Muttersprachenpop – die wichtigsten Veröffentlichungen im November 2017

Deutschsprachiges zwischen Euphorie und Kapitulation, zwischen Pathos und Befindlichkeit. Ausgewählt von Dominik Oswald.

© Samuel Haller

Various Artists – »Keine Bewegung 2«

© Staatsakt

War schon eine wilde Zeit damals. Im April 2014 erschienen, bildete die erste Volume des Samplers »Keine Bewegung« alles, was damals im deutschsprachigen Kosmos zwischen Staatsakt und dem aufstrebenden Hamburger Label Euphorie so los war, ab und damit auch einen Mythos um sich selbst. Weltstars wie Schnipo Schranke wurden geboren, viele andere haben sich endgültig in den Synapsen der Indie-Community festgehalten, für viele haben die Karrieren von Trümmer oder Der Ringer erst mit dem Sampler richtig kickgestartet. Aber wie sieht heute die Lage aus? Getan hat sich nicht viel. Das Konzept »Indie-Rock« ist noch immer in den letzten Atemzügen, Bands werden groß oder bleiben klein, werden ausgeschlachtet oder verschwinden in der Versenkung. Getan hat sich auch nicht viel auf »Keine Bewegung 2«. Das Konzept wurde beibehalten, neben – dieses Mal außerordentlich vielen – bereits arrivierten und fast schon Stammgästen im Indie-Stadt-Land-Fluss wie Gurr, Levin goes lightly, Kala Brisella, Drangsal, Der Ringer, Friends of Gas, Albrecht Schrader, Isolation Berlin, Candelilla, Mile Me Deaf (warum auch immer), Odd Couple und Schnipo Schranke sind auch – wie üblich noch überzeugendere – Künstler auf der Compilation, die ungerechtfertigterweise noch nicht so viel Airplay bekamen, wie beispielsweise die superben und toll zu googelnden International Music, Ilgen-Nur, The Düsseldorf Düsterboy oder Erregung öffentlicher Erregung, die schon mit Der Ringer Wien besuchten. Besonders großartig ist aber »Gewöhnliche Leute«. Isolation Berlin – nächstes Album im Februar – übersetzen sehr gut »Common People«. Musst du auch einmal schaffen. »Keine Bewegung 2« kannste kaufen, sollste kaufen. 22 Nummern und du kannst auch ein bisschen sagen, du wärst up-to-date.

Die Compilation »Keine Bewegung 2« erscheint am 3.11..2017 via Staatsakt. Am 30.11. und am 1.12. finden in Hamburg und Berlin entsprechende Festivals statt.

Vienna Rest in Peace – »Vienna Rest in Peace«

© Trauerplatten

Nahezu gespenstisch geisterte die Nachricht durch die Gemäuer der Wiener Indie-Szene. Eine neue Supergroup, die sich anschickt, dem in marode Moritaten verliebten Wien ein Album auf den fettgefressenen Wanst zu schneidern. Rätselhaftigkeit ist eine Tugend, das Tuscheln der anderen aber auch. Mittlerweile weiß man, wer da durch das Album geistert, den hochwürdigen Texten musikalische Hebammendienste leistet, Titel wie »Sterbenswerte Stadt«, »Alles vorbei», »Zerschossener Palast«, »Staat der Affen« und »Peter Handke«, wo nicht nur Nomen Omen sondern Selbstzweck ist, schreibt. Es sind Mitglieder von Aber das Leben lebt, Kreisky und Marilies Jagsch, die der Hauptstadt den berechtigten Gram zuschreiben, musikalisch an die Element of Crime der mittleren 1990er erinnert und Textzeilen wie »Wir sind Gespenster, existieren nicht: Trotz Konto, E-Card, Führerschein bei Tag und Nacht allein, auf Geisterfahrt« oder »Wenn ich an mein Ende denke, wenn Blätter fallen, der Herbst beginnt, erfasst mich stets Melancholie. Das passiert den Affen nie. Affen hören nicht die Beatles und Gott sei Dank auch nicht die Stones, ihr Heulen ist der wahre Punk, Wien in Angst, das System wankt.« verfassen. Stark.

»Vienna Rest in Peace« von Vienna Rest in Peace erschien logischerweise zu Allerheiligen, am 1.11.2017 via dem eigenen Label Trauerplatten, das Album gibt es digital. Physisch nur bei Rave Up, Recordbag, Substance und im EMI Store.

Das Lunsentrio – »Aufstehn!«

© Problembär Records

Man hätte fast schon mit dem Rümpfen von Nasen und dem Schimpfen auf die antiquierten Strukturen, Geschmäcker und Meinungsbilder der Musikpresse begonnen, als der Musikexpress »Für diesen Schwachsinn hat Nick McCarthy Franz Ferdinand verlassen!« titelte. Gut, nachdem das Album da ist, muss man sagen: Schwachsinn trifft’s ganz gut. Dabei war die erste Single »Pressefest« aus dem zweiten Album – das Debüt beziehungsweise die Rockoper » Sebastiann Kellig, Nick McCarthy und Hank Schmidt in der Beek singen und spielen den Lunsenring« 2011 lief unter dem Radar der öffentlichen Wahrnehmung – richtig vielversprechend. Eine rauschende Uptempo-Nummer mit toller Gitarrenarbeit, treibendem Schlagzeug und genau richtig quietschendem Gesang, die es durchaus in die ein oder anderen Jahrescharts schaffen könnte. Ansonsten hat das Album, das relativ überraschend bei Problembär Records erscheint, meist kakophonische Nonsens-Stücke zu bieten, die man in ein gemein interpretiertes »Novelty Music« Regal einordnen könnte. Man müsste den Kollegen nun also fast recht geben. Eine Single wäre vermutlich sinnvoller gewesen.

