Mürrig

Da wird ein Schal gestrickt, glatt. Ein langer, nach immer dem gleichen Muster. Zuerst etwas fette Wolle, dann die dünnere usw. usf. (Kapitelgliederung mit Jahreszahlen, erst Hard Facts im Fettdruck, dann die Erzählungen).

Ist ja an sich ein brauchbares Ding, so ein Schal, wer’s mag. „Mürrig“ kommt so getragen daher, so beruhigend grün, da wird am Coverbild dem Hausdach das Hemd ab/ausgezogen und im Inneren sehen wir einen offen gelegten Spalt. Der viel zitierte Keil, den Karl Georg Mürrig in die Familie hinein treibt. Durch gezielte Aktionen. Karl Georg ist von schwächlicher Natur – weil er nicht ordentlich abgestillt wurde, sagt das strenge Familienoberhaupt. Karl Georg nutzt seine Hustenanfälle, versucht sie gezielt einzusetzen. Die ersten 100 Seiten machen es einem nicht leicht. Der Vater, Arzt und Patriarch, züchtigt K. G. gerne und regelmäßig mit der Spachtel wenn er Fingernägel kaut, mit dem Teppichklopfer wenn er die Nachbarschaft mit seinem Husten stört. Codein verabreicht er ihm ohnehin. Freilich, das berührt. Man kriegt mit, dass der arme Bub eine schwere Kindheit hatte. Man kriegt das nur zu ausführlich mit. Katharina Anna – die Schwester – ist vorerst kein Thema. Die Mutter hat sowieso nichts zu sagen. Der Vater verachtet seinen Sohn, nur das gemeinsame Nachrichtenhören im Radio verbindet sie. Diese Nachrichten kommen allerdings als plumpe, fettgedruckte Blöcke am Anfang jedes Jahresblocks daher. Nicht so wie sie aus dem Radio kommen, eher so, wie sie im Lexikon stehen. Mit der Zeit findet K. G. heraus, wie er sich gegen seinen Vater zur Wehr setzen kann, er ist gegen Vaters Weltbild, macht sich mit neun Jahren die Weltpolitik auf seine Weise zu Nutze, rächt sich. Und dann macht K. G. eine Entdeckung, die alles verändern würde, wäre da nicht dieser plötzliche Einschnitt in der Geschichte. Nun geht der Text auf, man wird für das mühsame erste Drittel entlohnt. Zwar sackt der Held immer tiefer, doch man folgt dem Schicksal gerne, das ist gut nachvollziehbar beschrieben, eindringlich, tragisch. Der Held leidet mit der Welt und der Lesende leidet mit. K. G. verliert sich, redet kaum, schreibt nur mehr, stürzt sich in die Tiefe, Ruhe, Abgeschiedenheit. K. G. hat die Fahrkarte fürs Leben zu früh mit Kind und Ehe entwertet, gelocht und dann in den Abgrund fallen lassen. Nein, in Summe doch kein Schal, sondern vielmehr harter Stoff, gut geschneidert.

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