Sex and the Lugner City: Don’t talk about Fight Club

Josef Jöchl artikuliert hier ziemlich viele Feels.

© Ari Yehudit Richter

In Stresssituationen kann es schon mal vorkommen, dass man wesentliche Charakterzüge einfach vergisst. Um zu bewältigen, wirft man in einer Nanosekunde über Bord, wie man sich selbst begreift. Wenn mich der 13A auf der Hofmühlgasse jagt, fällt mir plötzlich nicht mehr ein, wie freundlich ich bin, und wenn so eine weltweite Pandemie haust, dass ich eigentlich nicht rauche. In einer Juniwoche ist mir für einen Moment meine Soziophobie abhandengekommen, als ich einen wildfremden Menschen aus dem Internet für fünf volle Tage und Nächte zu mir einlud. Dummerweise habe ich sie wenige Stunden nach seiner Ankunft wiedergefunden.

First rule: Don’t talk about Fight Club

Da hatte ich aber schon längst aufgeräumt und frisch überzogen, nur ein paar riesengroße Preisschilder hingen noch an meinen Billy-Regalen und dem Wohnzimmertisch in Form eines Yin-Yangs. Zunächst schien alles prima. Wir hingen in den Straßen Neubaus ab, kickten ein paar Bierdosen und berührten uns kumpelhaft an den Schultern und später, bei mir zuhause, weniger kumpelhaft. Ich war tief beeindruckt, denn er war in allem besser als ich. Hatte bessere Haare, konnte für alle Rough-Trade-Platten der 90er-Jahre den Labelcode buchstabieren und ein offenes Hawaiihemd ohne Unterleiberl rocken. Er dachte einfach deepere Gedanken. Doch schon am nächsten Morgen erwachte ich wie der Lindsay-Lohan-Charakter in einer Bodyswitch-Komödie oder vielmehr wie Lindsay Lohan. Schon beim Frühstück begann er von der beißenden Konsumkritik des Films »Fight Club« zu sprechen und was das alles mit postmoderner Männlichkeit zu tun habe. Wir alle würden in Jobs arbeiten, die wir hassten, um Dinge zu kaufen, die wir nicht brauchten, um Leute zu beeindrucken, die wir nicht mochten. Zwischendurch schüttelte er immer wieder den Rest Hafermilch im Tetrapack, wie um zu sagen, dass da wohl jemand schnell zu Denn’s müsse, der bestimmt nicht er war.

Second rule: Don’t talk about Fight Club

In diesem Moment wollte ich laut aufschreien: »Hey Baby, bist du das Sperma eines 13-Jährigen? Weil du gehst auf den Keks.« Stattdessen habe ich es nur getweetet und meinen Handy-Timer auf viereinhalb Tage im Voraus gestellt. Wenn ich nur intensiv genug auf das Display starrte, würde die Zeit schneller vergehen, dachte ich mir, doch da begann mein iPhone schon auf einem Ast in meinem Mini-Zengarten zu zerschmelzen. Vier Tage, zwölf Stunden: Er sprach ohne Unterlass von Pflanzen, Tarkowski, DMT. Vier Tage, elf Stunden: Selbstgemachter Gin ist lecker. Vier Tage, zehn Stunden: Seife herstellen ist wie kochen. Ständig wies er mich auf Dinge hin, die ich seit Jahrzehnten geflissentlich ignoriere, wie rote Ampeln und das Gesamtwerk von David Lynch. Ich reagierte mit Aggressionen, aber vorwiegend gegen mich selbst. Weil er Nichtraucher war, wurde ich augenblicklich zum Kettenraucher. Am zweiten Tag begann ich dann schon nachmittags, mich zu betrinken. Mein Kurzzeitgedächtnis wies immer größere Lücken auf.

Längst hatte ich vergessen, welchen Tag wir hatten. Ich erwachte inmitten einer Armada von Dudes, die nichts anderes taten, als Bierdosen auf ihrer Stirn zu zerdrücken. Er hatte alle Plattennadeln mit einem Stein geschärft und mit demselben Stein ein kleines Lagerfeuer auf meinem Wohnzimmerteppich erzeugt. Da durchfuhr mich plötzlich ein Schreck. Im gleißenden Licht der Flammen kamen die Erinnerungen zurück wie Blitzlichter. Ich, am Frühstückstisch, wie ich mit stolzgeschwellter Brust doziere, dass es nicht Sinn machen, sondern Sinn ergeben heißen müsse. Mein besserwis- serisches Selbst im Supermarkt, wie es erklärt, dass weiße Schokolade keine echte Schokolade sei. Am schlimmsten aber war, wie ich mich selbst beobachtete, auf Fahrradausflügen, während Performances und in veganen Bäckereien nur von einem Thema zu sprechen: »Fight Club«, »Fight Club«, immer wieder »Fight Club«.

Third rule: Someone yells »Stop!«, the fight is over

Ich machte Grindr auf und scrollte durch seine letzten Nachrichten. Vor wenigen Tagen hatte er mir geschrieben: Hey maybe it’s a little too intense if I show up for 5 days in a row, *Hang- Loose-Emoji*. Erleichtert stelle ich fest: Er hatte mich nie besucht, ich litt nur an einer dissoziativen Persönlichkeitsstörung! Es war alles nur ein übler Traum gewesen. Doch da saß ich schon nicht mehr in meiner Wohnung, sondern hinter einem Klapptisch auf dem Feschmarkt, verkaufte Ziegenkäse-Gin aus alten Freitag-Taschen und tanzte zu Electro-Swing. Auf einmal fiel mir wieder ein, wer ich eigentlich war. Ich schrie: »Stop!« Augenblicklich schleuderte ich meinen Zylinderhut in die Ecke und spazierte in das nächstgelegene verlassene Hochhaus. Dort pumpte ich »Where Is My Mind« von den Pixies und blickte auf den Sternenhimmel, der sich über der Stadt aufspannte. Mood.

Josef Jöchl ist Comedian. Im Herbst feiert sein Soloprogramm »Nobody« Premiere. Aktuelle Termine sind unter www.knosef.at zu finden.

joechl@thegap.at @knosef4lyfe

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