„Gleicher als die anderen“

Burgschauspieler Martin Schwab und Regisseur Michael Scheidl im Gespräch über Renzo Rossos „Der Präparator“, einem fiktiven Dialog mit Lenins einbalsamierter Leiche.

Martin Schwab ist vielen als Charakterdarsteller in Theater-Meilensteinen wie Peter Turrinis „Tod & Teufel“ und als „Peymann“ in Thomas Bernhards gleichnamiger Trilogie ein Begriff. Ab morgen ist der 73-jährige Deutsche in einer „Oper für einen Schauspieler mit Sprechtext“, wie es der künstlerische Leiter des Netzzeit-Festivals, Michael Scheidl, ausdrückte, für drei Vorstellungen im Radiokulturhaus zu sehen. Eva Morocutti hat beide interviewt.

Mich würde zuallererst interessieren, was auf Russisch auf dem Plakat geschrieben steht.

Martin Schwab: Lenin, ich bin bei dir.

Michael Scheidl: Im Sinne des Beistandes.

Wie kam es zu ihrer Zusammenarbeit für das Netzzeit-Festival, das 2011 unter dem Motto „Out Of Control“ läuft?

Scheidl: Ich hab den Martin Schwab gefragt und er hat „Ja“ gesagt.

Schwab: Wir haben das zwei Jahre terminlich besprochen und dann hat es sein müssen. Und es ist wunderbar. Es ist das schönste Geschenk für mich in letzter Zeit.

Im Präparator heißt es an einer Stelle: „Ich kenn mich mit Politik nicht aus und um ehrlich zu sein, ich fand es todlangweilig“. Inwiefern geht es ihnen in Anbetracht der Tatsache, dass sich damals auch Lenins Frau, Nadeschda Krupskaja, eine Rebellin, gegen dessen Einbalsamierung gewehrt hat, darum, gegen Personenkult aufzutreten und sich näher mit dem Totenkult zu beschäftigen?

Schwab: Lenins Frau war dagegen und in einem Interview in einer ganz berühmten Zeitung damals, hat sie auch gemeint, dass es nicht in ihrem Sinne ist. Da hat sich Stalin darüber hinweg gesetzt und hat es so quasi angeordnet und seine Arschkriecher haben da mitgemacht. Ich glaube der Berühmtere, der Trotzki, war auch dagegen.

Scheidl: Die Geschichte ist voll von solchen Beispielen. Es gibt einen der wenigen anderen noch ausgestopften Staatsmänner, Ho Chi Minh, der wollte das auch nicht und liegt heute noch in Hanoi und ist aus ähnlichen niederen, also propagandistischen Motiven ausgestopft worden. Die Frage des Personenkultes ist eine, die uns natürlich auch interessiert hat, weil das extrem schädlich ist, furchtbar, man braucht nur schauen was aus dem Christentum geworden ist, man braucht nur schauen was aus den kommunistischen Staaten geworden ist, den schrecklichen Zeiten des eines Gebärers eigentlich ganz guter Ideen und der nach seinem Ableben dafür missbraucht wurde. Das ist ein westliches Zivilisationsproblem.

Ich habe vor zwei Jahren einen Indianerstamm im Amazonasgebiet kennen lernen dürfen, dort ist Personenkult deshalb unmöglich, weil es dort andere Zivilisationsentwürfe gibt. Eines der wenigen Tabus, die es dort gibt, ist den Namen eines Toten überhaupt zu nennen. Denn der das tut, der ist erledigt, unten durch, das ist wie wenn einer Präsident werden will und sagt „Ich bin bekennender Pädophiler“. Es geht gar nicht, dass dorthin dann welche kommen, die im Namen Jesu Christi sagen „Kommt, lasst uns diese ungläubigen Schweine niedermetzeln.“

Schwab: Aber man könnte ja auch sagen, dass es die nicht erfunden haben. In der vorchristlichen Zeit gab es auch die Pharaonen, die sich ihre Gräber gebaut und ihre Pyramiden und die sich stark mit dem Jenseits beschäftigt haben.

