Muttersprachenpop – die wichtigsten Veröffentlichungen im Februar 2017

Deutschsprachiges zwischen Euphorie und Kapitulation, zwischen Pathos und Befindlichkeit. Ausgewählt von Dominik Oswald.

Aus rechtlichen Gründen werden Artikel aus unserem Archiv zum Teil ohne Bilder angezeigt.
© Robin Hinsch

Schnipo Schranke – »Rare«

Schnipo Schranke © Simone Scardovelli

Kritiker werden sagen: »›Rare‹ ist doch schon im Januar erschienen!« Ja, kann man aber auch im Februar noch kaufen. Die Erfolgsgeschichte von Schnipo Schranke ist altbekannt, die Kurzform: Erstmals haben Fritzi Ernst und Daniela Reis auf dem mittlerweile als legendär geltenden »Keine Bewegung« Label-Sampler von Staatsakt und Euphorie, auf dem auch Trümmer und Der Ringer am Radar erschienen, groß aufgezeigt, »Pisse« wurde sofort zum Hit zwischen Indie-Disco und Indie-Ballermann. Auf dem bereits damals mit großartiger Vorfreude erwarteten Debüt »Satt« brachen die Hamburgerinnen noch weitere Dämme, »Cluburlaub« ein Welthit. Jetzt talkt man in der Tagesschau, das Mainstream-Feuilleton überzeugt die Chefredakteure diese Welt. Quirkiness und Reimschemata der Farin-Urlaub-Schule kommen immer gut an. »Stars werden erkannt, Stars hängen an der Wand«, heißt das dann bei ihnen. Auf »Rare« wird das Rezept des Erfolges weitergeführt und gedacht: Popkulturelle Referenzen, gar nicht mal so tiefer, von den Sexisten der Redaktion gerne »antidamenhafter« Fäkal-Humor, einfache Instrumentierung mit Schlagzeug und Klavier. Im Unterschied zum Vorgänger nutzt sich das Konzept allerdings ein bisschen ab, es fühlt sich nicht immer melodisch an, teilweise fühlt man sich genervt und wünscht sich doch lieber leises Rauschen. Die entspannteren Stücke, wie etwa das sehr gute »Gast« sind dagegen Wohltaten.

»Rare« von Schnipo Schranke ist am 27. Jänner 2017 bei Buback Tonträger erschienen.

 

HGich.T – »Therapie wirkt«

HGich.T © Tapete Records

»OMG von dem Scheiß sterben Gehirnzellen ab«, gefolgt von zwei traurigen Smileys. Copy & Paste, dieser eine Kommentar könnte unter jedem weiteren YouTube-Video von HGich.T stehen. Auch gut: »I need a break from the Internet.« Die Hamburger, das verraten nicht nur die hohen Klickzahlen, erfreuen sich größter Beliebtheit im Post-Web, das ist Dada für Digital Natives und Trash für all jene, die übersättigt sind von Orten, an denen noch klassische Ironie hervorhebt. HGich.T sind mit ihrer Vielzahl an ebenso ambitioniert-trashigen Videos wahre Meister der Produktivität, das unzählige KünstlerInnen zählende Künstlerkollektiv begibt sich mit dem Balance-Akt zwischen Kunst und Kacke in eine angenehme Diskussion: Eine, fernab jeglicher musikalischer Qualität. HGich.T müssen sich nicht daran messen lassen, wie qualitativ hochwertig ihre Musik ist. Ist sie ja auch nicht, Techno-Beats aus Pre-Sets und Konserven, dazu lyrisches Chaos. HGich.T müssen sich daran messen lassen, ob das nun tatsächlich Kunst sein. Ob Peinlichkeiten und (gespielte) Unkenntnis erlaubt sind, wenn es denn dem Status als Kunst dient. Und das tut es für HGich.T, spätestens jetzt auf dem vierten Album. Aber, und das kann man gerne an die Wände der Akademien malen: Nicht alles, was scheiße ist, ist auch Kunst.

»Therapie wirkt« von HGich.T erscheint am 3. Februar 2017 bei Tapete Records.

