Fidel Castro in Schrift und Bild

"Castro" ist etwas mehr als "nur" eine Biografie in Comicform. Um ein wenig tiefer in die Materie dringen zu können baten wir Reinhard Kleist zum Kurzinterview.

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Reinhard Kleist scheint ein Händchen für biografische Erzählungen zu haben. Bereits "Cash: I See A Darkness", seine, ja, man möchte sagen Hommage an Johnny Cash, entlockte Kritikern aus aller Welt Jubel. In "Castro" wagte sich Kleist an den Mythos des Fidel Castro. Eine umfassende Rezension findet sich in den Seiten der aktuellen Ausgabe von The Gap. Freundlicherweise erklärte Reinhard Kleist sich bereit uns eine handvoll zusätzlicher Fragen zu beantworten.

Herr Kleist, Sie bereisten Kuba ausgiebig und hielten Ihre Eindrücke in "Havanna" fest. Könnten Sie beschreiben, ob es ein allgemeines Gefühl, eine Atmosphäre im modernen Kuba gibt?

Da kann ich leider nicht so viel sagen, ich bin trotz meiner Arbeit kein Kenner des modernen Kuba. Ich bin 2007 dort gewesen und da herrschte die Stimmung, zumindest bei meinen jungen Freunden dort, dass die alten Herren mal endlich Platz machen sollten, aber gleichzeitig die Angst vor dem was kommen könnte. Besonders ein zu großer Einfluss aus Nordamerika.

Wendet sich das Kuba des Jahres 2010 von den Heldenmythen des Fidel Castro und Che Guevara ab? Falls ja, was tritt an ihre Stelle?

Bei den Jungen sicherlich. Die Alten verehren ihn aus gutem Grund immer noch. Er hat ihnen ihren Stolz wiedergegeben, den die USA ihnen seit jeher genommen hatten. Die Jungen möchten aber dennoch mehr Freiheit haben, die ihnen im Kampf für diesen Stolz immer weiter genommen wurde.

"Castro" wirkt wie eine logische Fortführung von "Havanna". Hatten Sie ein bestimmtes Ziel vor Auge, als Sie "Castro" konzeptionierten oder entstand dieses während der Arbeit am Comic?

Ich hatte schon bei der Recherche in Kuba den Castro Comic vor Augen und habe dort auch gezielt Informationen dazu gesammelt. Die Grundidee, dass es auch die Geschichte des deutschen Journalisten werde sollte, an dessen Schicksal wir sehen, was bei den kleinen Leuten passiert wenn Castro Entscheidungen trifft, entwickelte sich erst in Kuba. Zuerst wollte ich ihn desillusioniert und vereinsamt in Havanna enden lassen. Doch dann dachte ich mir: Warum ihn nicht am Ende glücklich werden lassen und ihn sich mit seinen Idealen arrangieren lassen, nachdem seine Freunde ihn verlassen haben? Ich glaube dort spiegelt sich viel wieder, mit dem die Menschen in Kuba sich befassen müssen. So viele Menschen haben die Insel verlassen.

Und, Ja, es gibt ein paar Fäden, die in dem Castro Buch aufgegriffen werden, die ich schon bei "Havanna"verfolgt habe. Was ist die Konsequenz all dieser hehren Ideale, die die Revolutionäre hatten? Was braucht es, um diese umsetzen zu können? Jemanden, der es für einen tut?

Können Sie uns die fiktive Figur des Karl Merten ein wenig beschreiben?

Er ist ein deutscher Journalist, der 1959 von einem gewissen Idealismus getrieben nach Kuba kommt. Er wirft dort seine Journalisten-Maximen über Bord und bleibt dort, nicht nur aus Idealismus sondern auch aus seiner Liebe zu einer Guerillera. An ihm erleben wir die Geschichte der Revolution aus einer anderen Perspektive als der desjenigen, der die ganzen Entscheidungen trifft. Wir sehen bei Karl und seinen Freunden, was diese für Auswirkungen haben. Karl ist ein manchmal furchtbarer Idealist und am Ende der Geschichte bleibt er bei seinen Idealen, auch wenn um ihn herum die Menschen sich abwenden. Es bleibt ihm nichts anderes übrig. Wie so vielen. Dieses Problem ist universell und deshalb ist Kuba so wichtig für uns. Es ist wie ein Experiment, das die ganze Welt beobachtet und jeder hat eine Meinung dazu, ob es gescheitert ist oder nicht. Die Antwort wird auch die Geschichte nicht liefern können.

Karl ist entlehnt an mehrere Personen, auch Journalisten, die nach Kuba gekommen sind um bei der Revolution mitzuwirken.

Was würden Sie sagen ist die wichtigste Funktion von Karl Mertens für Sie bei dieser Erzählung gewesen?