Scheidl: In Indien grassiert heute noch die Witwenverbrennung. Das hat mit Bewältigungsversuchen des Todes zu Lebzeiten zu tun.

Inwiefern hat da auch die Vätergeneration versagt, die einem nicht mehr beibringen konnte als zu trinken oder geht es im Fall der Figur des Dr. Alexander Mishin mehr um ein individuell-russisches Schicksal, das man nicht so einfach kollektivieren kann?

Schwab: Das Stück spielt in der Jetzt-Zeit und er reflektiert in der Jetzt-Zeit, in der der Kommunismus und der so genannte Sozialismus gestorben sind und, wie auch in Russland gerade, der freie Markt existiert. Da gibt es sehr viele Verlierer. Und der Mishin ist auf persönlicher Basis bestimmt auch ein Verlierer. Einerseits hat er noch seinen Titel und eine kleine Staatsrente, die Irina, seine Frau, dazu veranlasst hat, dass sie sich an ihn rangemacht hat und die Frau Professor wurde. In dem Zusammenhang reflektiert er auf die jüngste Vergangenheit, die Stalin-Ära und dann noch eins zurück, auf die Lenin-Zeit, mit der er sich auseinandersetzen muss, weil er ihn einbalsamiert.

Ich finde das Stück toll, vor allem das Libretto, das hat Dostojewski-Ausmaße. Wenn ein Mensch darunter leidet, was war, müsste man sich in der heutigen Zeit fragen: Warum sind unsere Politiker eigentlich alle so aalglatt? Da hat man nie den Eindruck, dass irgendjemand unter irgendetwas leidet.

Scheidl: Es ist vermutlich ein Zwiespalt, dass man den Antrieb, etwas besser zu machen, nicht erkennt. Aber um noch einmal konkret auf die Frage zurück zu kommen und auch die Stelle, die sie als Beispiel genommen haben. Er sagt: „Alles, was mir mein Vater beigebracht hat, war die Liebe zum Vodka.“. Er sagt aber auch: „Für mehr war nicht Zeit.“. Der war Stahlarbeiter in einer Stahlfabrik. Er hat übrigens auch für den Umsturz nicht wirklich Zeit, dieser Vater, wie wir erfahren. Er ist aber dann trotzdem als konterrevolutionär exekutiert worden, aber nur, weil er gewagt hat zu kritisieren. Aber er hatte nicht die Zeit und nicht die Macht. Auch die Figur des Mishin ist kein Mächtiger und auch die Irina ist keine Mächtige. Wenn man Mishins Resümee am Schluss betrachtet, sagt er: „Jetzt wo uns keiner zuhört kann ich es ja sagen: Die Bestimmung der Menschheit ist…“

Schwab: „…Betrug, Bestechung, Grausamkeit und Gleichgültigkeit.“

Scheidl: Er kritisiert im Text unterschwellig auch immer wieder den Begriff der Gleichheit, der von allen kommunistischen Regimen so stark propagiert wurde. In Wirklichkeit wird eine Gleichmacherei betrieben, damit ein paar, um jetzt mit Orwell zu sprechen, gleicher sein können als die anderen.

Gleiche Chancen für alle, etc., die, die das wirklich erreichen wollten, denen soll man es auch nicht absprechen, es war jedoch immer ein Heer von Epigonen darum herum, oder Nachfolgende, die diesen Begriff verwenden, um sich dann selber wieder ihre Pfründe zu sichern.

Schwab: Das ist wunderbar nachzulesen im Buch von Jewgenia Ginsburg: „Gratwanderung“.

„Der Präparator“ ist ein „Kammerlustspiel“, eine Komödie in intimem Rahmen. Inwiefern herrscht da Lustigkeit vor?