 

Various Artists – »Mach’s besser: 25 Jahre Die Sterne«

Die Sterne © Robin Hinsch

Feste feiern wie sie fallen. Und dieses fällt zurecht. Die Sterne – und das wird nun überall stehen – sind eine der wichtigsten deutschen Gruppen, seitdem es Popmusik gibt. Geschätzt, verehrt, für Jahrzehnte und Ewigkeiten wichtig gefunden, kann man den Hamburgern, die diesen unsäglichen lokalen »Schule«-Begriff mitgeprägt haben, kaum etwas vorwerfen. Gut, wie alle großen historischen Künstler muss man sich vor allem am eigenen Frühwerk messen lassen, auf den letzten Alben war das nicht immer sehr ertragreich. Wenn dann die Silberne Hochzeit von Frank Spilker, dem stilistisch einwandfreiestem deutschen Pop-Dandy, Bassist Thomas Wenzel und Christoph Leich ansteht, darf man sich halt auch nicht lumpen lassen und muss vieles raushauen. Fad ist da ein Best-Of-Album, mit »Die Interessanten: Singles 1992–2004« gab’s das schon vor 13 Jahren. Und wenn man nun einmal für alle, die deutsch texten, das Korrektiv ist, an dem es sich abzuarbeiten gilt, kann man durchaus Heerscharen von FanInnen anheuern, einfach einmal die großen Hits der Gruppe zu intonieren. Ganz dem Titel »Mach’s besser!« verpflichtet. Altstars wie Family 5 (»In diesem Sinne«), Peter Licht (»Universal Tellerwäscher«), Naked Lunch (»Bis neun bist du O.K.«) und Fehlfarben (bisschen undankbar: »Nach Fest kommt lose«) geben sich ebenso die Ehre wie zahlreiche nicht mehr ganz so junge Wilde wie Isolation Berlin (»Irrlicht«), Nicolas Sturm (»Deine Pläne«) oder Der Bürgermeister der Nacht (»Am Pol der Macht«, reimt sich sogar). Nicht nur aufgrund des ohnehin nicht vorhandenen Österreicher-Bonus stellt die Intonation von »Aber andererseits« von Kreisky das größte Highlight einer and Highlights keinesfalls armen Compilation dar. Sie zeigt, dass die Texte weiterhin aktuell sind, zurecht im Kanon sind. Mit der Darbietung kann man nicht immer zufrieden sein (siehe auch Video unten). Aber dass es nicht alle wirklich »besser machen«, konnte man eh nicht rechnen.

Die Compilation »Mach’s besser: 25 Jahre Die Sterne« erscheint am 10. Februar 2017 bei Materie.  Am 20. Februar spielen Die Sterne in der Grellen Forelle in Wien.

 

Bilderbuch – »Magic Life«

Bilderbuch © Elizaveta Porodina

Mit Bilderbuch ist es ja immer so eine Sache, die man schon durchaus mit gemischten Gefühlen sehen kann. Schon vor Release des gefühlten Millionen-Sellers »Schick Schock«, mit dem sich Bilderbuch endgültig in die vergilbten Herzen der artsy und gar-nicht-mal-so-artsy Massen gedudelt haben, war man sich nicht ganz einig. »Ist das Kunst oder kann das weg?«, die Frage obligatorisch wie nötig. Erfolg gibt halt nicht immer recht. Am Vermarktungs-Konzept hat man auch für das neue Album, »Magic Life« nicht geschraubt: Schon vorab wird die treue YouTube-Schar beglückt, die Videos sind mal mehr, mal weniger aufwendig, die Redaktionen der Jugendsender frohlocken. Das bringt auch Vorteile: Fast niemand ist dann ob der Tracklist am Album überrascht, man kann schon mitsingen und schwofen, wenn sich die silberne Scheibe das erste Mal dreht, beim ersten Klick in iTunes. Das Songmaterial ist dabei – wie immer gilt: das ist alles natürlich subjektiv – zwielichtig. Neben einigermaßen guten Songs, die, wie auch das deutsche öffentlich-rechtliche Fernsehen unlängst feststellte, den Geist von »Kanye West und Prince« in der positiv-möglichst Interpretation atmet, ist auch einiges dabei, das schlicht entgeistert. Als Album-Höhepunkt schält sich das quietschige »Bungalow« heraus, erstaunlich, wie derart eingeseifte Ohrwürmer Halt in Gehörgängen schaffen. Der Band und den Fans kann es egal sein. Es ist vorhersehbar: Platz 1, goldene Schallplatte. In dreißig Jahren Bilderbuch-Spezial-Ausgabe einer DoRo-Doku.

