Musikalisch-literarische Asientour, Teil 3: Auftrittsfreie Tage in Peking und Shanghai

Autor und Musiker Elias Hirschl begibt sich gemeinsam mit dem Musiker Jimmy Brainless auf eine literarische und musikalische Asientour. Was dort passiert, erzählen sie in ihrem Blog. Hier der dritte Eintrag: Über Doppelgänger, den Reise-Nimmersatt Milan, Alkoholverbote und Massenpanik.

Freitag, 28. April – Peking

Der Schlafentzug vom vielen Herumreisen macht sich bemerkbar. Ich habe heute mehrmals einen x-beliebigen Chinesen mit Jimmy verwechselt. Außerdem bin ich andauernd der Meinung, Leute auf der Straße irgendwoher zu kennen. Auch jetzt, während ich das hier schreibe, bin ich der Meinung, einen Lehrer aus meiner alten Schule zu sehen, was natürlich völliger Blödsinn ist. Wir wohnen hier in einem kleinen Hostel in der Nähe des Yonghe-Tempels in einer ruhigen Gegend. Im Gegensatz zu mir scheinen die Menschen auf der Straße sich tatsächlich gegenseitig wiederzuerkennen. Es ist eine kleine Gemeinschaft, in der jeder jeden grüßt und am laufenden Band Häuser repariert werden und gleich wieder auseinanderfallen. Wenn man an einem Tag dreimal dieselbe Gasse entlang geht, kann man beim ersten Mal die Inneneinrichtung eines Hauses sehen, beim zweiten Mal eine halb zugemauerte Wand und beim dritten Mal bereits die sauber verputzte Fassade, ehe sie am nächsten Tag wieder eingestürzt ist. Das Wetter ist geradezu unchinesisch schön. Wir sind fast ein bisschen enttäuscht, nicht in den Genuss des vielgerühmten Pekinger Smogs zu kommen. Gestern waren wir mit der Veranstalterin unseres Events vor unserem Hostel noch etwas trinken. Dabei lief uns ein Backpacker aus Erfurt über den Weg, der aber 6 Jahre in Wien gewohnt hat und seit einem Jahr nirgendwo mehr wohnt, weil er auf Weltreise ist. Auf die Frage, wo er denn schon gewesen sei und vorhabe noch hinzufahren, antwortete er, naja, er sei von Österreich aus über Deutschland, Frankreich und Spanien nach Portugal, von wo aus er nach Großbritannien geflogen sei, nach Ireland übergesetzt habe und über die Färöer-Inseln nach Island, von dort nach Skandinavien und dann durchs Baltikum nach Polen, Tschechien, Weißrussland, die Ukraine und quer durch Russland – per Anhalter natürlich – Zugfahren sei so teuer. In Russland halt schon auch durch Sibirien und dann nach Novaya Semlya hoch, denn wenn man ein Land schon betravelt, dann muss man es ja auch richtig betraveln, dann über Kasachstan, Usbekistan, Turkmenistan, Afghanistan und Pakistan nach Indien bis nach Bangalore runter, wo er in der dreckigsten Absteige seines Lebens gepennt habe: „Boah, so dreckig war es noch nie, da hab ich mir dann Bettwanzen und Darmparasiten geholt. Das war dann mehr Experience als Relaxing. Vorallem haben die da in den Apotheken nur diese ganz schlimmen Chemiekeulen oder halt das Ajurveda-Zeugs. Da hab‘ ich dann natürlich das Ajurveda-Zeugs genommen.“, ehe er über Bangladesh, Myanmar, Thailand, Laos und Vietnam nach China gereist sei, wo er zuerst durch Macau, Hongkong und Hangzhou und Shanghai getravelt sei, ehe es ihn dann hierher nach Peking verschlagen habe. Er habe aber noch vor über Südkorea, Japan, die Philippinen, Pappua-Neuguinea, Australien, Neuseeland einige kleine französische Überseegebiete im antarktischen Ozean nach Südamerika rüber, den ganzen Kontinent hoch durch Mittelamerika nach Mexiko, die USA und Kanada zu reisen, ehe er sich nochmal auf den Weg nach Afrika mache.

