Kick-Ass

Macht(lose)-Fantasien

Der Traum ein großer Held zu sein, für höhere Werte ein zu stehen, ein Erretter, ein Erlöser. Mark Millar und John Romita Jr. machen Meta-Fleisch aus dieser Fantasterei. Und töten sie.

Wenn man sich dieser Tage einen aktuellen Druck des /Kick-Ass/ Sammelbands zulegt, sieht man auf dem Cover groß “NOW A MAJOR MOTION PICTURE!” stehen. Klar, aus Mark Millars Feder stammt schon „Wanted“, der ja über 341 Millionen US-Dollar einspielte. Was sicher nicht daran lag, dass es eine getreue Verfilmung der Vorlage war, denn das war nicht der Fall. Und so sollte man auch bei „Kick-Ass“ Vorlage von Verfilmung trennen. Ob letztere gelungen sein wird oder nicht, „Kick-Ass“ das Comic ist es unbestritten.

Millar stellt uns Dave Lizewski vor. Dave ist 16 Jahre jung, geht zur Schule und sein sozialer Status pendelt zwischen “Außenseiter” und “Wer?”. Dave ist auch Comic-Fan und etwas lässt ihm keine Ruhe: “Why do people want to be Paris Hilton and nobody wants to be Spider-Man?” Also stellt Dave sich ein Superheldenkostüm zusammen und geht hinaus um Superheld zu sein. Seine erste Auseinandersetzung mit “Vandalen”, die Graffiti auf eine versteckte Hinterhofmauer sprühen, kostet ihm beinahe das Leben. Doch auch nachdem er im Krankenhaus aus dem Koma erwacht ist, hat sich an Dave fixer Idee nicht viel verändert.

Wahrscheinlich kann niemand reines Gewissens behaupten, nie einer Machtfantasie in der einen oder anderen Art erlegen zu sein, sei es auch nur für einen kurzen Moment gewesen. Die wenigstens jedoch lebten solche Ideen aus und kamen daher auch nicht in Berührung mit ihren Konsequenzen. Der (philosophisch problematische) Held und Erlöser einer Erzählung begegnet den Komplexitäten sozioethischer und -politischer Interaktion im Alltag der Menschen nicht. Selbst die versiertesten und klügsten Autoren schaffen das nicht, im Bestfall wird’s dann ein aussagekräftiges Gleichnis übers Aufeinanderprallen unterschiedlicher Maßstäbe.

So ein Bestfall ist Millar mit „Kick-Ass“ gelungen. Durch John Romitas visuelle Sprache gelingt es, diesen Diskurs in Termini von “gutem Vorsatz”, “Unvermögen”, “Überzeugung” und “Macht” bildhaft auszudrücken. Es ist ungewiss, ob Dave alias Kick-Ass triumphieren wird oder nicht, aber das spielt dann auch keine Rolle, wenn er jedes Mal blutig geschlagen wird und trotzdem nicht aufgeben kann oder will. Gleichwohl nicht von inhaltlicher Originalität oder Innovation gesprochen werden kann, was Millars Script via Romitas Illustrationen vermittelt ist eine Art “Quasi-Realismus”, eine stark überzeichnete Form dessen, was wohl am ehesten im “echten Leben” passieren könnte, allerdings gepaart mit Charakteren und Vorgängen, die sehr unwahrscheinlich für dieses “echte Leben” sind. Was übrig bleibt ist dann Adrenalin und Blut, aber das hat Konsequenzen. Über Auslegung und Schlussfolgerung Millars kann man noch geteilter Meinung sein.

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