Muttersprachenpop – die wichtigsten Veröffentlichungen im Januar 2023

Deutschsprachiges zwischen Euphorie und Kapitulation, zwischen Pathos und Befindlichkeit. Ausgewählt von Dominik Oswald. Die wichtigsten deutschsprachigen Neuerscheinungen im Januar 2023. Mit Albrecht Schrader, Pascow, Fluppe, Na Fein und mehr.

Pascow © Andreas Langfeld
© Andreas Langfeld

Albrecht Schrader – »Soft«

Albrecht Schrader © Dorle Bahlburg
Albrecht Schrader © Dorle Bahlburg

Der Schrader Albrecht ist an Ort und Stelle schon seit Jahren Stammgast. Das spricht einerseits für die Qualität des Mannes, andererseits aber vor allem für den Output des ehemaligen Fernsehstars – von 2016 bis 2019 ja Jan Böhmermanns Helmut Zerlett –, der nun seit drittes Album nach »Nichtsdestotrotzdem« (2017) und »Diese eine Stelle« (2020) veröffentlicht. Erstmals in kompletter Eigenregie, alles selbst gemacht, auf dem eigenen Label Krokant, auf dem man etwa auch Schlager-Shootingstar Resi Reiner zu hören bekommt. Auf »Soft« entspannt sich eine entspannte Klangwelt, die größtenteils von Tasteninstrumenten getragen ist – die Balladen! Immer wieder gestattet sich Schrader auch Ausbrüche in Richtung sanfter Elektronik, Jungle oder gar New-Romantic-Synthpop. Auch die Texte über mittelalte Menschen in der Großstadt sind top. Auszug: »Als ich noch jung war / Galt ich als seltsam / Jetzt bin ich älter / Und fühl’ mich seltsam« (aus: »So weird so gut«). Was soll man da noch sagen? Außer: so weird, so gut!

»Soft« von Albrecht Schrader erscheint am 20. Januar 2023 bei Krokant. Aktuell keine Konzerttermine für Österreich. Hier kaufen.

Pascow – »Sieben«

Pascow © Andreas Langfeld
Pascow © Andreas Langfeld

Ohne jetzt ins Tiefenpsychologische oder in die Zahlenmystik und dergleichen eintauchen zu wollen: Für die meisten Kulturkreise ist die Sieben nicht gerade frei von Bedeutung. Während aber andere bei dieser Zahl gerne im Sinne des Verflixten schwadronieren, steht sie für die Deutschpunk-Legende Pascow für die Anzahl ihrer Alben und ist somit ganz und gar nicht negativ behaftet. Bereits mit dem superben Vorgänger »Jade« gelang erstmals der Sprung in die deutschen Albumcharts. Mit dem neuesten Werk scheint der Weg ebenfalls vorgezeichnet – ganz ohne viele Spielereien, mit unverwechselbar geradlinigem Soundkleid zwischen rockigem Punk, eingängigen Riffs und treibendem Gedresche der Rhythmusabteilung. Bei Pascow steht aber wie immer das Textliche im Fokus, niemand rotzt leidenschaftlicher gegen die Zustände. Ein Beispiel: »Und der Smoothie schmeckt so gut wie nie / Next to other people’s misery« (»Monde«). Oder, auch super: »Dein Kuss, er schmeckt nach Westberlin / Nach Cornflakes und nach Wundbenzin« (»Von unten nichts Neues«). Schon sehr super, das alles. Dringende Empfehlung!

»Sieben« von Pascow erscheint am 27. Januar 2023 bei Kidnap Music / Rookie Records. Aktuell keine Konzerttermine für Österreich. Hier kaufen.

Fluppe – »Boutique«

fluppe © Matthias Reinhardt
Fluppe © Matthias Reinhardt

Die Hamburger Indie-Punker Fluppe gelten spätestens seit ihrem erst 2021 erschienen famosen Debüt »Blüte« in Ermangelung von Alternativen als Hoffnungsträger deutschsprachiger Gitarrenmusik. Vergleiche – weil die benötigt es ja offenbar immer – gibt es zweierlei: auf der Indiepop-Seite in Richtung Kettcar oder Herrenmagazin, postpunkmäßig dann eher mit Blick auf Idles oder The Fall. Das sind offenbar die Fußstapfen, die es zu füllen gilt. Für das »schwierige« zweite Album ist die strategische Entscheidung für ein Mehr an Spuren und Einflüssen gefallen. Die Gitarren sind akzentuiert, dazu finden Psychedelik, Klavier, Synths und sogar Bläser Eingang in den nun deutlich dichteren Sound, der sich dennoch nicht wahnsinnig von den genannten Vorbildern entfernt. Die Texte und vor allem der tiefe, zwischen Sprech- und Gesang changierende Vortrag vermögen die Trennlinien zwischen Popmusik und alternativem Rock je nach Belieben Song für Song zu ziehen. Das sorgt zwar mitunter für Beliebigkeit, dürfte der Beliebtheit der Gruppe aber keinen Abbruch tun. Kann man so machen!

