Satan Walks

Kanye West nennt sein neues Album „Yeezus“. Wie Jay-Z ist er für viele Verschwörungstheoretiker im Netz ohnehin ein satanischer Hohepriester. Weitere Pop-Satanisten: Beyoncé, Rihanna und Lady Gaga. Aber was haben eigentlich die Illuminaten damit zu tun?

Kryptische Twitternachrichten kündigten Kanye Wests sechstes Studioalbum zuerst an: „Yeezus“, abgeleitet von Wests Spitznamen „Yeezy“, soll es heißen. Bei seinem ersten Hit „Jesus Walks“ suchte er noch Gottes Beistand. 2006 ließ er sich mit Dornenkrone für das Cover des amerikanischen Rolling Stone fotografieren. Im Videoclip zu „Power“ inszenierte er sich als Gott, auf dem neuen Album heißt es bereits „I Am A God“. Diese Blasphemie, sein Riesenerfolg und geheime Handzeichen sind deutliche Beweise, finden einige Verschwörungstheoretiker. Kanye West ist ein Satanist und er ist nicht der einzige im Show-Business.

„Hip Hop goes Goth“, attestiert ein Prediger in den unzähligen Youtube-Videos, die dem Satanismus in der Unterhaltungsbranche auf die Spur gekommen sein wollen. Für Metal- oder Rockmusiker, die mehr oder weniger mit düsterer Symbolik und Bildsprache kokettieren, ist die Assoziation mit dem Teufel nichts Neues. Marylin Manson und diverse Black Metal-Bands sind bekennende Satanisten. Die neue Riege der Teufelsanbeter besteht allerdings aus Hip Hop- und Popkünstlern wie Jay-Z, Beyoncé, Rihanna oder Lady Gaga. Die findigen Netz-Aufklärer haben dafür einige Beweise gesammelt.

Auf einem Foto macht Paul McCartney z.B. eine Geste, die aussieht wie das Taucher-Zeichen für „okay“. 666, „the number of the beast“, soll dieses Handzeichen aber darstellen und unzählige Popstars posieren mit der gleichen Geste: Lil‘ Wayne, Drake, Nicki Minaj. Sehr beliebt ist natürlich auch die Mano Cornuto, die gehörnte Hand oder Heavy-Metal-Pommesgabel, wie Insider zu sagen pflegen. Damit zu sehen sind u.a. Michael Jackson und natürlich der Erfinder, Ronny James Dio von Black Sabbath. A$ap Rocky führt im Video zu „Wassup“ direkt vor laufender Kamera in einem Pentagramm ein satanisches Ritual durch. Andere berichten offen von ihrer Besessenheit.

Jehova

Beyoncé erzählt z.B., wie Sasha Fierce, ihre extrovertierte Bühnenpersona, beim Auftritt in ihren Körper fährt. Anfällig für die bösen Geister wurde das frühere Gospel-Girl durch die Verbindung mit dem satanischen Priester Jay-Z, der sich blasphemisch selbst Hov, abgeleitet von Jehova, nennt. „Bow Down Bitches“ – der schlechte Einfluss zeigte sich jüngst auf der neuen Single des einst so braven Mädchens. Auch Nicki Minaj berichtet davon, wie eines ihrer vielen Alter Egos, der wütende Roman Zolanski, von ihr Besitz ergreift. Katy Perry hingegen spricht im Interview darüber, ihre Seele verkauft zu haben und selbst Bob Dylan schreibt seinen andauernden Erfolg einem Handel mit dem „Oberbefehlshaber“ zu. Solche Berichte häufen sich und das spricht für die vorwiegend aus den USA stammenden Urheber der Videos für Tatsachen. Dort glauben ja weit über die Hälfte aller Bürger, dass Gott die Welt erschaffen hat.

