Post Tropical

Kaminromantik im Tropenparadies

McMorrow sattelt von Folk auf schwelgerischen Laptop-R&B um und gibt dem Falsett die Sporen. Bon Iver in seiner nasalsten Phase könnte neidisch werden.

Das 2010er Debut steckte die Erwartungen hoch: Top-10-Platzierungen in Irland, Großbritannien und Frankreich, der European Border Breakers Award, eine Nominierung für den Choice Music Prize. Die Schwierigkeit des zweiten Albums meistert der irische Singer-Songwriter James Vincent McMorrow, indem er sich radikal neu erfindet: Mit „Early in the Morning“ wurde er noch auf die Nu Folk-Schiene gepackt – wegen seines Barts, argwöhnt er selbst. Auf dem Nachfolger verschwinden die Akustik-Gitarren fast vollständig hinter dichtem Laptop-Gefrickel, jede Sekunde von „Post Tropical“ ist dunkel-warmer Samt, auf dem sich hell Lichtreflexe brechen. „I don‘t give a fuck about genres. I just want it to be good“, sagt er über sein neues Werk.

Aus Hunderten Soundfiles und Textfragmenten bastelte McMorrow auf einer kleinen Farm, nur eine halbe Meile von der mexikanischen Grenze entfernt, zehn Songs: den Pitchfork-goutierten Opener „Cavalier“ mit seinen Handclaps und dem großen, scharrenden Brass-Arrangement, „Outside, Digging“, das den Folk durchschimmern lässt, „Red Dust“, mit dem McMorrow testet, wie weit er seinen eigentümlichen Falsett treiben kann, akzentuiert von einem zarten Drumbesen. „There’d be a room with five old keyboards you’d never seen before. We’d pull them out and suddenly it was 5 a.m. and you have this sound you never predicted”, schwärmt er im Interview mit dem britischen Esquire über das Studio, das einst auch Beach House, Animal Collective oder At The Drive In bevölkerten.

Der weite Horizont und die klangliche Größe des Albums lassen ein tropisches Paradies erstehen, in dem nicht mehr sommerliches Muskelspiel im Strandoutfit zählt, sondern durch das ein kühlerer Wind weht, der Menschen hinter dichte Bärte und sehnsuchtsvolle Posen treibt. Post Tropical eben. Natürlich muss das Thema des Albums Herzschmerz sein: „Sometimes my hands don’t feel like my own I need someone to love I need someone to hold“, heißt es etwa in „Red Dust“. So herrlich samtweich hat Neo-R&B zuletzt bei James Blake geklungen.

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