Pizarrini

Gibt es den “Schrullenroman” als anerkannte, literarische Gattung? Falls nicht, sei sie hiermit eingeführt und das nachfolgend besprochene Buch als ihr Prototyp vorgeschlagen. Im Mittelpunkt desselben steht der „bleiche, fette, junge“ Buchhalter Pizarrini, dem nichts über „Ordnung halten“ geht und der eines Tages auch bloß „der Ordnung halber“ erstmals ein Bordell aufsucht. Aber dort läuft […]

Gibt es den “Schrullenroman” als anerkannte, literarische Gattung? Falls nicht, sei sie hiermit eingeführt und das nachfolgend besprochene Buch als ihr Prototyp vorgeschlagen. Im Mittelpunkt desselben steht der „bleiche, fette, junge“ Buchhalter Pizarrini, dem nichts über „Ordnung halten“ geht und der eines Tages auch bloß „der Ordnung halber“ erstmals ein Bordell aufsucht. Aber dort läuft gar nichts ordnungsgemäß, weshalb sich der heillose Optimist schleunigst mit Hochprozentigem abzufüllen gedenkt. Den Tisch teilt er bald mit zwei halbseidenen Gestalten, die ihm gegenüber als Schmidbruch, „Präsident der Internationalen Speisewagen AG“, und dessen Assistent Podesta vorstellig werden. Zwei Schlitzohren, wie sich herausstellen wird, die dem gutgläubigen Pizarrini allerhand über fallende Umsätze, „Freßrobots“ und steile Karrierechancen erzählen, was in dem zusehends durch Wort- und Alkoholflut benebelten Buchhalter Allmachtsphantasien und Albträume zugleich auslöst. Grünmandls Text, eine Nachlass-Entdeckung des 2000 verstorbenen Kabarettisten, ist ein herrlich unschubladisierbares Sprachkunstwerk, voll irrwitziger Surrealitäten, grotesk-ironischer Details (etwa eine Käseverkäuferin, die ausgerechnet an Wurstvergiftung stirbt) und unberechenbarer Sprünge. Ein „Schrullenroman“ par excellence eben.

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