Die Lehre des Kreationismus in US-Schulen zeugt vom gleichen erschreckend unaufgeklärten Religionsverständnis wie all diese Videos und Websites, die lieber an die Leibhaftigkeit des Leibhaftigen glauben als sich mit menschlichen Abgründen auseinanderzusetzten, die sich in der erfolgsfixierten und skrupellosen Unterhaltungsindustrie auftun. Songzeilen werden zum Geständnis, wenn sich Kanye, Jay-Z und Nicki Minaj als „Monster“ outen und über ihre bösen Taten rappen. Bilder, Metaphern, Symbole – schon mal gehört? Lasst die Leute dumm sterben, könnte man denken. Durch die rasante Verbreitung und Allgegenwart solcher Gerüchte – bei fast jedem Videoclip eines verdächtigen Musikers finden sich Verschwörungsvideos unter den Empfehlungen – ergibt sich aber auch eine ganz andere Frage: Was ist Wahrheit im Internet und wer hat die Macht, sie zu behaupten?

Illuminati

Am deutlichsten wird dieses Problem, wenn in nahezu allen Theorien plötzlich die Illuminaten ins Spiel kommen. Und die Freimaurer. Kanye West und Jay-Z formen zusammen mit ihrer Satanisten-Schülerin und Illuminaten-Prinzessin Rihanna im Video zu „Run This Town“ Dreiecke mit den Händen und stellen damit das Auge der Vorsehung dar. Dieses Auge in einem Dreieck, ursprünglich als allsehendes Auge Gottes bekannt, war ein Symbol der Freimaurer. „Mit dem Zweiten sieht man besser“ – ein abgedecktes Auge entlarvt nicht nur das ZDF als Freimaurer alias Illuminaten alias Satanisten.

Wahrheit bestimmt, wer die Macht hat und die Institutionen der Macht konstruieren sie, um ihre Hegemonie zu erhalten – so kann man eine von Foucaults Kernthesen zusammenfassen.

Die Macht, zu der ihm seine Karriere verholfen hat, will Kanye West auf seinem neuen Album nutzen und klagt an, was immer noch falsch läuft im und für den schwarzen Bevölkerungsteil der USA. Unter politischen Texten lässt er musikalisch ein düsteres Hölleninferno los. Am wütendsten ist er bei „Black Skinhead“. Das Feindbild ist die christliche, amerikanische Mittelklasse: „If I don’t get ran out by Catholics/ here come some conservative Baptists“. Ist es Zufall, dass die Satanistenvorwürfe aus den religiös extremen Ecken dieser Gesellschaftsschicht kommen? Und dass sich unter den Verdächtigten sehr viele afro-amerikanische Popstars befinden – im Zentrum die Musikmillionäre Kanye West und Jay-Z – die für ihren Erfolg einen Pakt mit dem Teufel oder auch nur mit den Illuminaten eingegangen sein sollen?

Potenzielle Mitglieder von Geheimbünden wie den Illuminaten machen sich zu allererst durch ihre Stellung, ihren Einfluss und (monetären) Erfolg verdächtig. Daher rühren auch die Verschwörungstheorien um ihre Beteiligung an entscheidenden historischen Ereignissen wie der Französischen Revolution oder der amerikanischen Unabhängigkeit, bei denen die Machtverhältnisse entscheidend umgewälzt wurden. Für die christlichen Aufdecker kann es scheinbar nicht mit rechten Dingen zugehen, wenn Afroamerikaner an Einfluss gewinnen. Eine Umfrage brachte zu Tage, dass 13 % der US-Amerikaner glauben, dass Barack Obama der Antichrist sei. Dem Verlust ihrer Vormachtstellung – politisch, finanziell und kulturell – steuern die „god-fearing white Americans“ mit der Verbreitung dieser Verschörungstheorien und (Un-)wahrheiten entgegen – bei Weitem nicht das erste Mal in der Geschichte.

