Jürgen Kleft: Wenn der Outdoor-Trend zu Kunst wird

Wer oder was ist ein Shellpunk?

© Doppelseite aus Shellpunk by Jürgen Kleft

Als Drake im Video zu Hotline Bling das Modell Maya von Moncler trug, also die rote Jacke, verdoppelten sich am Tag nach seinem Erscheinen die Umsätze der Marke. Man kennt das von Beyoncé und Red Lobster, Rihanna und Hood by Air (R.I.P) und vielen anderen Stars, die bestimmte Labels pushen, als Testimonial oder einfach so. Damit sich das auszahlt, braucht es Berühmtheiten dieser Größenordnung, denn wenn ein Kay One (R.I.P)  in „Style und das Geld“ „Ich trag‘ ’ne nagelneue Jacke von Moncler und chill am Meer, yeah“ singt, nimmt das wohl eher keinen direkten Einfluss auf die Verkäufe. Einen Schluss lässt es aber trotzdem zu: Die hochpreisigen Daunenjacken von Moncler, ursprünglich für den winterlichen Bergsport gedacht, können heute auch locker im Hochsommer am Meer getragen werden. Nicht nur in der Popkultur ist man von Outdoor-Produkten fasziniert, kein Tag vergeht, an dem man keinen Träger eines Fjällräven-Rucksackers oder einer North Face-Jacke in der Fußgängerzone vorbeischlendern sieht. Diese Leute kommen nicht direkt vom Berg.

Einen Begriff gibt es dafür natürlich auch schon: Gorpcore soll es nämlich heißen, wenn man sich im urbanen Raum so kleidet als stünde eine mehrtägige Wanderung bevor. Der Trend beflügelt nicht nur die Modewelt, die mit glitzernden Rucksäcken und Stirnbändern kontert, sondern auch die Kunst.

Jürgen Kleft: Shellpunk

Das Wiener Kollektiv, das unter dem Namen eines seiner Mitglieder, Jürgen Kleft, läuft, arbeitet sich in seiner ersten großen Publikation „Shellpunk“ am Phänomen Outdoor ab und liefert mit dem Titel auch einen eigenen Neologismus, der aber über die Grenzen von Gorpcore hinausgeht, „Der Shellpunk ist derjenige, der die Katastrophe sucht, sie absichtlich herbeiführt […]“, heißt es in einem von Kleft selbst verfassten Beitrag in dem gleichnamigen Buch, das gerade im Hamburger Textem Verlag erschienen ist.

Cover von Shellpunk © Jürgen Kleft

Es geht Kleft also nur am Rande um den Peak Performance-Shopper, eher um den Typ Prepper bzw. Survivalist, also um Menschen, die sich aktiv auf den Ernstfall vorbereiten und oftmals Youtube-Videos dazu nutzen, wesentliche Skills, die es zum Überleben braucht, vom Feuermachen bis zum Hüttenbau, weiterzugeben. Als Nischenphänomen kann man das eigentlich nicht wirklich bezeichnen. Channels wie Primitive Technology zählen immerhin 4 Millionen Abonnenten. Die Auseinandersetzung Klefts mit diesen Phänomenen manifestiert sich in dessen Kunst durchaus vielseitig. Keramik spielt eine große Rolle, Rucksäcke und natürlich das Zelt. Das führt in Klefts Fall auch dazu, dass die Ergebnisse unterschiedliche sind. Mal wird man von Mode, mal von Skulptur sprechen dürfen; wenn auch die Grenzen verschwimmen.

© Jürgen Kleft

Es verwundert eigentlich nicht, dass sich das Kollektiv schon seit 2012 mit der Shellpunk-Thematik beschäftigt, da sie so viel Interpretationsspielraum ermöglicht. Einerseits natürlich den besprochenen Outdoor-Hype, der Assoziationen zu active wear zulässt und die Frage aufwirft, ob Kleidung, deren Anwendungsbereich so genau definiert ist so häufig „zweckentfremdet“ wird. Man kann, gerade wenn man sich die Zelte ansieht aber auch an die Architekturtheorie des 18. Jahrhunderts mit ihrer Urhütte denken, genauso aber auch an die aktuelle Flüchtlingskrise. Auch eine Art postapokalyptische Zeit, auf die die Prepper  ja mehr als implizit vorbereiten, eröffnet durchaus politische Deutungsmöglichkeiten der Arbeiten.

Zelt © Jürgen Kleft

Neben den gut inszenierten Bildern, die die einerseits bereits erfolgte Ausstellung und auch eine Modeschau dokumentieren, andererseits einzelne Werke abbilden, finden sich auch einige sehr lesenswerte Texte, die sich mal mehr, mal weniger am eigens erfundenen Phänomen Shellpunk abarbeiten und nicht zuletzt dafür sorgen, dass man nicht von einem Ausstellungskatalog, sondern eher von einer Monographie sprechen muss.“Das Jagen und Sammeln“ von Nina Gross und Raphael Dillhof, ein Beitrag der sich erst gegen Ende der Publikation findet, liefert den perfekten Einstieg in Klefts Werk – sollte man unbedingt zuerst lesen. Katharina Schaars Beitrag „Daunenweiche Abenteuer: Funktionskleidung als Fetisch“ beschäftigt sich unter anderem mit „Puffys“, also Daunenjackenfetischisten. Man kann sich mithilfe der Publikation aber auch gut an Heidegger annähern.

Insgesamt jedenfalls eine ziemlich ausladende Würdigung eines fiktiven Charakters, den eigentlich jeder selbst verwirklichen kann. Shellpunk sein, anyone?

„Shellpunk“ von Jürgen Kleft wird am 12. 6 präsentiert. Hier geht es zur Veranstaltung. Mehr zu Jürgen Kleft. 

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