Science, Bitch!

200.000 Stunden online für einen Pechtropfen, der das Spannendste seit der "Red Wedding" ist.

Pitch Black

Dass Naturwissenschaft mit einem unglaublichen Suspense-Faktor aufgeladen werden kann, wissen wir spätestens seit dem Erfolg der US-Serie Breaking Bad.

Die Universität von Queensland in Brisbane, Australien beschloss schon in den 90ern die Kamera auf etwas zu halten, was normalerweise kein Schwein interessiert. Auf ziemlich unspektakuläres, schwarzes Pech. Daraus ist eine allerdings sehr spektakuläre Aktion entstanden. Um dem Pech beim Tropfen zuzuschauen, haben mittlerweile Menschen auf der ganzen Welt 200.000 Stunden ihrer Zeit geopfert. Sie nennen sich "The Ninth Watch", eine eingeschworene Gemeinde, Wächter des Tropfens quasi. Der Erfolg der Aktion hat nun mehrere Gründe.

The Pitch Drop Experiment Goes Online

Pech ist ein extrem zäher Zeitgenosse, der nicht so gern tropft. Er tut das überhaupt nur circa einmal pro Dekade. Die 90er ließ er gleich aus, weil er eben wirklich cool ist. Thomas Parnell sperrte ihn 1927 in einen Trichter und seit dem droppte er 1938, 1947, 1954, 1962, 1970, 1979, 1988 und 2000. Acht mal, also. Blöderweise war nie jemand genau zu dem Zeitpunkt da, als er abging. 2000 fielen die extra installierten Kameras aus und wieder: keiner hat’s gesehen.

Pech jetzt!

Jetzt und mit jetzt ist wirklich JETZT gemeint, steht der Tropfen wieder in voller Blüte und droht sich jeden Moment zu lösen. Seit es sich unweigerlich anbahnt, dass er nun endlich zu Boden fällt, hat die australische Universität die Website "The Ninth Watch" eingerichtet. In Anlehnung an die "Night’s Watch" aus "Game of Thrones" kann man sich diesem neunten Tropfen quasi per Eid verpflichten und wird – sollte man zum Zeitpunkt des Fallens gerade online sein – verewigt. Damit man auch wirklich hinschaut und sich seinen Weg in die Geschichtsbücher nicht erschleicht, poppt ständig ein Fenster mit der Frage, ob man noch dabei ist, auf. Wenn man nicht umgehend auf "ja" klickt, wird man automatisch ausgeloggt.

Strategie

Durch die Verknüpfung von "Game of Thrones" mit dem Experiment und die schöne mediale Aufbereitung hat die australische Hochschule es nicht nur geschafft, die Pechschau aus der Nerd-Ecke zu holen und für viele Leute interessant zu machen, sondern auch Aufmerksamkeit auf sich selbst und ihre Forschung zu lenken. Zusätzlich zur Website der Ninth Watch, deren Homepage dank sleakem Logo wirklich aussieht wie die einer Serie von HBO oder AMC, findet auf Twitter (#9thwatch, #pitchdrop) ein reger Diskurs über den Status des Tropfens statt.

Dass Slow TV teilweise unglaublich erfolgreich ist, beweisen nicht zuletzt die hohen Einschaltquoten, die zum Beispiel durch das Zeigen von Bahnstrecken aus der Fahrerkabine erreicht werden. Unser Pechtropfen ist zwar verdammt langsam und man kann ihm sogar 24/7 zuschauen, sein Reiz liegt aber wo anders: Irgendwann beginnt man tatsächlich sich mit dem Ding zu identifizieren. Das ist auf eine ziemlich gefinkelte Taktik der University of Brisbane zurückzuführen, die offenbar nicht nur eine Kapazität bei Langzeitexperimenten ist, sondern auch in der Psychologie.

Der Pechtropfen verarscht uns!

Meldet man sich nämlich für die Ninth Watch an, bekommt man sofort ein E-Mail mit den Worten: "The fall of the Pitch Drop has always eluded us." So als würde das Ding sich einem absichtlich entziehen. Die reduzierte aber ansprechende Website schafft darüber hinaus, glaubhaft zu vermitteln, dass man gerade bei etwas verdammt Wichtigen dabei ist. Man freut sich wie ein Schneekönig, wenn man in der Rangliste der Leute, die am längsten zugeschaut haben, stetig nach oben rückt. Fällt aber einmal kurz das Bild aus (passiert ab und zu), ereilt einen ein halber Herzinfarkt. Gleichzeitig hat dieser Pechtropfen etwas Bedrohliches. Er ist der Walter White unter den Flüssigkeiten. Unberechenbar und tricky. Antiheld und Held gleichzeitig. So sehr man den Drop, wie bei einer Drum and Bass Nummer, antizipiert, so sehr fürchtet man sich auch davor. Denn was kommt danach? In jedem Fall sitzt man mit dem Pechtropfen im selben Boot – and it’s going down! Ihm zuzuschauen ist tatsächlich so spannend wie die "Red Wedding" und das Finale von "Breaking Bad" zusammen. Mit Earl Sweatshirts ganz unge"pitch"ten Worten bleibt uns nur ihm zu wünschen: Drop, Bitch! Winter ist zwar nicht coming, Zeit wird’s aber trotzdem.

Tröpfchen anhimmeln geht hier: http://www.theninthwatch.com/. Wegen Updates zum Pech bitte jederzeit die Autorin @oidaamira kontaktieren! Sie kann nämlich leider grad nicht schauen.

Bild(er) © 1-3: Screenshots von www.theninthwatch.com 4: Science Bitch Meme
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