Ein Mann und sein Plattenspieler

Für sein Projekt And the Golden Choir hat Tobias Siebert alle Stücke selbst erarbeitet, alle Instrumente alleine eingespielt, sich selbst produziert. Abends steht er alleine auf der Bühne – bloß begleitet von seinem Plattenspieler. Schauen wir uns das an.

Und was hat das mit dir zu tun?

Gar nichts (lacht). Das ist erfunden. Aber wenn wir ehrlich sind, kennen wir die Situation, dass es mal gut, mal schlecht läuft. Insofern ist es schon auch selbst erlebt. Und so ist es gedacht: Dass man weiß, dass es nach einer schlechten Zeit auch wieder bergauf geht.

Der Musikexpress sagt, du machst „opulenten Indie-Gospel“. Ich sag, du machst Singer/Songwriter-Mucke mit Backgroundmusik. Und was sagst du?

Ich finde mein Schaffen mit Gospel ganz gut beschrieben, weil ich sehr viel Gewichtung auf Chöre lege. Ich singe sehr viel mit mir im Studio, also ich schichte meine Stimme übereinander, damit das dann nach großem Chor klingt. Ich verstelle meine Stimme auch, die kriegt dann was Kehliges, was durchaus Gospel- oder Blues-Anleihen hat. Meine Musik kann man nicht Popmusik nennen, obwohl es darin, glaub ich, klare Popmelodien gibt, sie hat aber auch was Jazziges, Bluesiges. Aus der Ecke kommt auch der Gospel… insofern fand ich den Gospelvergleich total schön.

Der Chor spielt bei mir eine sehr große Rolle, deswegen kommt er auch im Namen vor, und ich würde auch super gerne mal mit einem Chor auf Tour gehen! Chor und Hall haben eine Größe, die mir sehr gut steht, die ich sehr mag.

Wer sind denn deine musikalischen Einflüsse bei And the Golden Choir?

Ah, da gibt’s sehr viele, Das hat sicher auch viel mit meiner Lieblingsband The Cure zu tun, da kommen wohl die poppigen Melodien her. Ich mag sehr gern Talk Talk, die haben in den 80ern tolle poppige Hits geschrieben, die aber nicht so einfach, sondern immer auch sehr gehaltvoll waren. Die späteren Werke sind musikalisch dann sehr explodiert, es gibt so sechs, sieben, acht oder neun Minuten lange Stücke, wo einmal kurz gesungen wird. Die haben sich in einer Kirche verschanzt und die erste Form von Post Rock erfunden, sagt man zumindest, indem sie auf allen möglichen Dingen herumgeschlagen haben und sehr abstrakte Musik geformt haben. Die haben mich inspiriert!

Ich bin ein großer Fan von PJ Harvey, ich mag Dead Can Dance, daher kommen die ganzen besonderen Instrumente, die ich verwende, wie zum Beispiel das Hackbrett. Ich hör auch sehr viel Klassik und Jazz – und all das formt sich, wenn ich im Studio sitz’, zu einem großen Farbfeld, aus dem ich dann schöpfen kann, ohne dass ich was kopiere, würd’ ich zumindest sagen. Diese Einflüsse nimmst du auf, die fließen durch dich durch und werden im kreativen Prozess wieder ausgeschüttet.

Du hast wohl 2000 als Solothob eine Soloplatte veröffentlicht, dann aber jahrelang mit oder in Bands gespielt. Warum machst du das, was du musikalisch umsetzt, nicht mit Begleitband?

Ich war 20 Jahre mit Delbo und Klez.e viel unterwegs, wir haben in den Bands viel Musik geschrieben und erfunden… was auch toll ist, wenn man sich gegenseitig inspiriert, Aber das war nach 20 Jahren für mich ein bisschen ausgereizt und ich wollte unbedingt mal gerne alleine was probieren und auch Instrumente spielen, die ich eigentlich nicht spielen kann… ich bin ja eigentlich kein Schlagzeuger, aber es war dann so interessant sich vor’s Schlagzeug zu setzen und einfach irgendwas zu trommeln… vom Schlagzeug ausgehend sind auch Stücke entstanden. Ich hab nicht den klassischen Weg bestritten, mit der Akustikgitarre ein Lied zu schreiben und das dann im Studio aufzunehmen. Ich hab mit irgendwas an einer beliebigen Stelle begonnen, um ein Ergebnis zu finden, das für mich selbst interessant bleibt. Alle meine Stücke sind auf diese Weise entstanden.

Man muss betonen: Du hast alles selbst aufgenommen, auch die Instrumente, die du gar nicht beherrscht.

Die habe ich solange gespielt, bis ich dachte, das eiert zwar noch, was aber ja nicht stört, und dann bin ich zum nächsten Instrument gegangen.

Wie viele verschiedene Instrumente hast du denn benutzt?

Viele! Schlagzeug, Bass, Gitarre, Klavier, mehrere Keyboards, Violine. Ich bin Instrumentensammler, so kommen einige exotische dazu: Autoharp, Hackbrett, Thüringer Waldzither, sehr viele Perkussionsinstrumente. Die habe ich immer Schicht für Schicht übereinander gepackt. Und dazu habe ich viele Mal meine Stimme gesungen, sodass es nach Chor klingt.

Das wirklich Originelle ist aber, dass du allein auf der Bühne stehst, diverse Instrumente live spielst – aber der ganze Rest, die vielen Instrumente, spielst du von einer Schallplatte ab.

Genau. Es gibt pro Schallplattenseite nur ein Lied, es wird also viel umgedreht und viel Wein getrunken. Das Schallplattenwechseln ist für mich ein guter Ruhepunkt, um von Stück zu Stück zu kommen. Eigentlich hören das Publikum und ich gemeinsam die Schallplatte, ich sing dann halt noch ein wenig dazu und spiel’ ein Instrument. Ich habe mich bewusst gegen einen Computer oder CD-Player und für ein analoges Medium entschieden. Ich find’ das sehr wichtig, dass sich irgendwo was bewegt, wenn ich aus dem Augenwinkel in die Runde gucke. Die Platte ist wie ein Mitmusiker. Die Platte und ich sind ständig im gegenseitigen Austausch!

Kann man die Stücke instrumental kaufen?

Bisher noch nicht. Ich hab aber schon darüber nachgedacht – und ich werd’ es wohl machen.

Und wie reagiert das Publikum, wie ist die Resonanz auf die Platte?

Super! Es rieselt ein kleiner Goldregen! Das Publikum ist jeden Abend begeistert. Ich vom Publikum, das Publikum von mir – wir sind eine tolle Runde!

Es kam auch in Wien offensichtlich sehr gut an. Eineinhalb Stunden Konzert, mit Musik, die auch eine gewisse Konzentration verlangt – und das Publikum blieb völlig bei der Sache, ohne zu quatschen zu beginnen.

Das kenn’ ich auch gar nicht, im Gegenteil. Ich hab immer den Eindruck, dass gerne eine Zugabe gehört wird. Irgendwann hab’ ich dann bloß nichts mehr anzubieten, ich bin dann ausgespielt.

Mehr davon? Das Debüt-Album „Another Half Life“ erschien Anfang 2015 auf Cargo Records, dazu gibt es zwei offizielle Videos. Den Live-Charakter kann man am besten bei TVNoir erleben.

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