»Everybody’s gotta live« – oft leichter gesagt als getan. »Mietmarkt«, das neue Projekt des Instituts für Medien, Politik und Theater, widmet sich dem Thema Wohnraum in Wien. Im Interview erzählt Co-Regisseur Felix Hafner, wie aus einem Jahr Materialsammeln ein Theaterstück wird.

Ihr habt ein Jahr lang zum Wiener Wohnungsmarkt recherchiert. Was verändert ein so langer Prozess an der Art, wie ihr als Kollektiv ein Stück entwickelt?
Felix Hafner: Bei so einem längeren Zeitraum beginnt alles mit einer wirklich sehr offenen Recherche. In diesem Fall veröffentlichten wir einen Open Call, bei dem sich betroffene Personen melden konnten, die ihre Geschichten erzählen wollten. Dann führten wir die ersten Expert*innengespräche, die uns zeigten, wo aus der Sicht all dieser Personen die Dringlichkeit steckt oder welche Entwicklungen sie am Wohnungsmarkt sehen. Es geht uns immer darum, diese drängenden Fragen aufzugreifen. Deshalb gehen wir dann in einem zweiten Schritt in der Recherche weiter: Auf was fokussieren wir uns? Und erst im dritten Schritt: Was kommt eigentlich ins Stück rein?
Wie beginnt man überhaupt eine Recherche zu einem Thema, das so viele verschiedene Bereiche umfasst? Mieten, Gentrifizierung, Klimaanpassungen, soziale Privilegien, …
Wir versuchen ganz generell, möglichst viele verschiedene Bereiche abzudecken. Im Fall von »Mietmarkt« befragten wir zunächst Personen, die andere juristisch beraten oder die sich journalistisch mit dem Thema beschäftigen. Vor allem am Anfang sprechen wir eher mit Menschen, die einen großen Überblick haben. In diesem Fall mit solchen, die den ganzen Wohnungsmarkt in Wien in einem größeren, auch zeitlichen Zusammenhang sehen können. Wir wollen aber immer viele verschiedene Seiten hören. Deshalb redeten wir etwa auch mit Makler*innen oder Menschen im Bereich der Wohnungslosenhilfe. Danach geht es jeweils an die Spezifizierung: Was fehlt noch? Wo wollen wir noch mehr erfahren? Worauf sind wir noch draufgekommen? Es ist ein Sammeln von Material, das wir dann zum Probenstart zur Verfügung haben und anhand dessen wir entscheiden, welche thematischen Schwerpunkte wir setzen und was im Stück vorkommen soll. Den Text entwickeln wir erst während der Proben gemeinsam mit dem Ensemble aus der Recherche heraus.
Das heißt, die Texte entstehen direkt im Probenprozess?
Meistens schreiben wir vor den Proben schon eine Art Szenenstruktur, damit wir einen Ablaufplan haben, welche Szenen vorkommen sollen. Da geht es in der Regel um Inhaltliches, für das wir manchmal aber schon eine konkrete szenische Fantasie oder Form im Kopf haben. Es ist wie ein Skelett, zu dem wir schon das ein oder andere an Material hinzufügen. Danach beginnen wir gemeinsam mit dem Ensemble in die Recherche einzusteigen, ganz viel zu diskutieren, für gewisse Szenen auch zu improvisieren und dann zu schreiben, zu lesen, zu überarbeiten, wieder zu schreiben. Im besten Fall steht der Text zwei Wochen vor der Premiere. Bis dahin wird bei uns eigentlich durchgängig entwickelt.
Die Stückbeschreibung spricht von einer »Odyssee von Zukunftsvisionen, Sehnsuchtsorten, Horrorszenarien und neoliberalen Machtkämpfen«. Was hat sich für dich als Sehnsuchtsort und was als Horrorszenario herauskristallisiert?
Ein Sehnsuchtsort ist alles, was uns bei der Recherche an Solidarisierung oder an kollektiven Kämpfen begegnet ist. Wenn Menschen angesichts von Ungerechtigkeiten nicht lockerlassen, neue Ideen entwickeln und sich dafür einsetzen, dass das Recht auf Wohnen – eigentlich ein Menschenrecht – wirklich für alle zugänglich und möglich ist. Bei den Horrorszenarien ist einiges dabei: von Ausmietungsstrategien, die man sich gar nicht vorstellen möchte, bis hin zum absurden Konzept der »Coolen Zonen«, bei dem man an einen Ort gehen soll, um sich dort abzukühlen, weil es niemand mehr in der eigenen Wohnung oder in Arbeitsräumen aushält.
Was kann Theater bei einem Thema wie dem Wohnungsmarkt leisten, das eine rein journalistische Recherche vielleicht nicht könnte?