Scheidl: Es gibt durchaus lustige Sachen im Stück. Es ist jedoch, wie oft bei komischen Sachen, zutiefst pessimistisch. Aber darüber zu lachen ist wahrscheinlich die einzige Möglichkeit, um in eine Form von Entspannung zu kommen, um mit brauchbarer Energie darüber nachzudenken, konstruktiv sein zu können.

Schwab: Dürrenmatt hat gesagt, dass man in der heutigen Zeit nur über die Form der Komödie und der Farce ernste Dinge transportieren kann. Ein unglücklich verheirateter Mann wie der Mishin sieht zum Beispiel, dass seine Frau andauernd Eskapaden macht und dann sagt die zu ihm: „Du bist eine misstrauische, neurotische Kreatur!“ (lacht).

Scheidl: Es ist auch nicht frauenfeindlich, das Stück.

Schwab: Im Gegenteil!

Scheidl: Er zieht im Text über diese Rotten von Männern her, die nichts anderes im Sinn haben als Krieg und Zerstörung und die nichts anderes zu tun haben als sich gegenseitig umzubringen und zu vergewaltigen und dann denken sie und sind dann die „Denker“ und glauben, dass sie Geschichte machen, aber die Wahrheit, sagt er dann..

Schwab: .. die Wahrheit sind die Frauen, auch wenn sie im Abseits stehen. Und sie haben fast immer im Abseits gestanden. Also da bezieht er doch Position.

Was ist von der Verbindung Text und Musik durch das Klangforum Wien zu erwarten?

Scheidl: Das ist immer schwierig zu beschreiben, da müssten wir jetzt den Dirigenten da haben, was man jedoch mit Sicherheit sagen kann, ist, dass die Musik sehr stark an seinen Gedanken und an seinen Emotionen entlang geht und manchmal kann man auch die Stimme Lenins hören.

Schwab: Das ist keine melodramatische Musik und keine Filmmusik. Es ist eine Mischung aus Vielem und auch Anregung für den Zuhörer.

Scheidl: Es öffnet ein Feld und Mishin wird zum Transmitter dieser Bilder. Was Theater aber überhaupt immer können soll, ist eine gewisse Fragwürdigkeit zu behaupten. Also dass du mit deiner Phantasie hinein kannst. Dass nicht alles ausgedeutet ist, sondern dass die Widersprüche bleiben. Sonst hätten wir reines Informationstheater und das haben wir ohnehin den ganzen Tag. Dazu muss man nur das Internet anschalten.

Was galt es bei der Bühnengestaltung des Katafalks, auf dem der Sarg aufgebahrt ist, besonderes zu beachten?

Schwab: Kein falscher Realismus.

Scheidl: Man hätte versuchen können, das Lenin-Mausoleum nachzubauen. Da hätten wir uns aber einen anderen Spielort suchen müssen, ein klassisches Theater. Ich hab ja Ho Chi Minh gesehen und der Martin den Lenin. Da darf man einmal darum herum gehen, nicht einmal stehen bleiben und muss dann auch gleich weiter gehen, wie bei einer Prozession. Der liegt da drinnen wie das Schneewittchen im Sarg. Wenn die von Madame Tussaud eine Wachsfigur hinein gelegt hätten: ich hätte den Unterschied nicht sehen können. Aber das Wesentliche ist vermutlich das kultische Moment, das Festhalten im Bild oder in der Skulptur, in Form einer Mumie auf die Spitze getrieben. Und dieser Katafalk ist ein letztes Relikt dafür. Eine Insel einer Zeit, die es nicht mehr gibt. Und über die Kritik am Kapitalismus denkt man sich dann bei Gelegenheit: vielleicht ist er auch am zerbröseln?

Der Präparator

Martin Schwab und das Klangforum Wien

Samstag, 22.1., 19 Uhr 30, Livestream aus dem Radiokulturhaus

Weitere Termine: Freitag, 28.1. & Samstag, 29.1.

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