Ernesty International Wieder Im All

Ernesty International präsentiert sein neues Album "Not A Ship An Aeroplane" und beantwortet ein paar Fragen. Schwer einordenbar, aber einzigartig ist er auch im Interview.

Dein neues Album »Not A Ship An Aeroplane« schließt für mich beim Vorgänger »It Could Be The Sun, Mr. President« an. Du scheinst eine eigene musikalische Sprache gefunden zu haben, während das Debut noch von einer größeren stilistischen Breite geprägt war?

Mir ist klar, dass sich die drei Platten unterscheiden, und dass schon eine Entwicklung zu erkennen ist, für mich fühlt es sich aber nicht so an, als ob die stilistische Breite weniger geworden ist. Für mich ist der ganze Liedschreib-, Arrangier- und Aufnahmeprozess etwas sehr Geheimnisvolles und Wundersames, und ich kenne wenig Sachen, bei denen ich mich so im Moment fühle, so sehr das Gefühl habe, dass ich jetzt genau das mache, das ich machen mag, und dass ich nirgendwo anders sein will.

Für Selbstzweifel und Perfektionismus ist da sehr wenig Platz, es ist ein ziemlich stetes und optimistisches Vorwärtsgehen, und meistens nehme ich die erste Idee, die mir kommt, wenn es z.B. darum geht, jetzt den Bass einzuspielen oder eine Überstimme zu basteln. Wenn ich in den Momenten also meine musikalische Sprache finde und sie uncodiert vor mir liegt, ist das – blumig formuliert – meistens eine sehr zauberhafte Begegnung mit mir selber und irgendeinem inneren Feuer, das sich wenig um Stile oder die bisherige Geschichte der Popmusik schert.

Was hat es mit dem All und dem Weltraum auf sich? Das spielt nun schon drei Alben eine Rolle.

Ich glaube, ich mag einfach das Bild der Entfremdung und Heimatlosigkeit, das ich mit einem Astronauten verbinde. Jemand, der nicht mal auf der Erde ist, diese vielleicht auch noch durch ein kleines Raumschifffensterchen aus der Entfernung sieht, jemand, der in einem dicken Anzug steckt und sein eigenes Luftgemisch einatmet, jemand, der wo ist, wo er eigentlich nicht hingehört und wo es sehr, sehr still ist. Da gibt es eine große Sehnsucht nach Nähe und nach Geborgenheit und Unter-Leuten-Sein und sich dort auch wohl fühlen.

Zwei Bilder haben mich da schon immer fasziniert, und die sind bei Platte 1 und 2 am Cover drauf: bei der ersten das Bild, dass ein Mensch sich auf der Erde wähnt, (wie eigentlich ja die meisten von uns) hier sein Leben lebt, in einer schlaflosen Nacht aber am Horizont die Erde (den blauen Planeten) aufgehen sieht. Wo bin ich? (Ich glaub, diese Frage ist in dem Fall berechtigt). Bei der zweiten Platte das Bild, dass jemand das Ziel hat, auf der Sonne zu landen, wobei die Sonne ja grundsätzlich als was Positives, das Leben ermöglichendes, wahrgenommen wird, eine zu hemmungslose Annäherung allerdings dann eher gefährlich ist.

Deine Musik lässt sich grob als eine Spielart von Amerikana oder Folk einordnen. Wie sieht das Referenzsystem aus, deine musikalische Sozialisation?

Ich kann auch nicht im einzelnen darlegen, was mich geprägt hat als Liedschreiber. Ich bin so mit 13 auf Bruce Springsteen gestoßen, und da war ich ein richtig großer Fan, Bruce war mein erster Superhero, so mit 16 hab ich mir dann mal zufällig die erste Bob Dylan-Greatest Hits gekauft (mit den frühen Sechziger-Sachen), und das hat unglaublich bei mir eingeschlagen. Hab mir dann im Laufe der nächsten Monate und Jahre immer neue Dylan-Platten gekauft, einfach nach dem Cover. Ich glaube, dass ich zwei Jahre lang so gut wie nicht anderes gehört habe, die damals aktuellen Sachen hab ich einfach nicht mitbekommen.

Später sind noch Neil Young und Leonard Cohen dazu gekommen. Meine Annäherung an die Jetzt-Zeit passierte, als mir meine damalige Freundin „The Bends“ von Radiohead vorgespielt hat. Ich weiß noch, was für eine dunkle und depressive Kraft diese Platte auf mich ausgestrahlt hat, und dass ich mich monatelang vor ihr gefürchtet hab. Bis ich sie mir dann mal gekauft habe. So hab ich dann langsam weitere Sachen entdeckt, aber die ganze Welt des Indie und Alternative ist erst sehr, sehr spät in mich eingedrungen, lange Zeit war da einfach nur Bob Dylan.

