Gegen moderne, hohe Zeitungsstapel

„Redesigning Journalism.“ So nennt sich das, was On On oder Luminous Flux, kurz Lflux, so machen, machen wollen. Kann man sich jetzt nicht wirklich was drunter vorstellen? Markus Hametner, Co-Gründer des Projekts, bringt es uns im Interview etwas näher.

Aus rechtlichen Gründen werden Artikel aus unserem Archiv zum Teil ohne Bilder angezeigt.

Die Seite von Lflux wirkt auf den ersten Blick verwirrend. Gelb angestrichene Textpassagen, Aufzählungen, rechts ein paar Zitate. Auf den ersten Blick. Auf den zweiten oder vielleicht dritten, wird das alles schon ein bisschen logischer. So logisch, dass man sich fragt: Wieso machen das nicht alle so? Markus Hametner und sein Team machen es jedenfalls. Es ist eine neue Form der Nachrichtenprojektion im Internet. Eine Nachrichtenplatform, bei der jeder Artikel mit jedem neuen Ereignis mitwächst.

Es gibt ein Thema, zum Beispiel aus der Politik, bei dem sich regelmäßig etwas ändert oder Neues auftut (z.B.: neue Beschlüsse, Ergebnisse, Sitzungen etc.). Wo man sich vorher mühsam durch die Archive der Medien geklickt hat, um wieder am neuesten Stand zu sein oder das aufzuholen, was man verpasst hat, findet man heute alles in einem Artikel. Der wird nämlich mit jedem neuen Ereignis ergänzt. Damit das dann nicht unübersichtlich wird, gibt es Markierungen, die zeigen, was neu ist. Lflux gibt dabei nicht nur die Architektur vor, wie beispielsweise bei Storify. Ähnlich wie bei Twitter, kann sich aber jeder zur Story einklinken, Meinungen, Updates oder weiterführende Links und Infos sharen. Nachrichten machen auf einmal ein bisschen mehr Spaß. Glück haben die Initiatoren, solange das kürzlich beschlossene Leistungsschutzrecht nur in Deutschland in Kraft tritt. Wäre es auch in Österreich gültig, könnte das massive Probleme für die Seite bedeuten.

Wenn man auf deine eigene Homepage kommt, ist man fast überrumpelt von deinen ganzen Projekten. Wird dir das nicht zu viel? Kann man da überhaupt noch sein ganzes Herzblut reinstecken?

Naja, auf der Seite stehen ja auch viele Projekte aus den letzten Jahren – nicht alle sind aktuell, manche sogar nur saisonal aktuell. Andererseits haben viele meiner Projekte miteinander zu tun. Momentan beschäftige ich mich hauptsächlich mit 3 Themen:

Journalismus und dessen Zukunft – hauptsächlich natürlich On On/ Luminous Flux, das Projekt über das wir gleich mehr reden werden. Dass ich die Wiener Hacks/ Hackers-Gruppe gegründet habe, liegt durch dieses Interessensgebiet auf der Hand, ebenso wie meine Beteiligung bei Transparenzgesetz.at – eine Kampagne für ein sinnvolles Transparenzgesetz in Österreich. Meine Beteiligung hier ist eine logische Folge aus meinem Interesse an Journalismus.

Spiele im öffentlichen Raum – mit ein paar Freunden organisiere ich seit 2009 unregelmäßig solche Spiele (und mittlerweile ein Festival zum Thema), auch als Abwechslung zu den anderen "seriösen" Projekten.

Zu viel wird das nur, wenn ich einmal zu spät "nein" sage – und in allen diesen Unterfangen habe ich das Glück, mit brillianten Leuten zusammenzuarbeiten, die auch ganz viel Arbeit übernehmen. Mein Herzblut steckt in all diesen Projekten, natürlich immer verschieden viel – immer am Gleichen arbeiten wird ja auch irgendwann langweilig.

Jetzt einmal zu Onon.at/ Lflux. Erkläre uns bitte mal das Konzept. In Worten, die auch ein Nicht-Informatiker versteht.

Wir erklären politische Themen, die sich über längere Zeit entwickeln: politische Skandale, Gerichtsprozesse und ähnliche Themen eignen sich besonders gut. Wir halten die Erklärung aktuell, wenn sich neue Perspektiven auf das Thema auftun: neue Erkenntnisse, Geständnisse und ähnliches. Gleichzeitig speichern wir, wann die Leser das letzte Mal die Themenseite besucht haben und zeigen ihnen an, was sich seit dem letzten Besuch getan hat. So können die Leser sich jederzeit auf den aktuellen Stand bringen, ohne jeden Tag die Zeitung aufschlagen zu müssen.