„Also überallhin?“

„Ja, überallhin.“

Sein Name war Milan, den er nicht etwa habe, weil er aus Bosnien komme oder Italienbezug habe, sondern weil er mehrere Monate zu früh auf die Welt gekommen sei und seine Mutter beinahe bei seiner Geburt gestorben wäre und im Delirium durch die Krankenhausflure geschoben worden sei und ein Gemälde mit dem Namen Milan am Rand erblickt habe und darauf sagte: „Das Kind muss Milan heißen, denn es ist ein Wunder, dass er überlebt hat und dieses Bild ist ein Zeichen.“ Jedenfalls, so ein Typ war das, weshalb ich ihn nicht weiter erwähnen werde, weil er das schon selbst genug tut. Vermutlich hat er seinen eigenen Reiseblog, wo er Fotos von bunten Elefanten postet.

Kurze Unterbrechung: Jetzt ohne Scheiß, ich glaube, da ist wirklich gerade Jackie Chan an mir vorbeigelaufen. Ja, ja, ich weiß wie das klingt, aber ich bin mir tatsächlich sicher, dass das Jackie Chan war. Im Ernst!

Samstag, 29. April – Shanghai

Wir mussten um 5 Uhr aufstehen, um unseren Zug nach Shanghai zu erwischen, von wo wir am nächsten Tag nach Taipeh zurückreisen werden, um von dort nach Manila zu fliegen. Die Orte und Tage fließen langsam ineinander und der Schlafmangel zehrt an meinen Nerven. Bin im Zug eingeschlafen und als ich aufwachte, war ich der festen Überzeugung, dass Jackie Chan neben mir sitzt. Es war aber nur Jimmy. Ich würde mein Verhalten ja auch irgendwie rassistisch finden, aber andererseits haben in den letzten Tagen auch schon mehrmals Chinesen mit dem Finger auf mich gezeigt und „Johnny Depp!“ gerufen, ehe sie ohne zu fragen ein Selfie mit mir gemacht haben. Wenn das so weiter geht, glaube ich noch irgendwann, ich wäre gutaussehend. Sonst ist es eigentlich ganz witzig. Sorgen mache ich mir erst dann, wenn mich jemand für Morgan Freeman hält.

In Shanghai angekommen versuchen wir vergebens Tickets für die U-Bahn zu erwerben. Zirka 2000 Leute drängen sich gleichzeitig an zehn Automaten, von denen drei Viertel außer Betrieb sind und der Rest nur Münzen nimmt. Zu Silvester vor zwei Jahren sind 40 Menschen totgetrampelt worden, weil irgendwelche Leute Falschgeld vom Dach eines Hochhauses auf die Shanghaier Uferpromenade geworfen haben und damit eine Massenpanik auslösten. Seit dem gibt es in Shanghai keine offiziellen Silvester-Feierlichkeiten mehr. Wenn man beobachtet, wie sich die Leute hier um die Metro-Tickets prügeln, kann man sich gut vorstellen, wie es zu solchen Vorfällen kommt.

Am Abend haben wir uns mit unserem Wiener Freund Pascal getroffen, der hier seit fast einem Jahr studiert. Am Ende landeten wir in einer beinahe nicht existenten Kneipe, in welcher wir mit Plastikstühlen um einen Klapptisch auf der Straße saßen und Bier und gebratene Spieße zu uns nahmen. Nach fünf Minuten kam die Polizei und beschwerte sich beim Barbesitzer, dass er keinen Alkohol auf offener Straße ausschenken dürfe. Daraufhin gab der Besitzer den Polizisten 200 Yuan und die Polizisten baten uns, kurz vom Tisch aufzustehen, damit sie ein Foto davon machen konnten, wie niemand illegal Bier trinkt. So, jetzt muss ich Schluss machen, soeben ist Johnny Depp an mir vorbeigelaufen. Ach nein, ein Spiegel. Tricky.

Teil 2 des Blogs gibt es hier nachzulesen.

Teil 1 des Blogs gibt es hier nachzulesen.

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