Ich bin der Feminist!

Erst kürzlich in Leipzig: Wiederholte Beschallung unseres Airbnbs mit Klitcliques „Der Feminist“: Ich bin der ich-will-Feministinnen-ficken-deshalb-bin-ich-feministisch-Feminist heißt es da, oder ich bin der Feminist, aber dann hab ich mir die Beine abrasiert, und Coco Chanel ins Gesicht geschmiert, und auf der Akademie studiert.

 

Das ist nicht nur unterhaltsam, der Track trifft den Kern der vielleicht größten Herausforderung, der sich feministische Initiativen gegenwärtig stellen müssen. Nämlich, dass feministische Spielarten und Motive mittlerweile so divers sind, dass Bündnispolitik schwierig scheint und gleichzeitig fundierte feministische Kritik angesichts von Kleinteiligkeit (und Inhaltsleere) zu vernebeln droht. 2014 lieferten sich Hannah Lühmann und Sophie Elmenthaler einen Schlagabtausch in der Die Zeit. Während Lühmann den Feminismus durch GIFs dem Untergang geweiht sieht, plädiert Elmenthaler für eine Vielfalt feministischer Kampfstile.

Lässt man nun die Frage nach kapitalistischer Aneignung feministischer Bestrebungen außen vor, dann bleibt hier ein Konflikt, der vor allem um die Frage kreist, welchen Universalanspruch individuelle Erfahrungswelten haben. Wenn ich nun also bei drei Bier behaupte, ich würde alle feministischen Antworten kennen, weil ich Erfahrung 1, 2 und 3 mit zwischenmenschlichen Beziehungen, mit Sexismus im Job, mit struktureller Gewalt gemacht habe, dann könnte es sein, dass ich einem Irrglauben unterliege. Da macht es dann auch kaum einen Unterschied, wenn ich Judith Butler hernehme um theoretisches Futter zu geben – weil ein sehr spezifisches „von-sich-Ausgehen“ immer Diskurs verunmöglicht, der inklusiv ist und Platz für alternative Wahrnehmungen lässt.

Ist es nun ein feministischer Akt, wenn ich dem Boy den Finger in den Arsch stecke? Bin ich selbstbestimmt unrasiert, selbstbestimmt rasiert, unselbstbestimmt rasiert oder unselbstbestimmt unrasiert? War das mit der Hochzeit prüde, progressiv, mutig, oder eine feministische Selbstaufgabe? Die Antworten auf diese Fragen haben im feministischen Diskurs durchaus etwas verloren, aber nicht als neue Normen. Ob ich rasiert bin oder nicht, darf natürlich politisch verstanden werden – wenn ich will – aber eben nur im Kontext dessen, was für mich persönlich eine (un)rasierte Muschi bedeutet. Wenn es dann um politische Inhalte geht, dann macht es auch wenig Sinn, diese nur mit meinem ganz persönlichen Feminismus – der nie abgetrennt von anderen Wertesystemen existieren kann – zu beantworten, sondern vor allem auch anhand der Frage: Was ist die beste Lösung für eine möglichst große Gruppe an Menschen, ohne dabei andere schlechter zu stellen?

So, alles klar! Unterschiedliche Kampfstile sind nicht nur in Ordnung, sie sind auch komplett natürlich und authentisch; und das liegt nicht nur an ästhetischen Präferenzen, sondern auch an inhaltlichen Auffassungsunterschieden darüber, unter welchen Bedingungen Gleichstellung der Geschlechter möglich ist. Was aber tun, wenn sich der ich-will-Feministinnen-ficken-deshalb-bin-ich-feministisch-Feminist lautstark positioniert, oder sich Personen als identitätsbildendes Element #igersfeminism auf ihrem Instagram Account einverleiben?

Schwierig. Anstatt sich ausschließlich zu überlegen, wie ich nun persönlich hierzu stehe, könnte man zusätzlich auch die Frage stellen, was das mit dem großen Ganzen zu tun hat. Ist das feministische GIF nicht nur in sich ein Konflikt, sondern schadet es auch dem großen Ganzen? Lühmann würde das – zumindest 2014 – bejahen, Elmenthaler wäre anderer Meinung. Wenn wir naiv annehmen, dass Feminismus gesellschaftlichen Umbruch zur bestmöglichsten Lebensrealität aller Menschen im Fokus hat, dann gibt es durchaus etwas Spielraum. Nämlich bedeutet eine kritische Masse, unabhängig von konkreter Motivation, dass nachhaltig Druck ausgeübt werden kann. Ungleichbehandlung am Arbeitsmarkt auf Grund von Geschlecht, strukturelle Schlechterstellung auf Grund von Geschlecht, Anfeindungen und Gewalt auf Grund von Geschlecht – all das kann nur dann der Vergangenheit angehören, wenn es laut und breit genug eingefordert wird. Was nicht passieren darf: individuelle Vereinnahmung feministischer Agenda zum reinen Selbstzweck. Aber das gilt sowieso für fast alles: wenn es mir nur darum geht, mich selbst darzustellen, und es mir opportunistisch komplett egal ist, ob das nun über Feminismus, Yoga oder Techno am besten funktioniert, dann habe ich sowieso ziemlich viel falsch verstanden.

Sich kritisch und ernsthaft mit dem eigenem und anderen Lebensrealitäten auseinanderzusetzen, kann nie ein Fehler sein. Alle müssen, keiner will, Feminismus.

Therese Kaiser ist Co-Geschäftsführerin des feministischen Business Riot Festivals und ist vor allem auf Instagram anzutreffen. Für unserer Kolumne „Gender Gap“ beschäftigt sie sich mit den großen und kleinen Fragen zu Feminismus. 

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