mit in Aktion treten und die Figuren besuchen. Die Website fasst die Handlung rudimentär zusammen und gibt einen Über- und Einblick. Die Online-Interaktionen mit dem Publikum und deren Online-Kontakten fließen zurück in das Stück. Die Grundstory und ihre Meilensteine sind auf einer Wand im Writers Room des Schauspielhauses in der Wiener Porzellangasse skizziert, ein Pool von Autoren, zu dem auch Bernhard Studlar und Lorenz Langenegger gehören, entwickelt die Story weiter. Der aktuelle Zyklus ist ein erste Staffel, eine zweite, in dem dann auch die eigene Erzählweise reflektiert wird, ist bereits geplant.

#live – hab da was gesehen !!!!

Posted by Nora and the See on Samstag, 28. Oktober 2017

„Die Seestadt-Saga“ verbindet damit vieles, für das das Schauspielhaus seit der neuen Intendanz steht. Für Intendant Tomas Schweigen, der hier auch Regie führt, steht bei diesem Stück unter anderem das Serienhafte im Vordergrund: „Eine Serie kann immer komplexer erzählen als Film oder Theater, weil sie nicht an einem Abend abgeschlossen funktionieren muss. Unser Erzählmedium sind die sozialen Medien, die sonst aktuell für den Wahlkampf oder auch zur privaten Inszenierung genutzt werden.“ Am Tag meines Besuchs im Schauspielhaus, haben die Profile der Figuren die Plakate mit der Suche nach der vermissten Person gepostet, der Schauspieler Schindl Egger (Sebastian Schindegger) hat uns wissen lassen, dass er Abends alleine ist und das Publikum zu einem Filmladen eingeladen. Wenn sich Besucher und Figuren dabei Abends über die verschwundene Person unterhalten, kann das gesagte in die weitere Erzählung mit einfließen: „Sebastian wird sich mit dem Publikum einen Charlie Kaufman-Film ansehen, wir fanden das wegen der Ebenen mit denen dieser oft spielt, inhaltlich passend“, erzählt Tomas Schweigen. Bernhard Studlar weist darauf hin, dass es diese Interaktionen und Details sind, die man versäumt, wenn man sich nur die Zusammenfassungen online ansieht.

Für die Macher ist es dabei durchaus von Interesse, dass die meisten Zuseher eben nicht alles sehen werden und sich am Ende auch keine endgültige Fassung schlüssig „auf eine DVD brennen“ lässt. Das Publikum ist eben dazu aufgerufen aktiv mitzumachen, etwa bei einer der Figuren wie dem Makler – Handynummern werden immer wieder bekannt gegeben – anzurufen und mitzureden. Entscheidend ist für Thomas Schweigen dabei, vom Theaterraum wegzugehen und diesen zu verlassen: „Wir verlegen dabei nicht nur den Theaterraum hinaus, sondern werden auch extrem durchlässig. Es gibt viele Tore, durch die man dabei sein kann. Eines davon ist etwa die poltische Gruppierung Liste Seestadt, die eine junge Figur gründet. Manche Personen, die die Serie nicht kannten, nahmen an deren Evens teil, und mussten erst draufkommen, was hier gespielt wird.“ Bei all diesen Experimenten ist es dem Schauspielhaus wichtig, hier nicht die eine erstrebenswerte Zukunft des Theaters zu sehen, sondern nur eine Möglichkeit die „Ränder abzuklopfen und Interesse zu zeigen“. Im Gespräch bezieht sich Schweigen immer wieder auf seinen Versuch verschiedenen aktuellen Formen des Autorentheaters im Schauspielhaus Platz zu bieten. Auch für Bernhard Studlar ist es reizvoll im Autorenteam der Seestadt-Sags die Hierarchien aufzulösen und in einer neuen Form als Team zu arbeiten. Eine Offenheit, die als spannend empfunden wird.

Seestadt-Saga – Das war Woche 1 from Seestadt-Saga on Vimeo.

Entscheidend für die letzten drei Jahre und die neue Saison ist ohne Zweifel das absolut großartige Ensemble, auf das man sich auch als Zuseher verlassen kann. Simon Bauer, Sebastian Schindegger, Vassilissa Reznikoff oder auch Steffen Link sorgen dafür, dass selbst weniger gelungene Texte zum Vergnügen werden. Ihre Form des Arbeitens ist wie Schweigen erzählt Allen ein anliegen und die starke Verbindung vom Haus und seinen Schauspielern ist eben tatsächlich auch spürbar: „Das bringt uns in der Arbeit auch Stabilität, es gibt uns die Möglichkeit, gemeinsam kontinuierlich zu wachsen.“ Sichtbar ist dies auch daran, dass es in den meisten Stücken keine klaren Haupt- und Nebenfiguren gibt.

Während sich „Sie Seestadt-Saga“ in großen Teilen auf Online und Digitalität verlässt, hatte man bisher zuweilen den Eindruck, dass manche Stücke kritisch gegenüber Technologie eingestellt sind. Ein Eindruck den Schweigen nicht ganz bestätigen kann: „Nicht nur, dass wir uns absolut bewusst sind, dass wir diese Kanäle brauchen um unsere Stücke zu kommunizieren und unser Publikum zu erreichen. Es geht es darüber hinaus auch nicht um eine Ablehnung, sondern eher einen kritisch hinterfragenden Umgang.“ Ganz ohne Zweifel ist das Schauspielhaus mit „Golem“ und „Die Seestadt-Saga“ in eine weitere spannende Saison gestartet.

Die Website der „Die Seestadt-Saga“ dient als zentraler Hub und Info-Quelle.

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