Emmys 2014 wählen beste Serien

Die 66. Emmy Awards stehen vor der Tür. Die Serien-Oscars waren für uns der Anlass bei Experten nachzufragen, ob und inwiefern Serien mit dem Medium Film konkurrieren.

Die Creative Emmy Awards waren schon. Da wurden nicht die ausgezeichnet, die vor der Kamera stehen, sondern jene, die mit Casting, Make-Up, Kostüm, Post-Pro und für alles andere zuständig sind und viel zu wenig Fame abbekommen. Nun sind die originalen Emmys an der Reihe. Die Serien-Oscars.

Highlights

Mit 19 Nominierungen geht »Game of Thrones« in Führung, dicht gefolgt von »Fargo« mit 18, »American Horror Story: Coven« mit 17 und »Breaking Bad« mit 16 Nominierungen. Damit wurde der Sender HBO insgesamt ganze 99 Mal nominiert. Auch die Netflix-Serie »Orange is the New Black« hat als Newcomer 12 Nominierungen, sowie 13 für »House of Cards«. Bei den Drama Serien konkurrieren »Breaking Bad«, »Downtown Abbey«, »Game of Thrones«, »House of Cards«, »Mad Men« und »True Detective« miteinander. In der Kategorie »Outstanding Lead Actor« geht’s u.a. zwischen Matthew McConaughey, der dieses Jahr schon einen Oscar als Bester Hauptdarsteller in »Dallas Buyers Club« abgeräumt hat und Woody Harrelson (zwei Mal für den Oscar nominiert worden) um die Wurst.

Serie oder Film?

Weil mittlerweile ja fast mehr über Serien als über Filme geredet wird und immer wieder so getan wird, als wären Serien die neuen Filme, haben wir einige Experten um ihre Meinung gebeten. Während Serien bei Schauspielern und Regisseuren lange als zweite Wahl galten, hat sich das mittlerweile geändert. Die Produktionen werden immer teurer. Vor allem aber fordern sie von den Fans viel Aufmerksamkeit, begleiten sie und liefern so immer wieder neuen Gesprächsstoff. Sie bilden dadurch einen dichteren sozialen Kitt als die Filme. Und weil Serien mit diversen Web-Services und privaten Anbietern wie Sky gleichzeitig wie in den USA verfügbar sind, stellen sie eine Gleichzeitigkeit her, die Filme mit ihren gestaffelten Startterminen dies- und jenseits des Teiches weniger bieten können.

Natürlich sind Serien nicht die neuen Filme. Weil das Medium aber ja nicht ganz unähnlich ist, wie verhält sich das nun genau?

Ist Serie wirklich der neue Film und woran lässt sich das besonders gut ablesen?

Anna Wallner (Ressortleitung Leben & Medien, Die Presse)

Nicht überall wo Serie draufsteht, ist auch automatisch etwas Gutes drin. Es ist derzeit einfach in Mode, Serien zu loben. So muss das auch in etwa gewesen sein, als es vor gut 300 Jahren plötzlich angesehen war, Romane zu lesen. Freilich hat das große Interesse an Serien auch etwas mit der Sehnsucht nach etwas Beständigem, Bleibendem zu tun. Ein Film ist nach einem Abend im Kino oder Sofa um. Eine Serie kann einen Wochen, Monate oder Jahre begleiten, Frank Underwood (»House of Cards«), Lady Mary (»Downton Abbey«) oder Walter White (»Breaking Bad«) werden beinah zu Freunden, deren Entwicklung man aus der Ferne beobachtet.

Schuld an dieser Renaissance der Serie ist wohl das Internet mit all seinen jüngsten Ausformungen, wie Streaming-Diensten und ja, auch illegalen Film-Sharing-Plattformen. Heute ist niemand mehr auf Fernsehsender oder den Release der neuesten DVD-Box angewiesen. Jeder schaut die Folge seiner neuesten Lieblingsserie, wie, wann und wo er will – aber am besten sofort und gerne in der Originalsprache.

Diese Entwicklungen gehen natürlich auch an Filmemachern nicht spurlos vorüber, die sich nun verstärkt auf das neue Modefeld konzentrieren. Bestes Beispiel dafür: Regisseur Steven Soderbergh, der vor zwei Jahren erklärte, das Filmgeschäft zu verlassen und soeben lief seine Krankenhaus-Serie »The Knick« an.

