Fluchtpunkte

Auch früher sind Menschen geflohen. Vor dem Pharao, vor Krieg, Hunger und erbärmlichen Verhältnissen – wie man in zahlreichen Bildern vor 1900 sehen kann.

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Die Themen Flucht, Verfolgung und Vertreibung beherrschen gerade unsere Newsfeeds. Blättert man einige hundert Jahre zurück, merkt man, dass diese Themen schon immer da waren. Menschen sind auf der Flucht und das schon seit mittlerweile zwei Jahrtausenden – meistens vor politischer oder religiöser Verfolgung.

Mit dem Kind raus aus dieser Hölle

Was jetzt über diverse Social Media Kanäle digital verarbeitet und verbreitet wird, wurde früher in Kunst verpackt. Malereien und Radierungen sind voll von biblischen, aber auch profanen Motiven, die Flucht und Verfolgung abbilden. Eines der bekanntesten Fluchtmotive in der bildenden Kunst basiert auf der Geschichte der Flucht nach Ägypten aus dem Matthäusevangelium, in der ein Engel Josef im Traum befiehlt mit seiner Familie nach Ägypten zu fliehen, da Herodes ihr Kind Jesus töten will. Albrecht Dürer, Peter Paul Rubens, Bartholomé Esteban Murillo oder Giotto haben die Flucht Josefs, Jesus und Marias künstlerisch umgesetzt. Flucht vor religiöser Verfolgung, damit die eigenen Kinder nicht getötet werden – könnte einem heute nicht unbekannt vorkommen.

Christen wurden nicht nur verfolgt, sie haben auch andere vertrieben. Unter dem Begriff der Tempelreinigung spielen sich in allen vier kanonischen Evangelien Szenarien der Vertreibung ab – Jesus vertreibt die Händler und Geldwechsler aus dem Tempel von Jerusalem, um ihn als reines Gotteshaus zu erhalten. Festgehalten wurde das unter anderem von Rembrandt und El Greco. Franz Sebald Unterberger hält in einem Gemälde des 18. Jahrhunderts fest, wie die heilige Klara von Assisi mit der Hilfe Gottes und ihres Gebets die Sarazenen vertreibt.

Österreicher raus (aus Genua)

Abseits der Bibel und inmitten von Krieg spielen sich viele Szenen ab. Aus der Geschichte Griechenlands stammt Hayez Gemälde "Die Flüchtlinge von Parga". Und der junge Giovan Battista Perasso vertrieb Mitte des 18. Jahrhunderts die Österreicher aus der Stadt Genua, derer sie sich während des Erbfolgekriegs bemächtigt hatten. Auf Goyas "Yo lo vi" aus den "Desastres de la Guerra", einer Folge von 82 Graphiken, die den Krieg Napoleons gegen die Spanier abbilden, findet sich bittere Darstellungen der Flucht.

Géricaults "Floss der Medusa" nimmt dabei einen speziellen Platz ein – es beschreibt eine Szene während der Napoleonischen Kriege, als 149 Menschen auf einem Floß Platz finden müssen, weil ihre Fregatte ("Medusa") auf Grund gelaufen war. Es spielen sich grässliche Szenen ab, für viele bedeutete die Fahrt den Tod, die Menschen stoßen an ihre absoluten Grenzen, nur 15 überleben. Das riesige Tableau zeigt den Terror der Fahrt, politische und religiöse Motive fehlen dabei.

Fluchtpunkte

Gerade wenn es um Flucht geht, scheint die Flüchtigkeit digitaler Darstellungen keine ganz befriedigende Form der Auseinandersetzung zu sein. Rubens konnte seine Gedanken zur Flucht nach Ägypten nicht twittern, Dürer hatte keinen Facebook-Account und Delacroix kein Instagram. Deswegen, und auch um zu zeigen, dass es sich bei den Diskussionen heute um etwas geht, das Menschen seit hunderten Jahren beschäftigt, haben wir einige Beispiele zur künstlerischen Be- und Verarbeitung von Flucht und Verfolgung vor Beginn des 20. Jahrhunderts zusammen gesucht.

Wem ein Kunstwerk mit Fluchtmotiv aus dem Zeitraum zwischen 1500 und 1900 fehlt, der möge das bitte hier in den Kommentare kundtun oder uns auf @the_gap antwittern.

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