Als ich die erste Gitarre bekommen habe (uncoolerweise war ich mit meiner Mutter im Musikladen und sie hat auch bezahlt), hab ich da im Plattenladen zufällig ein 500-Seiten-Dylan-Songbook gesehen, und mit dem hab ich dann auch zum Gitarre-Spielen angefangen, klingt abgedroschen, ich weiß, war aber so.

Gibt es in Österreich oder Europa eine musikalische Szene der du dich zugehörig fühlst oder mit der du etwas anfangen kannst?

Mit Zugehörig-Fühlen tu ich mir generell schwer, und mir ist klar, dass die Sehnsucht nach einem Nach-Hause-Kommen und der langsame Prozess meines Auf-Der-Welt-Ankommens (siehe Astronaut) auch ein wenig bedeutet, dass meine Musik sich da irgendwo in der österreichischen Indieszene ansiedelt und ihren Platz findet. Es freut mich, wenn sie Menschen was bedeutet, wenn sie ein bisschen Begleiterin sein kann. Bei mir selber hatte und hat es immer den größten Trost gebracht, das Gefühl zu haben, Anteil an einem Menschen zu bekommen, irgendwie ein bisschen was von seiner Welt, seiner Suche mitzubekommen.

Neil Young ist mir phasenweise einfach nahe gestanden, und auch wenn nur er zu mir gesprochen hat – und meistens nicht umgekehrt – und mir was erzählt hat von sich, war es doch eine Beziehung, die mir Halt gegeben hat. Paul Simon ist da auch so ein Kandidat, und einige andere auch. Kann natürlich keine Freundschaft oder Liebe ersetzen, aber manchmal bleibt einfach nur die Musik, und das ist denk ich okay so.

Ich kann deinen Text-Assoziationen nie länger als ein paar Zeilen folgen. Welche Rolle spielen für dich die Texte?

Ich mag es, wenn Texte scheinbar aus Gesprächsfetzen zusammengebastelt sind, wenn es einzelne, lebendige Bilder und Steinchen sind, die sich unter dem Dach eines Liedes zusammenfinden, wo sie dann trotzdem eine Verbindung haben und zusammengehören. Ich lese selber keine Gedichte, und mir war das endlose Feilen an Wörtern immer eher fremd, und es gibt nichts Schlimmeres als Songtexte, die auf poetisch und bedeutungsschwanger machen, es aber nicht hinbekommen. Das Unperfekte, das scheinbar Banale, das dann plötzlich wieder mit was Emotionalem oder eben auch Poetischem gemischt wird, oder auch was Lustigem, an den ganzen Bruchlinien ergibt sich für mich ein Glanz, der lebendig ist und interessant.

Es wird also nicht alles zugekittet, sondern eben im Gegenteil, und die Stille und Unverständlichkeit und das Traumartige sind zumindest nicht klischee-beladen. Der Versuch, auf ganz direktem Weg seine Gefühle mitzuteilen, funktioniert nur bei ganz wenigen Leuten, Antony ist für mich da ein gutes Beispiel.

Ich selber bin einfach nicht der direkteste, und der Umweg, den meine Gefühle über den Kopf nehmen, ist ja eigentlich schon ein wichtiges Thema der Songs selber, und bei der Musik verstumme ich wenigstens nicht ganz, sondern es kommt was raus, wie bei Funksprüchen aus dem All, wo die Verbindung nicht sehr gut ist. Die Angst kann zwar dazu führen, dass man was wegsperrt, aber das ganze bahnt sich seinen Weg schon zurück. Dieser ganze Umweg wirft schon ein paar Brocken Text ab.

Deine Stimme ist bemerkenswert eigenständig und unverwechselbar. Ein bewusst eingesetztes Stilmittel?

Nein, das glaub ich nicht. Wobei meine Stimme schon im Laufe der Jahre einige Wandlungen durchgemacht hat. Am Anfang, als ich die Gitarre bekommen hab, da hab ich sehr angedrückt, so Springsteen-, Tom Waits- und Dylan-artig, mit nicht wegzuleugnenden Einflüssen von Bryan Adams, ich hab bestimmt nicht wie ein 18-Jähriger geklungen, und wenn ich wem was vorgespielt habe auf Kassette, dann hab ich meistens ungläubige Blicke geerntet. Es gibt immer noch einen gewissen Unterschied zwischen meiner Sprech- und meiner Gesangsstimme, aber gut, es gibt ja auch einen Unterschied zwischen meinem Sprech- und meinem Gesangs-Englisch, aber ich denke nicht, dass ich ein Bühnen-Ich hab und ein Privat-Ich, so wie es bei den Tiger Lillies vielleicht ist z.B., oder bei Peter Rapp. Wobei ich großer Tiger Lillies-Fan bin!

Ich habe beim Hören deines neuen Albums machmal den Eindruck, dass die Songs selbst in den Hintergrund rücken und stattdessen etwas Situationistisches vermittelt wird. Ich habe dabei eher eine Live-Situation vor Auge, auch wenn die meisten Musikparts wohl von dir hintereinander eingespielt werden? Dafür passt das Bild zu einem Folk-Klischee.

