Arbeit und Graffiti macht nicht frei

Tausende Zwangsarbeiter mussten unter den Nazis die Wiener Flaktürme bauen. Eine Ausstellung zeigt jetzt ihre Spuren, ihre Graffitis und Tags. Wir haben die Leiterin interviewt.

Die Wiener Flaktürme, errichtet zwischen 1942 und 1945, sind das Ergebnis von Gräueltaten unter der Nationalsozialismus. Aus verschiedensten Teilen Europas wurden Männer nach Wien gebracht, um als Zwangsarbeiter Schutzbunker, Zufluchtsorte oder Angriffspunkte für die deutsche Wehrmacht zu errichten. Nutznießer waren dabei unter anderem auch zahlreiche österreichische Bauunternehmen. Die Spuren dabei wurden wie so oft auch hier beseitigt oder Geschehenes bleibt schlicht unausgesprochen, Mahntafeln und dergleichen fehlen bis heute an bestehenden Bauten.

Eine Ausstellung im Künstlerhaus Wien widmet sich nun im April, zum 70jährigen Jubiläum der Befreiung des NS-Regimes, erstmals dieser Thematik und zeigt originale Dokumente der unzähligen Zwangsarbeiter, nämlich deren Graffitis und Inschriften, die sie an den Betonmauern des Flakturms anbrachten. Was heute oftmals als Schmiererei und Verschandlung abgetan wird, widerlegt diese Ausstellung mit Bravur.

Wir haben uns mit der Leiterin der Ausstellung Ute Bauer über die geschichtliche Aufarbeitung in Österreich unterhalten und darüber gesprochen, was mit den Relikten aus der NS-Zeit in Zukunft passieren sollte.

Graffitis kennen die meisten Menschen in einem anderem Kontext. Was halten Sie von urbaner Sprühkunst im öffentlichen Raum?

Graffiti im öffentlichen Raum machen Bedürfnisse sichtbar, die in unserer Gesellschaft nicht die nötige Beachtung finden und sind Ausdruck eines unterrepräsentiert-Seins gegenüber den Einflussreichen.

Beauftragtes Sprayen kann als "Kunst am Bau" mancherorts funktionieren oder gefallen, führt die Essenz der Graffiti aber ad absurdum: der Widerspruch fehlt. Der neue Hauptbahnhof etwa benutzt Graffiti als Dekor, während im benachbarten Sonnwendviertel die angebliche Grätzelaufwertung an den Fassaden der Neubauten bereits heftig in Frage gestellt wird.

Auch wenn die Zwangsarbeiter der Flaktürme keinen einen entscheidenden Einfluss auf den Verlauf des Zweiten Weltkriegs nehmen konnten, auf ihr eigenes Leben oder das Bauwerk selbst, so haben sie sich in ihren Graffitis dennoch als am Geschehen Beteiligte verewigt. Ihre Namen, politischen Parolen oder Sehnsuchtsbekundungen zeugen bis heute von der Ausbeutung durch Zwangsarbeit im Nationalsozialismus.

Wie kommt es, dass die Flaktürme, umgeben von Wohnhäusern usw. heute immer noch stehen? Normalerweise muss Altes in der Stadtplanung meist Platz für Neues machen.

Im Nachkriegs-Wien war die Beseitigung der Flaktürme kein dringendes Anliegen, ganz im Gegensatz zu Berlin und Hamburg. Das mag einerseits an der bis in die 1980er Jahre bestehenden Rolle Österreichs als "erstes Opfer des Nationalsozialismus" liegen – die Flaktürme waren sinngemäß "vom Deutschen Reich auf österreichischem Grund" errichtet worden. Andererseits hätten die Wohnhäuser der Umgebung bei Sprengungen Schaden genommen.

Heute wäre es schlicht zu kostspielig, die Stahlbetonbauten Stück für Stück abzutragen, schließlich lassen sich die Parkanlagen als Erholungsgebiete nicht leicht als Bauland vermarkten.

Welchen Nutzen können solche Bauten heute haben? Lieber abreißen oder bestehen bleiben?

Ich plädiere für Stehenlassen! Sie sind historische Ereignisorte, materielle Zeitzeugen, Produkte von Zwangsarbeit, also Mahnmale. Leider werden sie viel zu oft als herkömmliche Immobilien verstanden. Eine Stadt kann Leerräume vertragen, die sich gängigen Verwertungsstrategien entziehen.

