Sissa Micheli bei Eyes On

An der Bruchlinie zwischen Film und Fotografie entwirft Sissa Micheli mit Kleidungsstücken temporäre Skulpturen, die den Entstehungsprozess von Kunst und Fotografie symbolisieren.

Sissa Micheli bei Eyes On

Wer ab 4. November Sissa Michelis Ausstellung betritt, darf sich mehr erwarten als regungslose Bilder an der Wand. Das Monat der Fotografie (in dessen Rahmen sie gezeigt wird) wird von der Südtiroler Künstlerin etwas breiter ausgelegt, denn sie lässt das bewegte Bild einen Teil davon werden. Sie wandelt an den Grenzen zwischen Film, Fotografie und Skulptur und lässt sie ineinanderfließen. Es geht um den Prozess, der die endgültige Form des Kunstwerks bedingt.

Ein Rock fliegt durch den Raum, nimmt Gestalten an, erstarrt. Zu sehen ist im BILDRAUM 01 neben Fotografien ein Video, das aus kurzen Sequenzen von ins Bild geworfenen Kleidungsstücken besteht und von einer (ihrer) Stimme aus dem Off begleitet wird. In diesem Prozess entsteht eine temporäre Skulptur,  jede Filmsequenz gipfelt im »entscheidenden Augenblick«, mit einem Standbild, bevor das Kleidungsstück wieder auf den Boden fällt. Die temporäre Skulptur hat ihre Form angenommen. Sissa Micheli spielt mit dem Wesen der Fotografie, die das Flüchtige, den Augenblick festhält, und bringt es auf eine neue Ebene: »Der wiederholte Freeze Frame eines geworfenen Kleidungsstücks in den gewählten Bildraum schien mir hier geeignet, um Heraklits Aphorismus Panta rhei umzusetzen«. Temporäre Materialien sind zu den Protagonisten Michelis Arbeit geworden. Mit fliegenden Objekten arbeitete sie bereits in der Vergangenheit in Projekten wie »The Paper Room« (2006) oder »Parachutes Reversed« (2014).

Bei Michelis Werk hat das Foto »das letzte Wort«, wobei es den Film aber keineswegs ersetzen kann. Während der Prozess im Video sichtbar wird, kann sich das Skulpturale nur in der Fotografie manifestieren. Inspiration zu dieser Auseinandersetzung mit Film und Fotografie war unter anderem der Film »The Big Swallow« von James Williamson (1901) – hier wird die Fotokamera allerdings am Ende vom Film verschluckt, was bei Micheli nicht der Fall ist. Beide Medien sind bei ihr von gleicher Bedeutung, denn das eine ist ohne das andere irrelevant.

Von der Idee zur Form

Alle Bilder dieser Werkserie sind vor Wänden im ehemaligen Londoner Textilviertel entstanden. Die Kleidungsstücke (Blusen, Kleider, Hosen, etc.) sind ihre eigenen, die Farben je nach idealer Eingliederung in den Raum gewählt. Den nur einige Sekunden dauernden Videosequenzen gehen Sitzungen von sieben Stunden am Stück voraus, in denen die Kleidungsstücke geworfen, die Wurftechnik verändert, die Perspektive optimiert wurde. Der Titel der Arbeit »On the Process of Shaping an Idea into Form through Mental Modelling« spielt auf die Auseinandersetzung mit der Materialisierung von künstlerischen Ideen an. Sissa Micheli kann das Endprodukt nur bedingt steuern. Das Foto, die temporäre Skulptur, hängt von vielen Faktoren wie Luftwiderstand, Schwerkraft oder Licht ab und kann der ursprünglichen Idee nur ähneln. Aber darin liegt der Reiz, die Kontrolle zu einem gewissen Grad abzugeben und nicht hundertprozentig beeinflussen zu können, was am Ende entsteht. »I have a mental model, but I do not know what the final picture will look like«, sagt die Stimme aus dem Off.

 

»On the Process of Shaping an Idea into Form through Mental Modelling« von Sissa Micheli ist von 4. November bis 9. Dezember im BILDRAUM 01 zu sehen, im Rahmen des Monats der Fotografie »Eyes On«.

Bild(er) © Sissa Micheli
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