Klotzen und kleckern

Wer sich in seiner Jugend den Traum vom Baumhaus nie erfüllen konnte, sollte einen Umzug in die Seestadt Aspern in Erwägung ziehen oder sich zumindest dieses Haus ansehen.

Stolz auf Holz können die Architekten von Berger und Perkkinen und Querkraft auf ihr monumentales Projekt in der Wiener Seestadt Aspern sein. Außen und innen fast ganz aus Holz gemacht, realisiert sich hier fast wie von selbst der jugendliche Wunsch vom Baumhaus. Und zwar nicht in Mamas Garten sondern am Bauplatz D12 in Aspern.

Sieht von außen aus wie ein geschicktes Flechtwerk aus kleinen Holzhäusern oder auch eine übereinander gestapelte Version einer Holzhüttensiedlung und macht das Projekt deshalb zu einer Ausnahmeerscheinung des Wiener Wohnbau. Verschachtelung wird zum obersten Prinzip erhoben und wenn Labyrinthe tatsächlich einem logischen System folgen, dann trifft das in jedem Fall auf dieses gewaltige Wohnprojekt zu.

Ein Ort zum Wohnen und Spielen

Kojenartige Einzelkörper verwachsen zu einem vegetativen Gesamtsystem und zwischen den einzelnen Wohneinheiten verlaufen statt dunkler Flure helle Laubengänge die von natürlichem Licht gespeist werden. Überhaupt setzen die Architekten-Teams hier voll und ganz auf die Kraft von Mutter Natur. Waldviertler Blockhütten-Charme verlobt sich mit urbanem Wohncomfort. Das ganze verspricht dann also: Anbindung an Mutter Natur ohne Stadtfluchtgedanken, oder: Holzhütten-Flair ohne Plumpsklo. Und obwohl das fertige Projekt wie ein geschlossener Setzkasten daherkommt, ist innen alles auf Kommunikation ausgerichtet. Scheinbar ganz wie von selbst entstanden hofartige Räume, die die einzelnen Parteien zueinander in Beziehung setzen. Clubräume, Spielgärten, Galerien und Gemeinschaftsterassen versammeln die wichtigsten Freizeitbedürfnisse des Durchschnittsösterreichers ohne dafür extra in die U2 steigen zu müssen.

Aus der Natur und für die Natur

Wer vermutet, dass die Holzfassade innere ökologische Mängel geschickt zu maskieren versucht, liegt falsch – die Wohneinheiten arbeiten energieeffizient. Die beruhigende Wirkung von Holz bestätigten ja schon ein Haufen anderer Ideen und Projekte, wie Waldkindergärten, Holzmöbel und Ipad-Hüllen in Holzoptik. Visionär und komfortabel – nur einer von vielen Widersprüchen der in den Wohnkojen des Wohnbau in Aspern versteckt ist.

Architektonisches Show-off oder Wohncomfort?

Wer was vorzuzeigen hat, ist glücklich. Das ist eine ganz einfache Gleichung menschlicher Befindlichkeit. Und obwohl Städte keine Gefühle haben, braucht jede Stadt ihre Vorzeigebauten. Während anderswo Museen und Konzerthallen als Paradehütten gefeiert werden, ist Wien auch in dieser Beziehung ein wenig anders. Hier entstehen am äußersten Stadtrand vergleichsweise teure Wohnungen, die vor allem als Leuchtturmprojekte dienen. Das wirft, trotz aller revolutionärer Facetten von D12, die Frage auf, ob es sich am aspernschen Wiener Stadtrand denn lohnt, Kunst und Wohnen so nah zusammenzurücken. Viele Wohnungen werden gerade bezogen. Ob es sich dort wirklich aushalten lässt, kann tatsächlich nur die Zeit zeigen. Spektakulär sieht es allemal aus.

Das Projekt befindet sich gerade im Endspurt seiner Fertigstellung, ob alle Wohneinheiten schon längst vergeben sind, lässt sich erfragen. Ansehen kann man es sich auf jeden Fall hier.

Bild(er) © 1,2,3,4: Berger und Perkkinen
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