»Im Zweifel müssen wir alle ran« – Eine Taxifahrt ins Zentrum der politischen Schönheit

Philipp Ruch, der Gründer des Zentrums für politische Schönheit, war im Rahmen des Talks »Political Futures« in der Wiener Kunsthalle zu Gast. Im anschließenden Interview spricht er über Fake-News, »Bullshit-Artist«-Trump, das Schwert der Justitia und die Einfallslosigkeit von Martin Sellner.

© Kay Nietfeld dpa/lbn

Ein Trauerzug durch die deutsche Bundeshauptstadt, Gestalten in Schwarz transportieren Särge. Särge, in denen sich ertrunkene und ursprünglich an der italienischen Küste verscharrte Flüchtlinge befinden sollen, exhumiert vom »Zentrum für politische Schönheit mit dem Zweck, diese vor den Augen des deutschen Bundestages beizusetzen.  Dies ist wohl die bekannteste und umstrittenste Aktion der AktionskünstlerInnen rund um Philipp Ruch. Seit 2008 sorgt das »Zentrum für politische Schönheit« mit seiner radikalen Form der politischen Aktionskunst in Deutschland und Österreich für Furore. Pietätlosigkeit, Zynismus und Doppelmoral werfen ihnen ihre KritikerInnen vor. Mit ihren Handlungen schockieren sie nicht nur die Zivilgesellschaft, sondern legen sich auch regelmäßig mit PolitikerInnen an. Erst kürzlich pflanzten sie dem deutschen AfD-Politiker Björn Höcke das Holocaust-Denkmal direkt vor sein Schlafzimmer. Das »Zentrum für politische Schönheit« empört, reibt auf und kreiert mithilfe von aggressivem Humanismus Visionen einer Zukunft, in der eine starke Zivilgesellschaft die Fehler von PolitikerInnen ausgleicht und politisch Schönes schafft.

Im Rahmen der Talkreihe »Political Futures« in der Kunsthalle war Gründer Philipp Ruch zu Gast, um mit anderen AktionskünstlerInnen über die Rolel der Kunst in der politischen Zukunft zu diskutieren.

(c) Zentrum für politische Schönheit

Philipp Ruch ist ein charismatischer Mann, der offen für Fragen ist und sich selbst nicht gerade ungern sprechen hört. Bei seinem letzten Vortrag habe er mangels Zeitvorgabe sechs Stunden durchgehend geredet, wie er erzählt. Es war zu erwarten, dass die einstündige Vortragszeit ihn nicht sonderlich befriedigen wird und er die anschließende Belagerung durch seine Bewunderer bereitwillig geschehen lässt. Da das Zeitfenster, bevor Ruch zum Flughafen muss, dadurch minütlich schmäler und die rare Interviewzeit zunehmend kürzer wurde, wurde das Interview kurzerhand ins Taxi Richtung Flughafen verlegt.  Bevor der durch diese spontane Anwesenheit weder verunsicherte noch irritierte Ruch ins Fahrzeug steig, schminkt er noch schnell die sich üblicherweise bei öffentlichen Auftritten in seinem Gesicht befindlichen Ruß-Male ab.

Was hat es mit dieser schwarzen Bemalung im Gesicht auf sich?

Das sind Ruß-Spuren. Wir wühlen in den verbrannten Hoffnungen Deutschlands. Also die deutsche Geschichte hat bekanntlich viel mit Luft, Rauch und Asche zu tun, von Anfang an schwingt das mit. Ich stehe morgens auf, gehe in meinen Keller – dort habe ich die verbrannten Hoffnungen eingelagert – und mache mich dreckig.

In der Talkreihe »Political Futures« wurde darüber diskutiert, welche Rolle Kunst in der politischen Zukunft übernehmen kann. Das »Zentrum für politische Schönheit« spricht häufig davon, dass Kunst und Theater die 5. Gewalt im Staat sind. Wenn man an die »Fake-News«-Debatte denkt, verliert Journalismus – als 4. Gewalt im Staat – zum Teil an Gewicht. Kann Kunst hier als ausgleichendes Moment fungieren?

Also ich glaube nicht. Ich sehe, dass es in der 4. Gewalt bröckelt. In Deutschland jedenfalls gewaltig. Das ist aber nichts, worüber ich mich freuen kann, und auch nichts, wofür die 5. Gewalt einen Ersatz bieten könnte. Das Hauptproblem liegt darin, dass die 5. Gewalt verglichen mit den anderen Gewalten unfassbar lahm ist. Ein Schriftsteller schreibt, wenn er gut ist, ein Buch in ein bis zwei Jahren. Das Zentrum schafft auch einmal pro Jahr eine Aktion. In Wirklichkeit müssten wir im selben Takt wie eine Zeitung täglich reagieren und Handlungen setzen, um irgendwie mit der 4. Gewalt mithalten zu können. Nehmen wir das Beispiel Trump: Ich würde ihn als Bullshit-Artist bezeichnen, denn niemand kann so gut künstlerisch mit Bullshit umgehen, das muss ihm erst mal einer nachmachen. Und das macht er täglich, minütlich. Da können wir allein schon qua Medium gar nicht mithalten. Und das sollen wir auch gar nicht, denn nichts ist für den Schutz der Demokratie so wichtig wie die Bestrebung, dass die 4. Gewalt so bleibt wie sie ist, um nicht zu sagen, noch besser wird.  Kunst kann an Ecken was ersetzen, gut ist das jedoch für niemanden. Es ist sogar sehr schlimm, denn es bedeutet, dass die ersten drei Gewalten übermächtig werden.