Wie seid ihr auf die Idee gekommen?

Irgendwann kamen wir von einer hektischen Auslandsreise zurück und fanden hunderte ungelesene Nachrichten in unseren RSS-Readern vor. Der moderne hohe Zeitungsstapel. Und wir versuchten, uns durchzukämpfen um am aktuellen Stand der politischen Diskussionen zu sein. Irgendwann merkten wir, dass in den Artikeln, die wir nachlesen, viel zu wenig Kontext steckt. Das kommt wohl daher, dass die Artikel in der Annahme geschrieben werden, dass der Leser ein Zeitungsabo hat: er hat offensichtlich den Artikel vom Vortag auch gelesen und braucht nur die neuen Informationen. Dann fingen wir an, nachzudenken, ob es nicht die Möglichkeit gibt, die neuen Fakten und den kompletten relevanten Kontext zu verbinden.

Orientiert ihr euch irgendwie an Soup? Vom Konzept her ja ähnlich. Irgendein Zusammenhang?

Christopher Clay ist mein Partner in diesem Projekt und hat unser Konzept ursprünglich entworfen. Er hat auch ein paar Jahre zuvor Soup mitgegründet, also gibt es da sicher Gemeinsamkeiten. Wir beschäftigen uns schon länger damit, wie wir verschiedene Arten von Inhalten gut darstellen und konsumieren können, man könnte das Ganze also als logische Fortsetzung eines langen Prozesses sehen.

Hauptsächlich orientieren wir uns aber am Internet, weswegen das Konzept zwei Teile hat:

Der Haupttext wird von einem Redakteur aktuell gehalten und zeigt jederzeit unser aktuelles Verständnis der Situation – ähnlich wie in einem Wiki. Zusätzlich sammeln wir noch weitere Hintergrundinformationen zum Thema, die dann ähnlich wie bei Soup in einem Tumblelog-Format angezeigt werden.

Auf deiner Homepage steht, du willst mit Luminous Flux den herkömmlichen Artikel verdrängen. Was ist denn so schlimm an so einem Artikel?

Der klassische Artikel ist ein Text, der einmal geschrieben wird, gedruckt und nie wieder angesehen wird. Diese Art von Text hat durchaus eine Existenzberechtigung, aber wir fragen uns, ob die interessanten politischen Themen, die sich über eine längere Zeit entwickeln, nicht ein besseres Format verdient haben. Ein Format, das den Möglichkeiten des Internet gerecht wird.

Unser Projekt ist ein erster Ansatz, diesen Anspruch zu realisieren.

Gibt es so etwas schon woanders auf der Welt?

Schön wär’s. Dann müssten wir es nicht machen! Schlussendlich wollen wir Nachrichten einfacher konsumieren und dadurch die Welt besser verstehen.

Was uns noch am nächsten kommt sind die Topic Pages der New York Times, die allerdings meiner Meinung nach weniger gut umgesetzt sind. Unsere Software ist allerdings Open Source – das heißt jeder könnte auf ihrer Basis ein kleines Medium starten oder uns bei der Entwicklung helfen!

Wie geht’s es weiter mit Lflux? Sind schon neue Projekte geplant?

Momentan läuft gerade unsere erste Förderung der Netidee aus, die uns die Entwicklung des aktuellen Prototypen ermöglicht hat. Mit diesem können wir verschiedene Redaktionsprozesse, Textsorten und Themen ausprobieren, aber bis ihn alle BenutzerInnen bedienen können braucht es noch etwas Polierarbeit.

Ich werde sicher weiter am Projekt arbeiten, wenn sich weitere Finanzierung ergibt geht das halt schneller. Das Medium On On.at, das wir auf der Basis des Projekts quasi als Testbett gestartet haben werden wir vorerst auch auf freiwilliger Basis weiterbetreiben.

Bild(er) © Markus Hametner
Newsletter abonnieren

Abonniere unseren Newsletter und erhalte alle zwei Wochen eine Zusammenfassung der neuesten Artikel, Ankündigungen, Gewinnspiele und vieles mehr ...