»Ich will alles ausprobieren« – Mavi Phoenix hat als Marlon wieder Hunger aufs Leben

Mavi Phoenix veröffentlicht sein zweites Album. »Marlon« ist ein Bekenntnis zu seinem neuen Namen, zu sich selbst. Aber vor allem zu seiner Transidentität.

© Maša Stanić

»Zwei Grad zeigt die Wetter-App, der Wind pfeift über die Friedensbrücke. Unten fließt der Donau­kanal. Daneben die Promenade: verwaist. Keine Dosenbier­gruppen mit zu viel Tages­freizeit; keine Macho­menschen, die ihre Muckis flexen. Nicht einmal die Enten haben heute Bock aufs Paradies. Es gibt keinen Grund, hier zu sein – außer Marlon. Der Sänger, der als Mavi Phoenix bereits zwei Amadeus Awards abgeräumt hat, steht vor dem Würstel­stand bei der U-Bahn-Station und grinst. »Hey, wie geht’s?« – »Ganz gut.« – »Na dann.« – Hätten wir für unseren Talk-Walk nicht diesen Treffpunkt aus­ge­macht, ich hätte ihn als ganz normalen Typen nicht einmal wahr­genommen.

»Your boy made it out his flat«, schreibt Marlon in einem seiner letzten Instagram-Postings. Da stand er noch am Meer, über ihm blauer Himmel, beim Dreh für sein neues Video auf Ibiza. Einen Realitäts­check später frieren wir in einer grauen Stadt. Wien hat ihn wieder. Wenn auch nur für kurze Zeit. Der Künstler hat viel zu tun. Am 25. Februar 2022 erscheint sein zweites Album: »Marlon« wird es heißen, mit seinem Gesicht auf dem Cover. Es ist ein Bekenntnis zu seinem Namen, zu sich selbst. Aber vor allem zu seiner Trans­identität. »Es soll auch der Letzte checken, dass ich das jetzt bin«, sagt der Künstler und meint weiter: »Für mich war der Name ein Ausweg aus meinem damaligen Leben. Ich konnte endlich Marlon werden – das ist mein Name, das passt voll!«

Außenbild vs. Innenleben

Rückblende ins Jahr 2019. Damals hat sich Mavi Phoenix als Trans­gender geoutet. Sein biologisches Geschlecht stimmte nicht mit seinem sozialen überein. Er wurde als Frau geboren, identifiziert sich aber als Mann. Es folgte eine Zeit der Selbst­findung, wie Mavi damals meinte. Denn: Aus Marlene wurde Marlon – wer regelmäßig FM4 aufdreht, auf Insta rumscrollt oder das Standard-Probe-Abo aus dem Brief­kasten fischt, hat das mitbekommen. »Boys Toys«, das Debütalbum aus 2020, war schließlich sein öffentliches Coming-out. Marlon begann eine Testosteron-Therapie und begleitete seine Transition in den sozialen Medien. »Mein Außenbild hatte nichts mehr mit meinem Innen­leben zu tun. Deshalb musste ich mich öffentlich outen, um weiterhin Musik machen zu können.«

Letzten Juli veröffent­lichte der Künstler ein Video, in dem er zu Beginn als Frau in die Kamera blickt und am Ende als Mann lächelt. Über ein Jahr hat er seine Veränderung aufgezeichnet. »Als ich mit Testosteron angefangen habe, war ich echt schlecht drauf, weil ich dachte, dass es ewig dauern würde«, sagt Marlon, als wir an den leeren Bänken der Summer­stage vorbeispazieren. »Dabei geht es ziemlich schnell, bis man erste Veränderungen wahrnimmt.« Das Gesicht verändert sich. Die Züge werden maskuliner, über den Lippen sprießen einzelne Bart­stoppeln. Das ist auch den 20.000 Leuten aufgefallen, die sein Testo-Video bisher ge­klickt haben.

Mavi Phoenix (Foto: Maša Stanić)

Die meisten freuen sich, viele posten Herz-Emojis. Schließlich zeigen die drei Minuten nicht nur die sichtbaren Veränderungen – Marlon geht inzwischen als cuter Indie-Boy mit Ober­lippen­fläumchen durch –, sondern auch die hörbaren. Seine Stimme ist tiefer geworden. Statt »Aventura« heißt es nun Stimmbruch. Die alten Songs werden sich nicht mehr so ausgehen wie früher, sagt Marlon. Dabei könne er sich ohnehin nicht mehr vorstellen, dass er früher anders war. »Wenn ich Fotos von der alten Mavi sehe, check ich natürlich, dass ich das bin. Aber es ist so crazy!« Marlon lacht, als er diese Sätze ausspricht – als könne er es selbst noch nicht ganz realisieren, dass er es geschafft hat; dass er endlich so sein kann, wie er es will, wie er sich fühlt.