Er ist natürlich der Erzähler, der uns in die Geschichte mitnimmt und auch als eine Art Identifikationsfigur dienen soll – Castro selbst ist da ja nicht so für geeignet.

Gleichzeitig ist er aber auch so eine Art Gegenpol zu Castro. Karl ist ein unscheinbarer Mensch, er wird in der Geschichte untergehen. Doch verbindet beide ein unbeugsamer Drang zu ihren Idealen. Doch beide gehen völlig unterschiedlich damit um. Das interessierte mich. Karl, der seine Ideale bei sich selbst verankert, Castro, der seine bei allen durchsetzt. Und Castro gewinnt immer, zumindest wird er alle davon überzeugen. Karl überzeugt lediglich sich selbst.

Wie war die Zusammenarbeit mit Volker Skierka für Sie?

Grossartig, leider etwas spät, sodass wir noch am Text gearbeitet haben, während ich vorne schon mit den Reinzeichnungen angefangen hatte. Meinen Redakteur habe ich in den Wahnsinn getrieben.

Würden Sie sagen, dass sein Rat wichtig und entscheidend war?

Absolut, er hat der Geschichte noch viel mehr Tiefe gegeben und konnte mit einem Satz mehr ausdrücken als ich in einem komplizierten Dialog. Der Satz "Meine Tochter ist voller Sorge und Hoffnung" am Ende von Karls Geschichte fasst die Situation der ganzen kubanischen Jugend toll zusammen. Ausserdem hat er die Fähigkeit komplizierte politische Zusammenhänge, die ich kaum begriffen habe, auf treffende Art und weise zusammenzufassen. Manchmal in nur ein einziges Wort!

Ausserdem hat er, da er des Spanischen mächtiger ist als ich, den Figuren auch sprachlich zu mehr Tiefe verholfen. Zum Beispiel Castros Vater, der eher einfach gestrickt war, was ich nicht wusste. Also haben wir ihm einen bodenständigeren Ton verpasst.

Wie ist Ihre persönliche Einstellung gegenüber Fidel Castro?

Ob ich ihn nun verteufle oder verehre? Nichts davon. Am Ende der Arbeit stehe ich noch unsicherer da als vorher. Es gibt keine klaren Antworten, kein Schwarz und Weiss. Castro entzieht sich jeglicher Deutung, sobald man eine klare Einstellung gefunden zu haben glaubt, taucht ein andrer Aspekt auf. Und Castro gewinnt IMMER.

Hat sich diese Einstellung während der Entstehung von "Castro" geändert?

Wie gesagt, Nein! Ich wurde ständig Hin und Her geworfen. Er hat für dieses gebeutelte Land mehr gemacht, als man sich vorstellen kann. Aber gleichzeitig hat er andere Dinge zu verantworten, die ich ihm schwer entschuldigen kann. Die Verfolgung Homosexueller zum Beispiel. Dafür hat er sich zwar später entschuldigt, aber dafür können die sich nun auch nix kaufen.

Aus Ihrer persönlichen Sicht, war die kubanische Revolution erfolgreich?

Mir hat jemand eine kleine Geschichte erzählt dazu: Er hat einen alten Mann beobachtet, der Abends immer allein am Strand saß. Er sprach ihn an und der Alte erzählte ihm, dass er schon immer hier wohnte und als Junge nie an den Strand durfte, weil der für die Amerikaner reserviert war. Und nun, nach der Revolution, kommt er jeden Abend, nur um hier zu sitzen.

In Ihrer Bibliographie befinden sich nun schon einige hoch angesehene biografische oder biografisch inspirierte Comics, vor allem "Cash: I See A Darkness". Werden wir in Zukunft noch mehr solcher Comics von Ihnen lesen dürfen?

Ganz sicher ab März in der FAZ. Da startet meine Serie über einen jüdischen Boxer, die dann in 2012 auch beim Carlsen Verlag als Buch erscheinen wird. Dieser Boxer ist allerdings nie sehr bekannt gewesen. Nun, zumindest noch nicht!

Aber Eines ist sicher: Ich mache keine Politiker mehr. Fragen sie meine Atelierkollegen: Ich hatte eine extrem schlechte Laune, als ich "Castro" geschrieben habe! Das ist so kompliziert! Lieber wieder Musiker.

Abschliessende Frage: Auf einem Foto auf Ihrer Website sieht man sie bereits mit gepflegtem Bart. Ist der revolutionäre Vollbart in Arbeit?

Nein, sicher nicht. Mein Freund läuft schon Amok, wenn ich mich mal drei Tage nicht rasiert habe.

"Castro" ist im Oktober 2010 bei Carlsen erschienen und ist im gut sortierten Buch- und Fachhandel erhältlich. Ein Interview mit Vorab-Bildern des Comics gibt es hier auf carlsen.de

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