Sex and the Lugner City: He’s just not that into you

Josef Jöchl artikuliert hier ziemlich viele Feels.

josef jöchl(c) Ari Yehudit Richter
© Ari Yehudit Richter

Vor langer Zeit war es üblich, seine Gefühle über Mixtapes auszudrücken. Man spielte eine ganze Kassette mit aussagekräftigen Liedern voll, mit der Absicht, Klarheit zu schaffen oder einen Punkt zu machen. Das passte natürlich nicht immer. Meine Mama hätte zum Beispiel nicht verstanden, was ich ihr mit »Bohemian Rhapsody« oder Christl Stürmers »Mama (Ana Ahabak)« hätte sagen wollen, außerdem hörte sie lieber Radio. Mixtapes waren Leuten vorbehalten, auf die man einen legitimen Stand hatte. Sie kamen häufig von eher nostalgischen Dudes, die aussahen wie von Nick Hornby geschrieben und ihre Messages nur mit großer Mühe auf 90 Minuten beschränken konnten. 

Mixtapes hatten einen entscheidenden Vorteil gegenüber Spotify: Sie waren unskipbar. Wer eines bekam, musste es sich von vorn bis hinten anhören und danach Stunden auf songmeanings.com verbringen, um die Botschaften richtig zu entschlüsseln. Mittlerweile sind Mixtapes so wie die private E-Mail ein bisschen outdated. Überstimulation durch Hyper-Entertainment, Sonys stiefmütterlicher Umgang mit der Minidisc, die Postmoderne, niemand weiß genau, warum. Außerdem sind 90 Minuten für viele bereits ein mittelgroßes Commitment. Für den Tinder-Profilsong muss ein 30-Sekunden-Snippet reichen. Die gängigen Antwortmöglichkeiten auf »Willst du mit mir gehen?« lauten längst »vielleicht, vielleicht, vielleicht«. Menschen, die sich alles offenhalten wollen, brauchen keine Mixtapes mehr. Sie haben Äffchen-Emojis.

Linguistic turn-on

So wie der Kunststudent. Er hatte einen Kopf voller verrückter Ideen und ziemlich guter Haare. Er sprach gerne von Diskurstheorie, ohne wesentlich mehr als ein paar Einbände davon gelesen zu haben. Seine Freizeit verbrachte er mit »Fortnite« spielen und wenn er etwas super fand, nannte er es »ferrari«. Ich war hin und weg. Man ging ein paar Mal miteinander aus, erzählte sich aus seinem Alltag, übernachtete zusammen. Hatte er mal wieder zu viel gekifft, schob er ein kokettes Seh-nix-Äffchen hinterher. Als man dann nach zwei Monaten offenbarte, dass man beginne, ihn richtig gern zu haben, schickte er wenig mehr als ein Sag-nix-Äffchen. An der Oberfläche blieb er zwar herzlich, doch er meldete sich weniger oft. Als man sich schließlich dazu durchrang, in einem Whatsapp-Chat die Beziehung zu definieren, wurde er plötzlich zum Hör-nix-Äffchen. Er ließ mich auf »gelesen« zurück.

Left on »gelesen«

Merkt ihr, oder? Wenn einem etwas unangenehm ist, sagt man lieber man als ich. Mit dem unbestimmten Pronomen stellt man Distanz zum unmittelbar Erlebten her, das man noch nicht ganz verdaut hat. Man gibt sich vernünftig und erhaben und nicht wie der Trottel, als der man sich fühlt. Denn einen Korb zu bekommen, ist niemals einfach. Man braucht immer eine gewisse Zeit, um zu erkennen, dass jemand just not that into you ist. So viel Zeit hatte ich jedoch nicht. Ich musste sofort herausfinden, was es mit diesen Äffchen-Emojis auf sich hatte. Deshalb verschickte ich in der Minute fünf bis sieben Screenshots an eine sorgfältig ausgewählte Riege von Vertrauten, die mir bei der Whatsapp-Exegese zur Hand gehen sollten – um herauszufinden, was er eigentlich meinte.

Doch ich hatte die Rechnung ohne meine Vertrauten gemacht, die – von mir weitestgehend unbemerkt – über die Jahre viel zu reflektiert und erwachsen geworden waren. Zwischen ihren Propädeutika und zweiten Vipassanās reagierten sie kurz angebunden. Anstelle einer brauchbaren Interpretation schickten sie mir nur neue Fragen. »Hast du dich schon mal mit seiner Wahrheit auseinandergesetzt?«, »Möchtest du dir nicht mal die Muster anschauen, die du da immer wieder reproduzierst?« Yada yada yada. Nein, möchte ich nicht. Ich möchte ein Wörterbuch »Josef – Crush, Crush – Josef«, vielen Dank auch.

Karma behält den Kassenbon

In Ermangelung eines Doppelkassettendecks setzte ich mich sofort an mein Notebook und kompilierte die Playlist der Enttäuschung. The Cure – »Pictures Of You«, Katy Perry – »Swish Swish«, das Gesamtwerk von Fiona Apple. Binnen 90 Minuten durchlief ich alle Phasen der Trauer: Zunächst ordnete ich die einzelnen Fragmente einer Sprache der Liebe, dann wünschte ich mir den Tod eines ganz bestimmten Autors von Whatsapp-Messages, schließlich archivierte ich die ganze Episode unter »Mythen des Alltags«. Was blieb, ist meine Neigung zu Fiona Apple. Wir haben viele Gemeinsamkeiten, sind beide eher high maintenance und überwiegend schlecht drauf seit 1997. Wenn ich weine, haben wir sogar dasselbe Vibrato. Ihr neues Album ist unskipbar, nur die Botschaften muss man nicht groß entschlüsseln.

Josef Jöchl ist Comedian und artikuliert hier ziemlich viele Feels. Sein Programm »Nobody« spielt er ab Herbst in Wien. Aktuelle Termine findet man unter www.knosef.at. Folgt ihm hier auf Instagram.

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