Inwiefern hat man euch schon mal den Vorwurf gemacht, mit euren Aktionen selbst »Fake News« zu generieren ?

Selten. In Deutschland gab es Ende der 90er-Jahre den sehr bekannten Fall »Tom Kummer«: Dieser hat Interviews von Hollywood-Stars, Sharon Stone beispielsweise, frei erfunden. Das war ein riesiger Skandal, galt als das Waterloo des deutschen Journalismus. Wenn man diese Interviews liest, dann waren sie aber wesentlich gehaltvoller als Interviews, die man tatsächlich hätte führen können. Manchmal braucht es eben eine Fälschung oder Verfälschung der Wirklichkeit, um ihr überhaupt erst auf den Grund oder den wahren Kern zu kommen. Man muss dazusagen, wir fälschen ja nicht Banknoten. Wir scheffeln uns ja nicht eigennützig Geld in die Tasche, oder generieren News, die sich dann monetär in Millionen umschlagen. Ich würde die Kunst die wir machen auch nie als »Fake Art« bezeichnen, ich finde diese Wörter grässlich, schließlich geht es um Akte der Fantasie und der Visionen in der Zukunft. Und die sind erst mal eine Vorstellung, eine Imagination. Und uns zu verbieten, etwas zu behaupten, das nicht wahr ist – naja das ist in der 5. Gewalt komplett an der falschen Adresse. Und ich würde auch im Fall Tom Kummer sagen, dass es auch in der 4. Gewalt durchaus ein Recht gibt, ein Interview selber zu führen. Hollywood-Stars sind doch ohnehin oft Pappfiguren. Max Goldt sagt immer, wenn er mit der Presse redet, fühlt er sich wie seine eigene Bauchrednerpuppe. Sharon Stone ist ihre eigene Bauchrednerpuppe, warum soll man ihr dann nicht gleich selber das Wort in den Mund legen?

(c) Zentrum für politische Schönheit

In euren Selbstbeschreibungen verwendet ihr häufig eine mitreißende, martialische Sprache: Menschlichkeit als Waffe, Kunst die reizen, verstören und wehtun muss, Aktionskunst als »Schwert«. Braucht man diese Martialität heutzutage, um Menschen zu erreichen und für sich zu gewinnen? Setzt ihr hier auf die Empathie eures Gegenübers und warum? 

Mit dem Schwert in der Aktionskunst ist das Schwert der Justitia gemeint- sie hat eine Augenbinde eine Waage und ein Schwert. Ich habe selber erst mit 30 gemerkt, dass da ein Schwert ist. Das ist in unserer Erinnerungskultur nicht mehr vorhanden. Darüber habe ich übrigens auch promoviert. Es handelt sich dabei um das Schwert der Gerechtigkeit, das jemand führen muss. Im Zweifel müssen wir nämlich alle ran. Wir sind eine Zivilgesellschaft und ich habe in der Schule gelernt, wo der Staat versagt, muss die Zivilgesellschaft einspringen.

Aber zurück zu deiner Frage – mir gefällt der Gedanke, dass Menschlichkeit und Empathie eine Waffe sind, die man einsetzen kann. Mir gefällt dieser Leitgedanke im Gegensatz zu all den Debatten, die unterstellen, dass Moral und Kunst machtlos sind, dass Humanismus ein Wort ist, das in die Kirche gehört und so weiter. Ich bin der Meinung, dass Moral und der Humanismus die treibenden Kräfte der Menschheit sind. Ein Philosoph hat mal formuliert: »Was ist das gefährlichste auf dieser Erde? – Atombomben, chemische Waffen? – Nein. Es sind unsere Ideen« – Ich finde das gar nicht martialisch, ich sehe die Wahrheit darin, dass Menschlichkeit eine riesen Waffe sein kann.

Kannst du dich erinnern, welcher der letzte »politisch schöne« Akt war, den du gesehen hast?

Ja, gerade heute hier nach dem Vortrag kamen zwei Israelis von der Organisation »Breaking the silence« auf mich zu. Diese wendet sich an Soldaten, die aus dem Militär aussteigen, traumatisiert sind und die Schrecken, die sie im Krieg erlebt haben, aufschreiben. Diese Berichte der Soldaten sollen der Öffentlichkeit zeigen, wie die brutale Realität im Krieg tatsächlich aussieht – letztlich eine Organisation, die jedes Land bräuchte.

Aber politisch Schönes ist schon etwas Seltenes, nichts, das man täglich sieht. Wir haben bei unserer Suche nach diesen Akten gemerkt, dass man methodisch zum historisch Schlimmsten gehen muss – zum Holocaust, zu Völkermorden – in dieser Finsternis sind Akte politischer Schönheit sofort zu sehen. Deshalb haben wir beispielsweise zu Srebrenica die zwei größten Aktionen bisher gemacht.

(c) Zentrum für politische Schönheit
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