Gerade diese großen Themen, denen wir uns widmen – zuletzt Machtmissbrauch bei »Nestbeschmutzung« und jetzt hier der Wohnungsmarkt – sind an sich zu umfangreich, um sie in eine journalistische Form zu bringen. Aber auch wir können nie den Anspruch haben, alles von einem Thema abzudecken, sondern uns eigentlich nur vornehmen, das Relevanteste herauszupicken, unterschiedliche Perspektiven abzubilden und so verschiedene Anknüpfungspunkte zu liefern. Theater hat, glaube ich, durch diese fiktionalen, spielerischen und performativen Ebenen die Möglichkeit, sehr viel mehr Facetten von einem Thema unterzubringen, als es bei streng journalistischen Formaten vielleicht der Fall ist. Idealerweise können wir so wirklich von einem Aspekt zum anderen hüpfen, sowohl von Ausmietungen als auch von Hitze in der Stadt erzählen und damit den Bogen sehr weit spannen.
Wie entscheidet ihr bei so großen Themen, was ihr auf die Bühne bringt?
Das ist natürlich die große Frage und auch immer eine totale Challenge. Was der Probenprozess im besten Fall irgendwie auslösen kann, ist, dass man sich gemeinsam darauf verständigt, was man am wichtigsten, am relevantesten, am exemplarischsten findet. Das ist für uns eine Möglichkeit, gemeinsam ganz viele verschiedene Situationen zu diesem Thema herauszugreifen und sie alle auf die Bühne zu bringen.

Bei der Wohnungssuche spielen nicht nur Geld, sondern auch andere Voraussetzungen und Privilegien eine Rolle. Welche unsichtbaren Auswahlmechanismen sind euch in der Recherche besonders aufgefallen?
Das, was uns viele Menschen erzählt haben und was wir unbedingt auf die Bühne bringen wollen, ist Diskriminierung bei der Wohnungssuche. Vor allem, weil es wenig rechtliche Möglichkeiten gibt, dagegen vorzugehen, und es oft in einem Rahmen stattfindet, der schwer nachweisbar ist. Denn natürlich bekommen Menschen aufgrund ihrer Hautfarbe, ihrer Herkunft, ihrer sexuellen Orientierung sowie verschiedener anderer Gründe eine Absage oder werden erst gar nicht bei der Auswahl berücksichtigt. Das sind aber oft Dinge, die unausgesprochen in der Luft schweben und nicht schriftlich vorliegen. Auch die Frage, welche Auswirkungen Kürzungen von Sozialleistungen – die ja dieses Jahr massiv waren – auf die Wohnsituation in Wien haben, ist zentral. Expert*innen können das im Moment noch nicht richtig abschätzen, weil es noch zu früh ist. Aber es ist quasi ein Ding der Unmöglichkeit, für subsidiär Schutzberechtigte Wohnraum zu finden, mit dem wenigen Geld, das sie mittlerweile zur Verfügung haben. Ein weiterer großer blinder Fleck in Wien ist die Frage nach barrierefreiem Wohnraum. Das stellt sich momentan auch für uns als Team als große Herausforderung dar, weil für uns ein barrierefreier Probenraum zentral ist und die Suche über die vergangenen Monate sehr schwierig war. Das alles sind riesige Problematiken, die sehr, sehr viele Leute nicht mitkriegen.
Gibt es bei euch als Kollektiv einen Punkt, an dem ihr sagt: »Jetzt haben wir genug recherchiert?« Oder habt ihr einen bestimmten Timeframe, den ihr für die Recherche festlegt, bevor ihr anfangt, eine Geschichte zu bauen?
Der Schluss der Recherche ist auf jeden Fall die Premiere. Wobei wir auch schon Projekte hatten, bei denen wir noch während der Spielzeit Aktualisierungen vornahmen, je nachdem, ob tagespolitisch Dinge passierten, die wir noch reinbringen wollten. Das heißt, eigentlich endet die Arbeit an einem Projekt – die Recherche und das Im-Blick-Haben, was mit dem Thema passiert und was relevant wäre – erst so richtig, wenn es abgespielt ist. Es gibt aber auf jeden Fall so einen Moment, an dem wir wissen, wir müssen vom Recherchieren und parallelen Schreiben des Textes hin zur szenischen Umsetzung kommen.
Was sollen Zuschauer*innen nach dem Stück anders sehen, wenn sie am nächsten Tag durch Wien gehen oder ihre nächste Wohnung suchen? Und falls du das nicht so konkret beantworten kannst: Mit welchem Gefühl würdest du dir wünschen, dass die Leute rausgehen?
Ich denke, wir wollen erreichen, dass sich alle in ihren verschiedenen Wohnungssuchen und Lebenssituationen irgendwie abgeholt fühlen, sich in Situationen wiedererkennen, aber sich auch in andere hineinversetzen können, mit denen sie noch nicht konfrontiert waren. Wir wollen aber auch gewisse strukturelle Zukunftsfragen stellen: Wie geht eine Stadt mit Fördermitteln für den Wohnbau um? Wie geht eine Stadt damit um, dass es immer heißer wird? Und was tun wir gegen diese Entwicklung? Das alles sind Fragen, von denen wir hoffen, dass sie in den Köpfen bleiben, noch mehr Gedanken anregen und Diskussionen auslösen.
»Mietmarkt« ist eine Koproduktion des Instituts für Medien, Politik und Theater und des Teata. Es ist von 7. bis 16. November 2026 im Hamakom zu sehen. Am 9. November gibt es vor der Vorstellung eine Stückeinführung und am 10. November im Anschluss an die Vorstellung ein Publikumsgespräch.