Sex and the Lugner City: Narziss und Duckface

Josef Jöchl artikuliert hier ziemlich viele Feels.

© Ari Y. Richter

Trotz Hochbetrieb fertige ich mitten in der Lugner City, zwischen Nanu-Nana und Miami Saftbar, eine Serie von Selfies an, einfach weil meine Haare gerade so fallen, wie sie sollen. Wenn man mich vor zehn Jahren dabei beobachtet hätte, wäre mir das mächtig peinlich gewesen. Tausend besorgte Feuilletonartikel über Influencer-Kultur später ist es mir relativ egal, weil sich doch alle schon mal selbst fotografiert haben. Niemand will ohne schmeichelnde Fotos leben und circa zwei Drittel aller Leute, nach meiner groben Schätzung, auch nicht ohne gute Nudes. Im Gegensatz zu schlechten Nudes gehen einem gute nicht so leicht von der Hand, weshalb ziemlich viel Ausschuss in so einem durchschnittlichen »Gelöscht«-Ordner landet. Deshalb vermute ich auch stark, dass Sterbende in Zukunft nicht etwa ihre Überstunden am meisten bereuen, sondern die Ansammlungen schlechter Nudes in ihren Clouds, die dann vor der versammelten Verwandtschaft unter notarieller Aufsicht geöffnet werden, bevor um die Bitcoin-Depots gestritten wird. Misslungene Nudes von Toten, das wäre mal ein guter Insta.

Narziss

Warum erzähle ich das alles? Jahrelang dachte ich, Narzissmus wäre ein Phänomen wie Internetsucht oder Zukunftsangst, praktisch ausgestorben weil allgegenwärtig. Dass es aber tatsächlich Leute gibt, die noch intensiver nur an sich denken als die anderen, musste ich vor kurzem am eigenen Leib erfahren. Ich habe einen Typen kennengelernt und es schien zunächst vielversprechend. Verstohlene Blicke auf erstem Date, Fahrrad geschoben, weil er keins hatte, Gespräche wie ein Kinderschwimmbecken. YouTube- Pingpong, kurz später die ersten Nudes mit zu viel Licht von oben. Bald entwickelte sich eine permanente Telegram-Convo. Schon längst hatte ich meinen inneren Projektor auf höchster Stufe angeworfen.

Die Ernüchterung folgte auf dem Fuß. Nach wenigen Wochen wurde klar, wer öfter Zeit hat, lieber einen Gefallen tut, sorgfältiger ausgewählte Emojis schickt. Er, der Schauspieler, war es schon mal nicht. Sein Beruf hätte als Warnsignal ausreichen müssen, doch meine Fantasie machte ganz gute PR für ihn. Als Narzissten enttarnt hat ihn schließlich das Leuchten in seinen Augen, als ich ihn einmal postromantisch nannte, weil er zu einem Treffen mehrere Stunden zu spät kam, ohne vorher Bescheid zu geben. Für NarzisstInnen ist eben das ganze Leben eine Bühne. Aus Angst vor Intimität stellen sie ihr Selbst nur nach. Labels wie »postromantisch« gefallen ihnen mindestens so gut wie ihre eigenen Tweets. War das noch gesundes Selbstbewusstsein oder schon eine Persönlichkeitsstörung? Weil psychologische Diagnosen bei mir eher locker sitzen, entschied ich mich für Letzteres. Damit blieb mir nur eine Option: weglaufen.

Duckface

Auch Ghosting hat seine Tücken. Man kann es nicht ankündigen und weiß auch nie, wie lange es dauert. Außerdem spukt einem der Narzisst noch im Kopf herum, mindestens halb so lange, wie man mit ihm zu tun hatte, so die Faustregel. Aber wozu gibt es Instagram? Ich abonnierte sofort fünf empowernde Meme-Accounts. Wochenlang spülte es mir jeden Morgen Sinnsprüche in meine Timeline wie »If things don’t add up, subtract yourself« oder »She remembered who she was – and the game changed«. Prinzipiell habe ich kein Problem damit, mir wichtige Lebensentscheidungen von Apps abnehmen zu lassen. In Wahrheit fahre ich sogar ganz gut damit. Irgendwann fühlte ich mich dann besser. Ein gebrochenes Herz tut weh, aber es lässt dich auch so jung erscheinen wie sonst nur ein zerbrochenes Handydisplay. Außerdem sah ich niemals besser aus. Ich konnte kaum aufhören, Selfies zu schießen, nicht mal in der Lugner City, und ich fühlte mich großartig dabei.

Hin und wieder taucht der Schauspieler noch in meiner Timeline auf. Aus der Distanz wirkt er plötzlich wie ein ganz netter Kerl. Hatte ich ihn meiner Fantasie zu sehr angepasst und somit ausgeblendet, woran er leidet? Hatte ich ihn zu früh verurteilt? War mein vermeintlicher Altruismus nur die Kehrseite seines Desinteresses? Wollen nicht auch Menschen, die einen Infuencer/Influenza-Witz machen, nichts weiter als ein bisschen Applaus für ihre pseudokritischen Gedanken? Ich konnte nicht anders, als mich zu fragen: War ich der wahre Narzisst von uns beiden?

Ich bin mir bis heute nicht ganz sicher. Allerdings habe ich ein paar Tipps für gute Nudes auf Lager: 1. Hör’ dein Kraftlied im Loop. 2. Dramatisiere deinen Look. 3. Wähle deshalb einen neutralen Hintergrund. Wer deine Nudes sieht, muss nicht wissen, was du gerade am Büchertisch hast. 4. Möchtest du einen Spiegel verwenden, putz ihn vorher. 5. Mach deine Nudes bei Tageslicht. Falls nicht möglich: Vermeide Lichtquellen von oben. Entscheide dich für einzelne Lampen und somit für einen sanfteren Glow. 6. Mach dich mit der Timerfunktion deiner Kamera vertraut. 7. Experimentiere mit Blickwinkel und Pose, bis du die richtigen für dich gefunden hast. 8. Lass dich nicht entmutigen: Jede/r trägt ein gutes N00d in sich. 9. In dringenden Fällen: Geh in eine Cos-Umkleide deiner Wahl. Die wissen dort ein, zwei Dinge über schmeichelhafte Oberbeleuchtung. Leider gibt es in der Lugner City keinen Cos.

Josef Jöchl ist Comedian. Er hätte – wäre Corona nicht passiert – sein aktuelles Programm »Nobody« am 28. März und 24. April im Kabarett Niedermair in Wien gespielt. Folgt ihm hier auf Instagram.

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