Die Geschichte von Marlon – »meine Mama fand den Namen zuerst furcht­bar« – lässt sich nicht erzählen, ohne die Vergangen­heit von Mavi Phoenix nachzu­zeichnen. Nicht nur der Weg, den er gehen musste, damit ihn andere als männlich lesen, sondern auch der Prozess seiner Identitäts­findung als Transmann bedeutet für Marlon, den Künstler, eine neue Karriere zu beginnen. Denn die Mavi Phoenix, die noch vor ein paar Jahren auf den inter­nationalen Festival­bühnen stand oder sich bei Fashion-Shootings für Desigual ablichten ließ, gibt es nicht mehr. »Die Transition war das Ende ihrer Karriere«, sagt Marlon, »ihr Ende war wichtig, damit ich als Künstler weiter­machen kann.«

Zuversicht und Trauer

Marlon hat sein biologisches Geschlecht hinter sich gelassen. Er ist von der Künstlerin zum Künstler geworden. Manche trans­sexuellen Personen sprechen im Kontext ihrer Transition sogar von einer Zweit­geburt. Sie meinen damit den Moment, in dem Körper und Identität sich nicht wie Fremd­körper abstoßen, sondern eins werden. »Für mich fand diese Zweitgeburt nach meiner Top Surgery statt«, so Marlon. Es handelt sich dabei um eine sogenannte subkutane Mastek­tomie. Dabei wird die weibliche Brust in einer Operation entfernt. »Der Prozess ist hart, weil man ja in einen unversehrten Körper eingreift. Da habe ich mir schon gedacht, es ist echt scheiße, dass man trans ist.« Diesen Gedanken zu haben und ihn zuzu­lassen, sei aber voll­kommen okay. Auch weil man ein paar Tage nach der OP merke, wie viel besser es einem gehe – »nicht nur äußerlich, sondern auch innerlich«.

Was es heißt, diesen Schritt zu machen, habe sich Marlon natürlich vor seiner Transition gefragt. »Ich bin aber fearless in die Sache reingegangen. Schließlich wusste ich, dass es für mich nicht anders gehen wird.« Marlon hatte eine genaue Vorstellung von seiner Identität, bevor sie seinen Körper matchte. Als er das erste Mal nach seiner Transition im Studio gestanden sei und mit seiner tiefen Stimme herum­probieren konnte, habe er trotzdem ein Erweckungs­erlebnis erfahren. Zu der Zeit entstand »Tokyo Drift« – ein Song, zu dem man am liebsten im Cabrio über die Höhen­straße cruisen möchte. »The Future? So bright!«, singt Mavi an einer Stelle, und man glaubt, die Sonne hinterm Kahlen­berg aufgehen zu sehen. »Ich musste das schreiben«, sagt Marlon heute. »Einfach weil ich es mir einreden wollte, dass mein Leben besser werden würde.«

Viele Leute würden nämlich vergessen, dass es nicht damit getan ist, einfach ein paar Hormone zu nehmen. Selbst nach dem operativen Eingriff gehe es nicht automatisch bergauf. Denn: Trans zu sein, sei nichts, das man sich aussuche. »Ich bin es halt«, hat Mavi bei seinem Outing vor zwei Jahren gesagt. »Es gibt deshalb Momente, in denen ich eine Trauer spüre«, sagt Marlon heute. »Dass ich mich diesem Prozess aussetzen musste. Und dass ich manche Situationen nie er­leben konnte.«

Unsensible Reaktionen

Man merkt Marlon an, dass er als 26-jähriger Künstler gerne eine männliche Jugend gelebt hätte. Gleich­zeitig weiß er, dass er die biologische Uhr nicht zurück­drehen kann. »Manche Entwick­lungen als Mann habe ich nie erlebt, das ist so«, sagt er und seine Stimme bricht ein wenig stärker als sonst. »Manch­mal frage ich mich deshalb schon: Wieso bin ich nicht einfach als Bub auf die Welt gekommen?« In dem Moment wandert sein Blick zur Seite. Marlon fixiert einen unsichtbaren Punkt in der Ferne, als wolle er die kurze Stille festmachen. Dann meint er: »Aber so ist das Leben, es ist nicht immer geil«, und grinst.