Ohne neue Nutzung und Neubewertung stehen die Flaktürme wie große Fragezeichen inmitten des allerorts vordefinierten Stadtraums. Der ehemalige Leitturm im Arenbergpark eignet sich mit seinen zahlreichen historischen Spuren besonders als "begehbares Mahnmal", das, ohne zusätzliche Gestaltung der Öffentlichkeit zugänglich gemacht, auch künftigen Generationen eine Auseinandersetzung mit der Geschichte ermöglichen kann.

Wissen Wiener überhaupt, welchen Nutzen diese Bauten einst hatten?

Nach wie vor werden die Flaktürme in erster Linie als Bauten des Luftkriegs verstanden, als Schutzbauten für die Zivilbevölkerung wird ihnen sogar ein positiver Nutzen zuerkannt. Ihr tatsächlicher militärischer Erfolg war jedoch deutlich geringer als nach außen demonstriert, der Bauaufwand dabei jedoch enorm.

Die Errichtung der Stahlbetontürme ging auf Kosten von hunderten Zwangsarbeitern aus allen Ländern Europas und der Sowjetunion. Gedenktafeln sucht man bis dato jedoch vergebens. Hier ist noch jede Menge Aufklärungsarbeit zu leisten.

Von wo her stammen die Zwangsarbeiter? Zeigen sich unterschiedliche Sprachen in den Graffitis wieder?

Die meisten Graffiti im Leitturm Arenbergpark stammen von Zwangsarbeitern aus Frankreich und Italien, gefolgt von Zwangsarbeitern aus Gebieten des ehemaligen Jugoslawiens sowie der ehemaligen Tschechoslowakei und Sowjetunion.

Während die Franzosen vermehrt Parolen der Resistance wiedergaben, verewigten sich Italiener vermehrt mit ihren Vor- und Nachnamen. Einige Graffitis wurden durchgestrichen, übermalt oder sind aufgrund der Handschriften und des unebenen Untergrunds – Ziegel, Beton oder Putz – nicht mehr zu entziffern. Etwa ein Drittel der Graffitis stammt von Wehrmachtssoldaten und von Zivilisten, die sich während der Luftangriffe im Turm aufhielten.

War es schwierig, öffentlichen Zugang zu den Flaktürmen zu bekommen, sprich, eine Ausstellung daraus zu machen?

Von 2008 bis 2010 hatte mein Team vom Interdisziplinären Forschungszentrum Architektur und Geschichte für das Forschungsprojekt "Erinnerungsort Flakturm", das vom Zukunftsfonds der Republik Österreich und der Kulturabteilung der Stadt Wien gefördert wurde, eingeschränkten Zutritt zum Gebäude. Im Sommer 2011 hat die letzte von uns geführte öffentliche Begehung des Leitturms Arenbergpark stattgefunden.

Mit Verweis auf fehlende Sicherheit wird seither jede Führungsanfrage von der Eigentümerin Stadt Wien abgelehnt. Nachvollziehbar ist das angesichts des guten baulichen Zustands nicht.

Da die Graffitis nicht im Flakturm gezeigt werden können, nehmen sie anlässlich des 70. Jubiläums der Befreiung Wiens vom Nationalsozialismus vorübergehend Quartier im Künstlerhaus.

Gibt es ähnliche solcher Bauten auch außerhalb Wiens?

Flaktürme gab es nur in Berlin, Hamburg und Wien, aber es gibt zahlreiche ehemalige reine Luftschutzbauten und Bunker in ganz Österreich.

Handelt es sich bei der Ausstellung um Fotografien oder kann man die Graffitis hautnah erleben?

In der Passagegalerie des Künstlerhauses werden Fotografien der Graffiti samt ihren Umschriften präsentiert. Historische Fotos und Luftbilder zeigen die Flakturmbaustellen im Arenbergpark sowie Zwangsarbeiterlager in Wien.

Die Ausstellung ist ja zeitlich begrenzt. Wie wäre es, sie dauerhaft zu installieren?

Vielleicht müssen die Graffiti tatsächlich noch länger "im Exil" gezeigt werden, um der Idee eines "begehbaren Mahnmals" in den eigentlichen Räumen im Leitturm Arenbergpark mehr Nachdruck zu verleihen.

Wir versuchen, über die Ausstellung im Künstlerhaus eine breite Öffentlichkeit anzusprechen und für den bisher wenig beachteten Aspekt der Zwangsarbeit beim Flakturmbau zu sensibilisieren. So gesehen wäre auch eine dauerhafte Ausstellung durchaus wünschenswert.

Die Ausstellung "Graffiti im Flakturm – Spuren der Zwangsarbeit in Wien" findet von 3.April bis 6.Mai 2015 im Künstlerhaus Wien statt.

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