Die Waffen wieder

"Wie das eben so ist in der Provinz: Man kennt die Nazis" – Metal-Sänger und langjähriger The Gap-Autor Alexander Lippmann begibt sich in seinem ersten Krimi "Sumpfwandertag" ins linksextreme wie ins rechtsextreme Milieu. Ein E-Mail-Interview über Ottakringer Hungerrevolten, Waldviertler Neonazifestivals und sein eigenes Kleinbürgertum.

Hagen droht für einen politischen Mord belangt zu werden, den er nicht begangen hat. Die Umstände, in die er gestolpert ist, bleiben lange verwirrend. Um sich selbst mehr Klarheit zu verschaffen, taucht er under cover in die Neonaziszene ab und begibt sich für ein "Festival der nationalen Kulturgutpflege" nach Waldzell. Deine eigene linke Sozialisierung ist offenkundig. Wie hast du denn über die rechte Szene recherchiert?

Glücklicherweise gibt es genügend Quellen, die die Aktivitäten der rechtsradikaler Gruppierungen unter großem Einsatz dokumentieren. Ob das jetzt das "Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes" ist oder das "Antifaschistische Infoblatt", es herrscht kein Mangel an Informationen über Entwicklungen in der der rechten Szene. Insbesondere die autonomen Neonazis und freien Kameradschaften im Ruhrgebiet haben mich bei den Recherchen stark beschäftigt, gerade auch in der Verbindung von modernen Szene-Codes mit militantem Nationalismus. Außerdem hat mich meine eigene, ländliche Sozialisierung auch mit einigen Leuten in Kontakt gebracht, die sich weit rechts politisiert haben. Wie das eben so ist in der Provinz: man kennt die Nazis.

Du gehst mit deinem Protagonisten hart ins Gericht. Farid, der bald darauf ermordet wird, wirft ihm vor: "Du bist der lebende Kompromiss, Hagen". Als man Hagen später den Mord an Farid anhängen will, meint eine alte Hausbesetzerin: "Du warst immer ein wankelmütiger Kleinbürger und außerdem ein Raufbold, aber das (der Mordvorwurf, Anm.) ist ja wohl lächerlich". Wieviel von Hagen steckt denn in dir selbst?

Ich bin natürlich auch ein wankelmütiger Kleinbürger, sonst würde ich ja keine Krimis schreiben, sondern die Revolution vorbereiten. Hagen treibt die Frage um, wie man zu seinen Idealen stehen kann, obwohl man sich damit das Leben ziemlich schwer macht. Und ich kenne einige Linke, die sich die gleiche Frage stellen, spätestens wenn sie das Studium abgeschlossen haben. Das ist definitiv ein Thema, das mich selbst beschäftigt, an dem ich mich auch abarbeite. Hagen kann dieser Frage, in der zugespitzten Situation in die ich ihn stoße, nicht ausweichen und muss sich den Konsequenzen stellen.

Gibt es irgendwelche Charaktere, mit denen du besonders sympathisierst?

Besondere Sympathien habe ich für Else, die alte Hausbesetzerin, weil sie für mich eine historische Kontinuität linker Politik repräsentiert, die hierzulande schwer zu finden ist. Nach Austrofaschismus und Nationalsozialismus ist es in Österreich nicht gerade selbstverständlich, von der Großelterngeneration links überholt zu werden.

Die Rechte ist in "Sumpfwandertag" zersplittert. Die FPÖ gibt es nicht mehr, dafür gibt es höchst radikale Neonazigruppen, die Asylheime abfackeln. War dir Realismus ein Anliegen?

Nein, aber ich denke auch nicht, dass solche Entwicklungen völlig unmöglich wären. Alles was ich beschreibe, ist in der einen oder anderen Form ja auch schon passiert. Ich habe seit der Fertigstellung des Buches jede Woche reale Meldungen gelesen, die meinen Ideen an Brisanz in nichts nachstehen: Hooligans gegen Salafisten, die Demo der Identitären in Wien, der Prozess gegen Josef, der Überfall auf das Ernst Kirchweger Haus, die Mordserie der NSU und die Rolle des Verfassungsschutzes etc. Ganz abgesehen von Ereignissen der jüngeren Geschichte wie z.B. im Italien der 1970er Jahre, als rechtsradikaler Terrorismus im Rahmen der "Strategie der Spannung" zum politischen Geschäft gehörte. Natürlich ist die Story fiktiv, für unrealistisch halte ich sie aber nicht.

Wie gehst du denn mit dem Wissen um, dass womöglich Neonazis dein Buch lesen, um besser über die linke Szene Bescheid zu wissen?

Ich bin sicher, dass Neonazis andere Quellen zur Verfügung haben und kaum auf meinen Roman angewiesen sind, um herauszufinden, was Linke über sie denken.

Du spielst selbst in einer Metal Band, bist gewissermaßen Pop-geschult. Abgesehen von Orts-Koordinaten über das Museumsquartier ("Im Wesentlichen war das MQ ein Freilufteinkaufszentrum für Touris und Einheimische, die kulturelles Kapital anhäufen wollten"), ein wenig Lokalkolorit, der Erwähnung von Dumpstern und einer Veganismus-Andeutung ("Der Mohnstriezel ist ohne Milch und Ei") gibt es in "Sumpfwandertag" kaum Pop- und Szene-Referenzen. Hast du darauf bewusst verzichtet?

Mein Protagonist ist schlicht kein "Szene-Typ" in diesem Sinn, deshalb gibt es auch keine Kommentare in diese Richtung. Ob ich als Autor das interessant finde, ist in dem Fall nicht besonders relevant. Hagen Steiner liest im Vergleich zu mir auch sicher keine Romane, sondern vor allem Zeitung.

Dein Verlag ist keiner, dessen Veröffentlichungen flächendeckend im Buchhandel vertreten sind. Wo bekomme ich denn dein Buch wenn ich beispielsweise auf Amazon verzichten möchte?

Das Buch kann in jeder Buchhandlung bestellt werden, ansonsten gibt es natürlich auch immer die Möglichkeit, direkt beim Verlag zu bestellen. Speziellere Buchhandlungen wie zb. Lhotzkys Literaturbuffet, die Buchhandlung Löwenherz, die Libreria Utopia (alle in Wien) oder die Schwarzen Risse in Berlin haben das Buch auch mit ziemlicher Sicherheit lagernd.

"Sumpfwandertag" von Alexander Lippmann ist im Wiener Zaglossus Verlag erschienen. Der Autor und Herausgeber Thomas Weber auf Twitter: @th_weber

Bild(er) © Nina Witjes
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