Dass es »nicht immer geil« für ihn ist, mit anderen Leuten über sein Leben als Transmann zu sprechen, auf intime Körper­lich­keiten angesprochen und daran als Künstler gemessen zu werden, ist verständlich. Dass es trotzdem vorkommt, zu erwarten. Mittler­weile nehme er es sich in Gesprächen heraus, nicht darauf einzugehen, wenn er das Gefühl habe, dass sein Gegenüber kein Verständnis zeige, so Marlon. Teil­weise kämen nämlich Fragen, die gar nicht gingen. »Man merkt, wie viele Leute überhaupt keine Berührungs­punkte mit dem Thema Trans­sexualität haben. Die denken sich, ich sei doch gerade noch die Mavi Phoenix gewesen, die sie aus dem einen Video kennen – wie geht es also, dass ich auf einmal …« Marlon schaut mir in die Augen: »Du weißt, was ich mein, oder?«

Mavi Phoenix (Foto: Maša Stanić)

Er sei im Umgang mit Leuten vorsichtiger als früher. »Das ist ein Problem, das bei mir liegt. Schließlich denk ich, dass andere Menschen anders über mich denken. Dadurch trete ich im Gespräch weniger selbst­bewusst auf und …« Er bricht den Satz ab, wartet kurz, setzt neu an. Dass er jetzt ein Trans­mann sei, sich von der zierlichen Rapperin zu einem Dude mit Gitarre um die Schultern verwandelt hat, hätte vor ein paar Jahren niemand gedacht – »ich inklusive«, wie Marlon zugibt. Allerdings ist seine Trans­identität nur ein Bestand­teil des Künstlers Mavi Phoenix, nicht seine alleinige Existenz­grundlage. Ihn darauf zu reduzieren, würde nicht nur zeigen, wie wenig man sich mit seiner Kunst auseinander­gesetzt hat, sondern auch eine Art von Übergriff darstellen.

Mehr als Identität

»Fuck you«, sei deshalb die einzige Antwort all jenen gegenüber, die sich keine Mühe geben, ihn und seine Ent­scheidungen zu verstehen. »Das muss man sich einfach denken, weil es gut für sein eigenes Wohl­ergehen ist. Außerdem hab’ ich mir fest vorgenommen, bewusst zu entscheiden, ob man die Energie hat, sich mit so einer Person zu beschäftigen oder nicht.« Die Existenz als Trans­person sei für ihn nicht Thema eines Debattier­klubs. Nicht alle müssen eine Meinung zu seiner Identität haben. »Ich setz damit ja kein Statement«, sagt Marlon und landet eine Punchline, die er sich selbst aufgelegt hat: »Es wird von anderen zum Statement gemacht.«

Darin schwingt mit, was Marlon kein einziges Mal ausspricht: Die Leute sollen einfach die Musik hören. Egal ob sie von einer Frau, einem Mann oder einer nicht binären Person kommt. Die Songs sprechen ohnehin für sich. Sie sind sein Tagebuch. »Was ich schreibe, ist das, was ich erlebe und durch­mache.« Es geht um Liebe, Beziehungen, Dating – für ihn als Mann alles neue Erfahrungen. Eine »humbling experience« sei das, so Marlon. »Auf Tinder wird man gleich mal geghostet, das ist schon anders als früher! Ich bin einige Male verletzt worden, das merkt man manchen Songs an. Trotzdem war das Dating als Mann eine coole Erfahrung.«

Mavi Phoenix erlebt aktuell eine zweite Pubertät – »und die ist noch nicht zu Ende«. Das neue Album werde das Fundament für das bilden, was zukünftig von ihm zu erwarten sei. Eine Mischung aus Tradition und Moderne, aus Nuller­jahre-Indie-Flashbacks, für die man sich auf die Tanzfläche des B72 zurück­wünscht, und dem Tagada-Hip-Hop, mit dem Mavi Phoenix bisher die FM4-Charts crashen konnte. »Ich wollte mit der Platte zeigen, dass ich ein ernst­zunehmender Musiker bin. Wenn alle glauben, dass ich als Marlon nur der normale Kumpeltyp bin, taugt mir das nicht.« Marlon mit einem Zwinkern: »Ich bin nämlich voll der Künstler.«

Mavi Phoenix »Marlon« (Foto: Tereza Mundilova)

»Marlon«, das neue Album von Mavi Phoenix, erscheint am 25. Februar bei LLT Records. Aktuelle Konzerttermine: 31. März, Köln (DE), Club Bahnhof Ehrenfeld — 1. April, München (DE), Ampere — 3. April, Stuttgart (DE), Im Wizemann — 5. April, Bielefeld (DE), Stereo — 6. April. Hannover (DE), Faust — 7. April, Hamburg (DE), Uebel & Gefährlich — 8. April. Leipzig (DE), Naumanns — 9. April, Berlin (DE), Frannz Club — 14. April, Wien, Arena — 27. April, Salzburg, Rockhouse — 28. April, Innsbruck, Treibhaus — 29. April, Graz, PPC — 6. Mai, Kriens (CH), Südpol Luzern — 7. Mai, Basel (CH), Humbug.

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