»Boutique« von Fluppe erscheint am 27. Januar 2023 bei Chateau Lala. Aktuell keine Konzerttermine für Österreich. Hier kaufen.

Na Fein – »Pesto, Nudeln & Wein«

Na Fein © Na Fein / Langstrumpf Records
Na Fein © Langstrumpf Records

Pubquiz-Veranstalter*innen aufgepasst, es folgt Inspo für nächsten Mittwoch: Das T-Shirt welchen Labels trägt John Peel auf seiner Biographie von Mick Wall? Falsch! Es ist von Langstrumpf Records, dessen legendäre Aktion »Mein Freund ist Sauerländer« aus dem Jahr 1994 internationale Kreise zog. Was uns, endlich, zu Na Fein bringt. Die für dieses Album gegründete Gruppe aus dem – ha! – Sauerland veröffentlicht auf ebenjenem Label. Und auch die Inspiration für »Pesto, Nudeln & Wein« ist bemerkenswert, so sagt die Gruppe selbst: »In der Entstehung waren wir soundtechnisch inspiriert vom amerikanischen Pop-Punk à la Blink-182 oder Machine Gun Kelly«. Dazu gesellt sich ein konzeptueller sowie textlich-inhaltlicher Ansatz, der sämtliche Facetten des Studierendenlebens behandelt. Vom unausgewogenen Ernährungsplan über Partys, Verlust und Diversität bis hin zum Vermissen der Kleinstadt in der Großstadt. Relatable Content, der eben mit diesem Pop-Punk-Ansatz passend untermalt wird. Und dagegen kann man echt nichts sagen.

»Pesto, Nudeln & Wein« von Na Fein erscheint am 13. Jänner 2023 bei Langstrumpf Records. Aktuell keine Konzerttermine für Österreich. Über alle gängigen Kanäle erhältlich.


Außerdem erwähnenswert:

Klan – »Jaaaaaaaaaaaaaaaa!«

(VÖ: 27. Januar 2023)

Für die ganz, ganz große Dosis Pop empfiehlt sich Ende Januar das dritte Album des Brüderduos Klan, das auf gehörige Star-Power für einige Duette setzt: So finden sich auf den zuckersüß produzierten und mitunter hochdramatischen Stücken Features von Lea, Antje Schomaker, Ami Warning, dem unverwüstlichen Alligatoah und weiteren. Das werden eine Menge Menschen gut finden – und das ist ja nichts Schlechtes. Hier kaufen.

Friedemann – »Naiß«

(VÖ: 27. Januar 2023)

Der Abgrund ist immer nur einen Schritt von einem entfernt: Das weiß auch Friedemann, ehmaliger Sänge der Gruppe Cor, der auf seinem bereits sechsten Soloalbum »Naiß« vom Leben und vor allem von Menschen erzählt – die Herzen gleichsam wärmend und brechend, zwischen körperlichen Einschränkungen und psychologischem sowie finanziellem Desaster. Besonders eindrucksvoll: »Ich liebe es zu wandern« über Friedemanns Freund, den querschnittsgelähmten Hardcore-Musiker Gabor Schneider. Hier kaufen.

Scheissediebullen – »Simulation eines guten Lebens«

(VÖ: 27. Januar 2023)

Der Bandname alleine sichert dem Punk-Vierer einen Platz in jeder Top-Ten-Liste, auch die neueste Langspielplatte der Freiburger hat das Potenzial zum Klassiker. Auf 14 Stücken geht es gegen alles: Staat, System sowieso, aber auch gegen die Untätigkeit der anderen, gegen das Sich-Weigern, das Ding beim Namen zu nennen. Ohne viel Ironie – natürlich schon, aber eben nicht nur! – voll auf die Zwölf. Weil es manchmal auch einfach genau das braucht. Hier kaufen.

Die bisherigen Veröffentlichungen aus Dominik Oswalds Reihe »Muttersprachenpop« finden sich unter diesem Link.

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