»Magic Life« von Bilderbuch erscheint am 17. Februar bei Maschin Records. Aktuelle Konzerttermine: 3. Februar, Innsbruck — 5. und 6. Mai, Graz — 17. und 18. Mai, Wien — 26. September, Linz.

 

Krank – »Die Verdammten«

Krank © Tim Bruening

Angesichts der politischen Entwicklungen im In- und Ausland, dem sich so sicher glaubenden Nazi-Pack, glaubt wohl niemand mehr daran, dass sich das nicht doch alles in Wohlgefallen auflöst, dass demokratische Werte und linke Ideal auch ohne Blutvergießen überleben können. In Deutschland wird vermutlich ein Drittel Rechtsaußen wählen – wobei ja für den geübten Idealisten auch Merkur Rechtsaußen ist –, überall anders, wo 2017 Wahlen sind, wahrscheinlich noch mehr. Anfang 2017 fühlt sich die Welt beschissen an. »Ich glaub’ an gar nichts, ich bin nur hier wegen der Gewalt!«, wie Pascow einst ironisch befanden, reicht da längst nicht mehr. Und auch wenn man keine Tarnung hat, einfach mal die Fresse polieren. Den Soundtrack für dieses düstere 2017 liefern die Hamburger Krank, die bereits mit Ihrem Debüt »Ins Verderben« vom November 2015 einige Fans aus dem D-Punk-Umfeld (weil »Deutsch« sagt man nimmer) gleichzeitiger Rachut-Jünger zu Begeisterungsstürmen hinrissen. Das neue Album »Die Verdammten« schließt gnadenlos an. Beschissenheits-Politik-Lyrik, kühle, dunkle Post-Gitarren und ein einnehmendes Genöle sondergleich. Dieses 2017 hat diesen Höhepunkt gar nicht verdient.

»Die Verdammten« von Krank erscheint am 24. Februar bei This Charming Man. Aktuelle Konzerttermine: 22. Mai, Linz  — 23. Mai, Graz — 24. Mai, Wien.

 

Außerdem erwähnenswert:

Philipp Poisel – »Mein Amerika« (VÖ: 17. Februar 2017)

Nach sieben langen Jahren kehrt die Stimme einer Generation von realitätsbenebelten, tagträumerischen, aber dennoch fantasielosen BetriebswirtschaftsstudentInnen zurück. Ändern tut er an seinem Erfolgsgeheimnis – romantisch-verklärte Texte, einfache, intimität-haschende Instrumentierung und Bubi-Charme – nur wenig. Mehr dazu bald auf thegap.at.

Matthias Schweighöfer – »Lachen Weinen Tanzen« (VÖ: 10. Februar 2017)

Und wenn der Poisel Philipp ein neues Album macht, ist auch sein Partner in Crime – Anklagepunkt: peinliche Romantik für leere Menschenhüllen – Matthias Schweighöfer nicht aus der Welt. Sein Debüt-Album, bei dem er auch Teile des Textens übernommen hat, hört sich genauso an, wie seine Filme sind. Vorhersehbar, aber Zielgruppenoptimiert. Mehr demnächst auf thegap.at.

Christiane Rösinger – »Lieder ohne Leiden« (VÖ: 24. Februar 2017)

Schon allein der Titel, ein Traum. Christiane Rösinger, die First Lady der deutschen Pop-Intelligenzija fabriziert auf ihrem erst zweiten Solo-Album ein Meisterwerk an lyrischem Hochgenuss, der sich unter anderem mit Daseinsängsten und Alterssorgen beschäftigt, garniert mit teils zuckersüßem Pop aus der Andreas-Spechtl-Produzentenschmiede. Auch dazu wird demnächst auf thegap.at einiges zu lesen sein.

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