»Aufstehn!« von Das Lunsentrio erscheint am 10.11.2017 bei Problembär Records. Am selben Abend findet das Release-Konzert im Fluc statt.

Grant – »Unter dem Milchwald«

© Samuel Haller

Es ist nicht so einfach mit Grant, wie es hätte werden können. Vor ihrem Debüt wurden die Klosterneuburger als das gehandelt, was heute Wanda sind, standen auch kurz davor, dazu gemacht zu werden. Das sehr starke Debüt mit wunderbaren Songs wie »Babajaga« oder »Verwunschen« erschien zuerst im Eigenverlag und wurde an dieser Stelle auch beschrieben mit »›Grant‹ kann die Platte des aktuellen Ösi-Hypes sein, die alle gehabt haben wollen.« Das Album wurde dann zur allgemeinen Überraschung – wobei, besonders hoch war die Resonanz ja auch nicht – nochmal vom großen Player Problembär Records aufpoliert und erschien dann, eigentlich ohne Not, erst ein Jahr später nochmal, im November 2016. Wenn 12 Monate später das neue Werk »Unter dem Milchwald« erscheint, hat sich dennoch wenig verändert. Die Stücke sind weiterhin verspielt-rauer Indierock, durchaus für die Langstrecke gedacht, klangfarblich teilweise an die Americana-Heroen der Nuller angelehnt, auch die sehnsuchtsvolle Italophilie des Debüts wird übertragen, bei der Darbietung der Lyrics fällt weiterhin die nahezu den Ansprüchen der durchaus poetischen Texte genügen wollende Darreichung auf, kurz: der Gesang ist durchaus verspielt, auch die anderen Musiker beherrschen ihr Handwerk. Für die ganz großen Chart-Sprünge sind Grant wohl einfach zu sperrig, aber das heißt ja einmal nur Gutes.

»Unter dem Milchwald« von Grant erscheint am 17.11.2017 bei Problembär Records. Tags darauf steigt die Release Show im Flex. Am 14.12. spielen Grant in Feldkirch. 

 

AUSSERDEM ERWÄHNENSWERT:

Paul Plut – »Lieder vom Tanzen und Sterben« (VÖ: 17. November 2017)

Wenn du dieses Jahr nur ein Album hören willst, dann bitte dieses. Das Solo-Debüt von Paul Plut ist nämlich das Beste, was du dieses Jahr hören wirst. Dunkelschwarze Lieder, nah am Abgrund des Menschlichen. Vorangetragen von virtuosem Gitarrenspiel erhebt sich die dunkelste Stimme. Sie lässt dich ganz nah an dich ran und holt alles aus dir raus. Dieses Album ist ein österreichisches Album für alle Ewigkeit. (Anmerkung: Natürlich gibt’s auch einen längeren Text demnächst auf thegap.at und im bereits erschienen Print-Magazin).

Klez.e – »November« (VÖ: 27. November 2017)

Auch die fabelhafte Gruppe Klez.e konnte heuer bereits mit »Desintegration« ein doppelt unterstrichenes Ausrufezeichen setzen, die Rezeption von Fans und Presse war zurecht mehr als wohlwollend. Da Mastermind Tobias Siebert auch produziert, lagen vollständige Aufnahmen der März-Tour nahe und bilden das nun vorliegende Live-Album, das neben Stücken von »Desintegration« auch alte Lieder in neuen Glanz schmeißt. Ob man nun den Konzerten Ende Oktober in Villach, Wien und Graz anwesend war oder nicht: So ein Live-Dokument sollte man schon haben.

Peter Muffin – »Ich und meine 1000 Freunde« (VÖ: 24. November 2017)

Peter Muffin geht in die Vollen. Nach den früheren, gar geilen Lo-Fi-Extravaganzen, die man immer noch auf Bandcamp nameyourpricen sollte, haut Julian Knoth, ja, der von Die Nerven, eine starke, auf 500 Stück als Vinyl limitierte, aber digital unlimitierte 12“ raus, die mit treibendem Post-und Noise-Punk maßlos überzeugt. Logisch, wenn auch die anderen Stuttgarter Typen wie Ralv Milberg und auch Mit-Nerve Max Rieger hinter den Reglern sitzen.

Locas in Love – »Saurus X« (VÖ: 27. November 2017)

Die superbe, aber stets unterschätzt und -bewertete Gruppe Locas in Love feiert das erste Jahrzehnt ihres zweiten Albums »Saurus« und Staatsakt gratuliert gleich mit. Neben dem bekannten Album, das damals übrigens von Peter Katis – der unter anderem The National, Interpol und The War On Drugs produzierte – durchgemischt wurde, befindet sich auch jede Menge Fan-Nerd-Stuff wie Making-Of, Tourberichte und Songbook.

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