Furchtachterl

Nicht mal das spießigste Innenstadt-Café hat so eine strenge Hausordnung wie das Café Malipop. War man aber mal selber Teil dieses Zigaretten-Dunstkreises, erklärt man sich selbst gerne zum ewigen Hüter von Frau Margits heiliger Ordnung.

Die Ungargasse ist eine Schlucht, hat Ernst Molden mal geschrieben. Eine schöne zwar, aber auch eine die einen gefangen halten kann. Hinter bourgeois schnörkeligen Fassaden verbergen sich Müllsäcke voll Melancholie, die die Leute runterbringen und die dann von den Wägen der MA 48 abgeholt werden, die die ganze schluchtartige Ungargasse dann verstellen und den Nuller daran hindern seinen Weg in gewohnter Rasanz und viele elektrische Blitze verteilend fortzusetzen. Der Nuller ist eigentlich der O-Wagen, aber die Bewohner der Ungargasse, nämlich die die sich tagtäglich durch diese Schlucht bewegen als ob sie gar keine Gefangenen der Ungargasse wären, nennen ihn nicht so.

Rauchzeichen setzen

Im untersten Teil der Ungargasse, befindet sich am Eck zur Beatrixgasse das Café Malipop. Es wird von Frau Margit betrieben, einer ebenso furchteinflösenden wie ehrgebietenden Gastgeberin – die Sartres Frau und eine Lehrerin aus Harry Potter zugleich sein könnte. Ihre eisblauen Augen blitzen über ihre Brillengläser hinweg und es stellen sich bei jedem ihrer blitzenden Blicke sofort erste Anflüge von Furcht ein, die man wie Molden mit einem kleinen Bier oder mit einem Achterl Rot abtöten kann. Probieren kann man es auf jeden Fall mal. Raucher neigen auch dazu mehr zu rauchen im Café Malipop, und Nichtraucher damit anzufangen. Auf der einen Seite weils eh schon wurscht ist, denn zwischen den Ritzen der alten mittlerweile schwarz verfärbten Parkettbretter hat sich der Rauch genauso hineingefressen wie in die alten Lederstühle, und auf der anderen Seite beruhigt es auch die Nerven und man fühlt sich schneller in den geheimnisvollen Dunstkreis des Malipop aufgenommen.

No Bussi, Baby

Was man nicht probieren sollte im Café Malipop, ist Musikwünsche zu äußern, schrill und laut aufzulachen, Gespräche zu führen die die Musik stören oder gar übertönen und mit den Füßen an den Lederbänken und -sesseln, wenn auch nur unabsichtlich, anzustoßen. Aus dem ein oder anderen Grund, oder allen zusammen, ist auch schon Marco Wanda aus dem Zigaretten-Dunstkreis des Malipop ausgeschieden worden. Ist halt nicht ganz so laut und lustvoll wie in Bologna hier. Und mit Busselei hat die Frau Margit sowieso nichts im Sinn. Im Malipop herrscht striktes und allgemein akzeptiertes Schmuseverbot. Erkundigt man sich nach dem Malipop, was vor allem vor dem ersten Besuch, als Vorbereitungsmaßnahme, empfehlenswert erscheint, reicht die Spanne der Antworten nicht allzu weit– "O gott, ich hab ur Angst vor ihr" führt das Ranking eindeutig an, dicht gefolgt von "Ich hab mich ganz normal unterhalten, echt jetzt – trotzdem bin ich rausgeflogen, weil ich zu laut gelacht hab." Frau Margit ist die unumstrittene Anführerin der Spaßpolizei. Aber weiß man das erstmal, ist das total okay so.

Frau Margit hat den sechsten Sinn – nämlich den für gute Musik zum richtigen Zeitpunkt. Und eine Vinyl-Sammlung die ihresgleichen sucht. Vor der steht sie dann, oft minutenlang, bis sie eine ihrer Musikperlen dann herauszieht und auf den Plattenspieler legt. Mit der Zelebration und der Hingabe eines Filmfreaks, der sich den gesamten Abspann reinziehen muss, weil er anders nicht kann, wird das Album dann durchgespielt – vom ersten Kratzen der Nadel an der Oberfläche der Platte bis zum allerletzten. Während sie diese Mini-Konzerte einfach geschehen lässt, steht Frau Margit an der Bar, raucht und liest den Standard – von vorne bis hinten, vom ersten Buchstaben bis zum letzten.

Schall und Rauch

Nach dem fünften Furcht- und wirklichen Fluchtachterl ist dann meistens der Zeitpunkt gekommen den blauen Malipop-Dunstkreis zu verlassen. Und weil man mit genügend Hauswein auch ein bisschen Mut aufgetankt hat, ist das jetzt der Zeitpunkt Frau Margit zu fragen, woher sie ihre Schuhe hat ("Prada!") oder welches Album sie zuletzt gespielt hat. Mit einer höflich unterkühlten Antwort entlässt sie einen dann wieder in die Schlucht der Ungargasse. Und auch wenn man heute mal statt einer Antwort nur einen gefrierenden Blick bekommen hat, kriecht in einem trotzdem das Verlangen hoch einen verstaubten Sartre aus dem Bücherregal zu ziehen und hofft dass einem am Heimweg der Schluchtenwind den Rauch aus den Haaren pustet.

Auf ausdrücklichen Wunsch der Frau Margit haben wir keine Fotos gemacht und ihr auch keine Fragen gestellt. Vielleicht geht es hier genau darum – dass jeder seine eigene Malipop-Geschichte schreibt und die einfach in Worte gepackt bleiben – Schall und Rauch sozusagen.

Über Fernet trinken, Smart rauchen und Spezialtoasts im Malipop hat Ernst Molden auch ein Lied geschrieben.

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