Meine oben beschriebene Arbeitsweise des nicht lange Herum-Feilens bringt es wohl mit sich, dass das ganze nicht immer wie eine perfekt produzierte Geschichte klingt, ich fröhne da aber nicht absichtlich einem Klischee und will, dass es besonders Low-Fi klingt, nur weil ich eine alte Schwäche für „The Times They Are A-Changing“ habe. Ich finde es schön, wenn was Lebendiges erhalten bleibt und ich habe bemerkt, dass ich bei jeder Platte lange gebraucht habe, um mich von dem, wie die Songs ungemischt und ungemastert geklungen haben, nach dem Mischen und Mastern emotional zu trennen.

Klarerweise habe ich alles hintereinander eingespielt, außer bei manchen Songs, wo ich Gesang und Gitarre gleichzeitig aufgenommen habe, dann allerdings auch immer ohne Klick im Kopfhörer, was es schwierig macht, nachher noch was dazuzuspielen, vor allem Percussion-mäßig.

Grundsätzlich aber eine schöne Vorstellung, wenn man auf der CD was hören kann und mitspüren, wie ich dort z.B. in Aschach im Haus bin, wie ich ein bisschen mit einer Verkühlung kämpfe, weil das Haus nur so langsam warm wurde, oder wie ich vielleicht leicht angesäuselt bin vom dritten (na, leicht angesäuselt eher vom ersten oder zweiten) Bier an dem Abend, oder ein Magenknurren gibt es auch bei „Musketeers“, kurz bevor ich zu singen anfange.

Das meine ich nicht unbedingt negativ, aber auf dem Album fehlt für mich so etwas wie ein Hit. Die Songs versuchen nicht unbedingt zwingend den Hörer mitzureißen, sondern sind selbstbewusst ungeschliffen. Eher Erzählung als Pointe.

Mit Erzählung und Pointe weiß ich jetzt nicht genau, was Du meinst. Ich hatte bestimmt nie die Absicht, keine Hits zu schreiben. Auf dieser CD ist es bestimmt öfter so, dass es Strophe und Refrain gibt, falls man die Kombination aus beidem als Ingredienz eines Hits begreifen möchte. Beim Mischen haben wir sicher nicht alle Register gezogen, um das Ganze Coldplay-artig ganz super-schön klingen zu lassen, käme mir seltsam vor, das Homerecording-Element vertuschen zu wollen und aus den Aufnahmen mehr zu machen als es ist. Es absichtlich trashig klingen zu lassen hätte natürlich auch Charme gehabt, aber das ist ein schmaler Grat und birgt das Risiko, dass sich das Ding jemand nicht anhören mag, weil es zu schlecht klingt.

Mir kommt vor, das Mitreissen kann auch was Blendendes haben, und meine Absicht ist mehr ein vorsichtiges Hindeuten – wenn man hinguckt oder dorthin mitgeht, kriegt man schon seine Euphorie und Intensität, wenn man nicht mitgeht, dann eben nicht. Aber ich wünsch mir natürlich, Hits zu schreiben; Hit im Sinne von „Suzanne“ oder „I See A Darkness“ oder „I’ll Believe In Anything“ von Wolf Parade. Es gibt viele Beispiele für solche Songs, wo Musik und Text und Aufnahme sich in magischem Zusammenspiel in die Seele schleichen oder hämmern oder so.

Wie setzt du deine Musik live um? Wird es dabei auch mal lauter und wilder oder vermisst du diese Art der Energie, wie du sie mit Bell Etage teilweise gespielt hast, nicht?

Live gibt es eine Band, die aus 2 Bell Etage-Mitgliedern (Josip und El), zwei Hotel Prestige-Mitgliedern (Martin und Reinhard), sowie aus Franziska (die ja auch bei den CDs bei ca. der Hälfte der Lieder mitsingt) und (manchmal) Diesi.

Ja, es wird schon manchmal lauter und wilder, aber nicht so laut und wild wie bei Bell Etage. Bei Ernesty spiel ich jetzt in letzter Zeit auch öfter E-Gitarre statt der Akustischen, ich glaub, das wird in Zukunft auch auf den CDs vermehrt passieren. Die Intensität auf der Bühne ist aber natürlich keine Frage der Lautstärke und der Wildheit, im Radiokulturhaus hab ich mit Franziska auch 1 ½ Lieder nur zu zweit gespielt, das war bestimmt nicht weniger intensiv als ein Bell Etage-Konzert, wo ich mich mit der verzerrten Gitarre am Boden wälze. Ich schwitze auch nicht weniger.

Ernesty International Live zu sehen:

15. April: Rhiz, Wien (Album release concert "Not a Ship an Aeroplane")

16. April: Kino Ebensee (in cooperation with Paravent)

14. Mai: Badeschiff, Wien (Benefiz für Amnesty International)

20. Juli: WUK, Wien

1 Oct: Church of St. Jacob, Pichl bei Wels

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