Meine erste Milliarde

2011 steht ein runder Geburtstag bevor. Grund zu feiern ist es dennoch keiner, wenn der siebenmilliardste Mensch in die Welt geworfen wird. Gelänge es ihnen, seiner habhaft zu werden, die Herren der Welt würden den siebenmilliardsten Menschen mit Milchpulver, Beißring, Impfampullen und einem Sack Einwegwindeln willkommen heißen. Ganz so wie unsere Bezirksvorsteher Jubiläums-Greisen Geschenkkörbe aushändigen, wenn ein Grätzl-Fotograf zugegen ist, würden sie für ein schnelles Foto ihre Arme um den brüllenden Neuankömmling schließen: Vereinnahmt als Symbol für Zukunft, Wachstum, Fortschritt, eine bessere Welt.

Doch sie werden ihn nicht zu fassen kriegen. Er ist bloß ein Konstrukt der Statistik: Irgendwo in der Anonymität der namenlos wuchernden Millionenstädte Indiens, Afrikas oder Zentralasiens wird er Hochrechnungen der UNO zufolge gegen Ende 2011 ungefragt in eine Welt geworfen, die weder frisches Wasser, noch ausreichend Nahrung und medizinische Versorgung für ihn bereithält. So bleibt Nummer 7.000.000.000 vermutlich ein Kurzzeitgast. Denn, auch das sagt die Statistik, die Chancen stehen schlecht, dass er seinen 13. Geburtstag überhaupt erleben wird, wenn wir es dann 2024 auf acht Milliarden gebracht haben werden. Solche Zahlen machen es einem schwer, besonnen zu bleiben. Zu verlockend wäre es, sich in Endzeitgedanken zu verlieren. Denn: Mulmig darf einem angesichts des enormen Bevölkerungswachstums durchaus zu Mute sein. Mir selbst ist es das, seit ich 1999 in einem Artikel für ein Nachrichtenmagazin den sechsmilliardsten Menschen begrüßt habe. Seither fühle ich mich persönlich durch die zügellose Ausbreitung des Homo sapiens betroffen. Dass ich mittlerweile den Zuwachs einer ganzen Milliarde innerhalb von nur elf Jahren mitverfolgen konnte, verstärkt dieses Unbehagen.

Denn es ist kein Ende absehbar, während wir längst über unsere Verhältnisse leben und in unseren Breiten kein Mensch ernsthaft daran denkt, mit dem Verfügbaren hauszuhalten, wenn es um den eigenen Lebenswandel geht. Gleichzeitig erodieren unvorstellbar große Flächen fruchtbaren Landes, die Meere gleichen leer gefischten Kloaken und – verheerend, aber nachvollziehbar – jene Teile der Welt, die all das nicht selbst zu verantworten haben, trachten danach, es den Kolonialherren gleichzutun. Auch diejenigen, die einen Ausweg zu kennen behaupten, predigen bloß die eigenen Interessen und die plumpen Versprechungen ewigen Wachstums. Dabei ist der Ansatz der Agrarindustrie grundfalsch. Denn wenn es die Menschheit jetzt nicht schafft, prinzipiell Vorhandenes gerecht zu verteilen, wird sie das Verteilungsproblem auch nicht durch hundert-rippige Mastsauen, hyperertragreiche Soya-Gewächse und andere Segnungen der Gentechnik in den Griff bekommen. Die DNA-Ingenieure stützen mit ihren Vorhaben bloß ein marodes System, zum Besseren werden sie nichts wenden.

Mahnmal der Urgewalt

Ich schreibe diese Zeilen am anderen Ende der Welt, im unmittelbaren Eindruck eines mehrwöchigen Trips durch eine definitiv ländliche Landschaft, die dennoch über das verfügt, was wir »westlichen Standard« nennen, eine nicht-urbane Gesellschaft, eine der am dünnsten besiedelten Weltgegenden. Die immergrüne Kulturlandschaft Neuseelands, die vermeintliche Abgeschiedenheit einer globalisierten Agrarnation, zeigt einem eindrucksvoll, dass es längst keinen Flecken Welt mehr gibt, der nicht bewirtschaftet wurde – und sei es von Geysir-Touristikern, als Genpool-Reservat oder filmkulissentauglicher Nationalpark. Das ist ernüchternd, aber wahrscheinlich gut so, denn es profitieren alle davon. Es gibt in Neuseeland zwar nicht überall Handyempfang, doch in jedem Kuhkaff ein Museum und eine öffentliche Bibliothek. Durchs Land zieht sich ein Riss, der alle vereint: Die Erdplatten reiben aneinander, lassen die Erde immer wieder beben und Vulkane wachen als ruhende Urgewalten darüber, dass die Menschen nicht zu übermütig werden und selbstvergessen agieren.

Vielleicht ist das die einzig vertretbare Art, in Zukunft modern und zivilisiert zu leben – mit Respekt und ein wenig Ehrfurcht vor der eigenen Endlichkeit. Denn Maßlosigkeit lässt sich nur durch Bildung und Bewusstsein in den Griff kriegen.

Thomas Weber,

Herausgeber

weber@thegap.at

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