Mannöverkritik – Birgit Jürgenssen »Hausfrauen-Küchenschürze«

Gegen schreiende Ungerechtigkeit ist leise Ironie oft am wirksamsten. Birgit Jürgenssen inszenierte sich in einer »Hausfrauen-Küchenschürze«, starr in die Kamera blickend, als Ideal dessen, was der heutige Internet­slang Trad­wife nennt. Und war mit ihrer subtilen Kritik wohl nicht nur im Jahr 1975 der Zeit voraus.

© Birgit Jürgenssen »Hausfrauen-Küchenschürze«, 1975, Bildrecht / Birgit Jürgenssen

Wie herrlich weiblich: Erst schnallte sich Valie Export das »Tapp- und Tastkino« vor die Brüste und ein paar Jahre später Birgit Jürgenssen den Herd vor den Bauch – damit wären dann auch die wichtigsten (und einzigen) Rollen der Frau geklärt. Dasselbe traditionelle Frauenbild, das von den beiden vor einem halben Jahr­hundert ironisch kritisiert wurde, scheint im heutigen politischen Klima wieder angesagt und wird in den sozialen Medien unironisch verkörpert. Tradwives machen Sauer­teig­brot, Mozzarella, Apple Pie from scratch, von der Pike auf, selbst. Da ist es doch nur praktisch, Herd und Ofen immer vor sich her zu tragen, denn was sollte eine Frau sonst noch zu tun haben? Was kann erfüllender sein, als geschürzt dem Gatten alles von den geschürzten Lippen abzulesen?

Das ist nämlich das nächste Problem, das Birgit Jürgenssen implizit anspricht, damals gab es nur noch keinen eigenen Begriff dafür: Es gilt zwar schon lange als selbst­verständlich, dass die Haus­frauen­rolle einiges an physischer Arbeit beinhaltet. Dass dafür aller­dings auch eine Menge an mentaler Vor­leistung erbracht werden muss, wird im feministischen Diskurs erst seit Kurzem hervor­gehoben. Dieser Planungs­aufwand nennt sich dort »Mental Load«. Selbst in Beziehungen, die Kochen, Waschen und Einkaufen relativ ausge­glichen verteilen, bleibt die Organisation von Kochen, Waschen und Einkaufen zum über­wiegenden Teil an der Frau hängen. Sie trägt das vor sich her, aber nicht so offen­sichtlich wie Birgit Jürgenssen ihren Ofen. Die mentale Vor­leistung bleibt unsicht­bar und dennoch ein großer Teil der Arbeit.

Das Werk »Hausfrauen-Küchenschürze« ist aktueller denn je, auch weil es in diskreter Über­spitzung diesen sonst verborgenen Aspekt zur Deutlich­keit bringt. Fast wünscht man sich, die eigene Mental Load selbst so demonstrativ vor sich her tragen zu können. Denn sonst fällt diese Belastung ja nur auf, sollte sie einmal nicht über­nommen werden. Generell kann man sich nicht sicher sein, dass Birgit Jürgenssens Werk in all seiner wunder­schönen Ironie bei all jenen ankommt, die es am nötigsten verstehen sollten. Ebendiese können aber gewiss auch nicht der Maß­stab sein – immerhin wollen wir ihre mentale Trag­fähig­keit ja nicht über­strapazieren.

»Hausfrauen-Küchenschürze« und weitere Werke zum Thema Care-Arbeit sind noch bis 28. Juni 2026 in der Aus­stellung »Care Matters« in der Albertina in Wien zu sehen.

Unsere Heftrubrik »Golden Frame« ist jeweils einem Werk zeit­genössischer Kunst gewidmet. In The Gap 216 ist dies: »Hausfrauen-Küchenschürze« von Birgit Jürgenssen.

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