Sex and the Lugner City: L’aubergine espagnole

Josef Jöchl artikuliert in seiner Kolumne ziemlich viele Feels. Dieses Mal zum Thema: Zurückhaltung, und wie sie ins Gegenteil umschlagen kann, wenn es um ein Love Interest geht.

© Ari Yehudit Richter

Es gibt Leute, die binden sich sehr schnell an andere. Sie eröffnen wegen jeder Kleinig­keit einen Gruppen­chat, übertreiben es in Sachen Emojis und steigen aus keinem Uber aus, bevor sie nicht mindestens einen secret handshake mit dem Fahrer etabliert haben. So jemand bin ich eigentlich nicht. Meine Zurückhaltung ist mir lieb wie eine etwas langweilige Freundin. Sie sorgt dafür, dass ich früher nach Hause gehe, dafür bin ich am nächsten Morgen topfit.

Wenn es sich hingegen um ein Love Interest handelt, ist das Ganze eine totally different story. Da gebe ich hin und wieder ein bisschen zu viel Gas. Nach nur einem viel­ver­sprechenden Date dürfen meine Freund*innen in der Regel eine vollständig animierte Powerpoint-Präsentation erwarten. Schließlich sollen sie wissen, von welcher Person sie ein paar Wochen lang hören werden, ohne sie jemals zu Gesicht zu bekommen. So geschehen auch beim ruhigen Spanier, der mir letzten Herbst über den Weg gelaufen ist.

Hello Neighbor!

Es war natürlich keine richtige Power­point. Ein Freund fragte mich, was in meinem Leben gerade so passierte, was ich zum Anlass nahm, ihm ein paar Fotos vom Spanier vorzuwischen. Mit dem hatte ich inzwischen drei gute Abende verbracht. Klassische erste Dates: Händchen­halten auf herbstlichen Spazier­gängen, bei einer heißen Schokolade über Kindheits­traumata quatschen, sich gegenseitig sagen, für welches Obst man sich hält. Ich bin eine Mandarine.

Der Gesichts­ausdruck des Freundes veränderte sich, als er das Foto des Spaniers sah. »Josef, das ist jetzt vermutlich ein bisschen komisch, aber der Typ hat mich letzte Woche auch angeschrieben«, sagte er und zeigte mir den dazu­gehörigen Grindr-Chat. »Hello Neighbor« stand da Schwarz auf Blau. Ich tat die Situation achselzuckend als typischen Dating-Fail ab. »Go for it!«, sagte ich ein bisschen zu enthusiastisch und klopfte dem Freund auf die Schulter – »been there, done that, bought the T-Shirt!« Erst zwei Minuten später flitzte ich nach Hause, um dem Spanier mitten in der Nacht eine gekränkte Whatsapp-Nachricht im Umfang von zwei DIN-A4-Seiten zu schicken wie ein normaler Mensch.

Attachment Theory

Manchmal frage ich mich, ob ich in roman­tischen Angelegen­heiten ein bisschen zu schnell bin, ein bisschen zu fieber­haft warte, zu verfügbar bin, binnen meines ersten Lebens­jahres zu wenig in den Arm genommen wurde. Der nächste Morgen war so ein Moment. Ich fühlte mich elend, wie immer, wenn mich meine Zurück­haltung im Stich lässt. Der Spanier fand nach­voll­ziehbare, aber lang­weilige Gründe für sein Verhalten: Er lebte erst seit wenigen Monaten in der Stadt, nutzte Dating-Apps auch um platonische Freunde kennen­zulernen, außerdem wäre es ja nur ein »Hello Neighbor« gewesen und viel­leicht verstünden wir uns ja doch nicht so gut.

Doch diese Rationali­sierungen interessierten mich einen Dreck. Niemals wollte ich in einer Welt leben, in der Händchen­halten nichts mehr bedeutete. Um zu verarbeiten, machte ich mich daran, einen Zauber­tee aus getrockneten Mandarinen, Rosen­blüten und meinen Finger­nägeln zu kochen, den ich liebevoll verpackt auf seiner Fußmatte platzieren würde. Dann ging ich in die nächste Filiale des Bekleidungs­konzerns, für den er arbeitete, und brachte dort ein paar Stapel Pullis durch­einander, bevor ich mich in die U-Bahn setzte, um einige Stationen lang öffentlich zu weinen. Mit den Jahren weiß man einfach, was einem guttut.

Love on the Spectrum

Bald kam ich wieder klar. Der Spanier und ich hatten uns auf nette Art entschieden, einander fremd zu bleiben. Das musste ich akzeptieren. Dating im Spät­kapita­lismus ist eben kein Kinder­geburts­tag. Den meisten geht es darum, das Beste aus dem verfüg­baren Pool an Potentials herauszuholen. Nur deshalb existieren Begriffe wie Benching, Bread­crumbing oder Cushioning, die genau das bedeuten, was man hinter ihnen vermutet. »Alle jagen ständig etwas Besserem hinterher«, postete ich resignierend in einen Gruppen­chat, den ich extra zu diesem Zweck eröffnete. »Wer zuerst schreibt, hat schon verloren«, schob ich, begleitet von einer etwas über­schwäng­lichen Emoji-Selection, hinterher.

Im Grunde wusste ich überhaupt nichts über diesen Spanier. Er war schon extrem ruhig. Vielleicht befand er sich ja auch im Spektrum. »Da lag immer ein Rubik‘s Cube auf seinem Wohn­zimmer­tisch«, erzählte ich meinem Uber-Fahrer, der verständnis­voll nickte, während er auf die menschen­leere Straße einbog, in der ich wohnte. Ich gab ihm fünf Sterne und ging davon aus, dass er wenig später dasselbe tun würde. Aber man sollte sich in solchen Dingen niemals zu sicher sein.

Josef Jöchl ist Comedian. Sein aktuelles Programm heißt »Nobody«. Josefs Auftritts­­termine sind auf seiner Website www.knosef.at zu finden. Per E-Mail ist er unter joechl@thegap.at, auf Twitter unter @knosef4lyfe zu erreichen.

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