1885 veröffentlichte Léo Taxil, nachdem er aus der Freimaurerei ausgeschlossen wurde, ein Buch über angebliche satanistische Rituale und luziferische Orgien in den Freimaurer-Logen. Für die Verbreitung seiner Geschichte nutzte er die Argwohn der katholischen Kirche. Erst 1891 wurde sein Schwindel entlarvt. Mittlerweile braucht es die Macht des Vatikans nicht mehr, um Geheimbünde wie Freimaurer und Illuminaten mit Teufelsverehrung in Verbindung zu bringen. Im Internet ist jede Wahrheit erst einmal gleichberechtigt und Fakten wie Hirngespinste verbreiten sich auch so. Es gelten andere Machtstrukturen. Das Web 2.0, Plattformen wie Wikipedia und Youtube ermöglichen eine Teilhabe an der Wahrheitsproduktion, aber auch virale Breitband-Verdummung. Verbreitet werden diese Thesen aber nicht nur von Menschen, die sie für bare Münze nehmen. Deswegen ist die andere große Frage, warum Geschichten von Kanye und den anderen Pop-Satanisten auf fruchtbaren Boden fallen.

Teufelsmusik

Luzifer und die Musik haben schon eine lange gemeinsame Historie. Angefangen beim Teufelsgeiger Paganini oder dem Blues-Musiker Robert Johnson verkauften viele der Legende nach ihre Seele für musikalisches Talent. Johnson schloss angeblich an einer Kreuzung einen Vertrag, dem er den Blues verdankte, für den er bis heute in Erinnerung geblieben ist. Dafür musste er mit 27 den Preis dafür bezahlen, als er vermutlich an Syphilis starb. Macht und Verführungskraft der Musik bringen den Teufel schon immer in Verbindung mit Tanz und Extase. Der Baphomet, der Teufel als Ziegenbock mit weiblichen Brüsten und Pentagramm auf der Stirn, ist eine mittlerweile weit verbreitete Darstellung. Ihn erkennen die Verschwörungstheoretiker in Lady Gagas Kostümen und entdecken ihn als Umrisse und Schatten in Rihanna-Videos. Der Ursprung dieser Darstellung jedenfalls liegt im antiken Fabelwesen Pan. Das Wesen mit dem Unterkörper einer Ziege und dem Oberkörper eines Menschen stand für Sex, Lust, Wein und Musik. Gerade in der Popmusik spielte dieses Dionysische, das die Kirche im Mittelalter verteufelt hatte, wieder eine große Rolle – Tanz, Ekstase, das Unkontrollierbare.

Ekstatisch und unkontrollierbar ging es schon bei der Beatle-Mania zu. Nicht nur Led Zeppelin, deren Gitarrist Jimmy Paige einer von vielen bekennenden Anhängern des britischen Okkultisten Aleister Crowley war, wurden Rückwärtsbotschaften auf ihren Platten unterstellt. Den Beweis, dass Paul McCartney tot und durch ein Double ersetzt worden war, liefert angeblich „I’m So Tired“. „Paul is dead“ soll dort zu hören sein und auf „Revolution 9“ die Worte „Turn me on, dead man“. Eine doppelte Reminiszenz an den Song lieferte Danger Mouse, als er ihn für einen Remix von Jay-Zs „Lucifer“ sampelte und eine Rückwärtsbotschaft einbaute: „I can introduce you to evil. Murder murder Jesus. 666. Catholics, I gotta murder them.“ Benzin ins Feuer für alle, die ihn sowieso für einen satanischen Hohepriester halten. Aber auch für die Publicity-Maschine.

Jay-Z lässt sich nur zu gern mit den Händen zum Dreieck geformt oder einem Sweater mit dem Crowley-Credo »Do what thou wilt« ablichten. Ob es ihm nun der Teufel verraten hat, oder nicht, er weiß, wie das Geschäft läuft. In einem Interview streitet er die Verbindung zu den Illuminaten ab, bevor er einräumt: „I’m an entertainer at the end of the day. Maybe I’ll push your buttons but you know…“

„Yeezus“ erscheint am 18. Juni 2013 bei Def Jam/ Universal Music. „Magna Charta Holy Grail“ von Jay-Z wird am 4. Juli (US-amerikanischer Unabhängigkeitstag) veröffentlicht.

 

Bild(er) © Universal Music contactmusic Universal Music  contactmusic
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