Anna Katharina Laggner (Filmexpertin bei FM4)

Natürlich ist Serie nicht der neue Film. Genauso wie das Kino das Theater nicht ersetzt hat, beziehungsweise ersetzt, ersetzt die Serie nicht den Film. Maximal kann man behaupten, dass die Waschmaschine die Waschrumpel ersetzt hat, weshalb es keine Waschtage mit Mohnnudeln mehr gibt und mittlerweile auch Frauen Erwerbsarbeit nachgehen. Dennoch ist keine einzige der für die Emmys in der Hauptkategorie »Beste Drama-Serie« nominierten Serien von einer Frau entwickelt worden. Woran liegt das?

Die Antwort auf eure Frage ist einfach: wir sprechen von zwei unterschiedlichen audiovisuellen Medien, der Serie und dem Film. Man kann diese beiden Vermittler von Kommunikation und Träger von Geschichten miteinander vergleichen, man kann beobachten, wie sie einander beeinflussen, weil Medien per definitionem durchlässig, porös und undicht sind. Aber das eine ist genauso viel oder wenig wert wie das andere und die beiden können nicht gegeneinander ausgetauscht werden. Würde ich beginnen, in großem Stile Serien zu schauen, wenn es den Film, wenn es das Kino nicht mehr gäbe? Ich glaube nicht, aber mir würde etwas fehlen.

Jakob M. Erwa (Drehbuchautor & Regisseur)

Serie ist selbstverständlich nicht der neue Film. Film bleibt Film. Aber Serie eröffnet durch andere Strukturen und Dimensionen auch andere Möglichkeiten. Speziell, wenn Serien nicht mit Mikro-Budgets ausgestattet sind, kann wirkliche gehaltvolle Unterhaltung entstehen. Man kann Charaktere und Geschichten viel detaillierter und über lange Zeiträume entwickeln und somit eine viel engere Bindung und Identifikation schaffen.

Pamela Rußmann (TV-Redakteurin, Willkommen Österreich, Fotografin)

Immer ist irgendwas »das Neue« Soundso. Das muss im Listen- und Verkürzungs-Journalismus wohl mittlerweile so sein, um Aufmerksamkeit zu erhaschen. Abgesehen davon: es gibt seit etwa zehn, fünfzehn Jahren tatsächlich eine ganze Latte an US-amerikanischen und britischen Serien-Produktionen (und auf die beziehen sich ja die »Ich schau alles in der Originalfassung«-Auskenner und Auskennerinnen zumeist), die von Beginn bis Ende professionell geführte, finanziell proper ausgestattete Herzblut-und Hirn-Produktionen sind und die in jedem Department auf einem sehr hohen Level agieren: die Autoren und Autorinnen sind erzählerisch brillant, vielfältig, unvorsichtig, mutig, kompromisslos und machen aus einer einzeiligen Grundidee ein komplexes Universum, das mich fordert und fasziniert; fesselnd dargestellt von Schauspielern und Schauspielerinnen, denen ich alles abkaufe, egal ob psychisch auffällige CIA-Agentin, korrupter, zerfleischender Politiker oder wohlstandsverwahrloste Mittzwanziger mit zu viel Freizeit. Da passt der Soundtrack, da stellt’s mir beim Vorspann schon die Haare im Nacken auf, da freut mich die Kamera, der Look, der Ton, die Ausstattung, da ist alles stimmig, geschmeidig, »organisch« könnte man sagen.

Das gesamte Unternehmen hat einen »aus Fleisch und Blut«-Charakter, ein Zahnrad greift reibungslos ins andere über, es packt mich, ich fürchte mich, ich leide mit, ich lache, ich weine, ich sehe etwas, was ich noch nie gesehen habe, ich werde überrascht, ich will reinkriechen in den Bildschirm, und das alles zu Hause, in meinen eigenen vier Wänden, auf meiner Couch, wo ich mich ungeschützt ausliefern kann, und ich will im besten Fall immer: MEHR DAVON. (z.B. »True Detective«, »Rectify«, »House of Cards«, »Masters of Sex«, »Homeland«, »Modern Family«, »Orange is the New Black«, … to name just a few).

Sky Austria überträgt auf TNT Serie/HD die Live-Verleihung der 66. Emmy Awards 2014 ab 1:30.

Bild(er) © youtube.com, Invision/AP, enemy.at
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