The Sound of Disability – Von Musik, Aktivismus und Agency

Laut, selbstbewusst und widerständig: So er­kämpfen sich Musiker*innen mit Behinderung die Bühnen Österreichs und der Welt.

© Christopher Mavrič — Monkeys of Earth

Behinderte Körper auf der Bühne sind selten. Umso mehr ist schon allein deren Anwesenheit ein Akt des Wider­stands und ihre Musik eine Waffe im Kampf für die Rechte von Menschen mit Behinderung. Seit der NS-Zeit wird Behinderung allzu häufig als beseitig­barer Makel betrachtet und diese Ansicht ist in unserer Gesellschaft noch immer tief verwurzelt. Um das zu ändern, ist die Sichtbar­keit von Menschen mit Behinderung sowie die Hörbarkeit ihrer Stimmen in einem zutiefst politischen und ohnehin schon schwer zugäng­lichen Bereich wie der Musik­industrie von nicht zu unter­schätzender Bedeutung.

Das sieht Dom Delicious, Aktivist*in und Musiker*in bei der Wiener Punkband Dregs, ähnlich: »Meine Message ist, dass ich als Mensch mit Behinderung auf der Bühne bin und zeige, dass da Raum für uns sein kann.« Dey erklärt, dass enge Gänge und verwinkelte Backstage­bereiche Künstler*innen mit körper­lichen Behinderungen einschränken können und Hürden darstellen. Zudem sei die Situation von Menschen mit Behinderung deutlich prekärer als ohnehin schon für Künstler*innen generell. Denn eine Arbeit zu finden, sei schwieriger und manche Menschen mit Behinderung seien gar nicht mehr am Arbeits­markt vermittelbar.

Viele der Barrieren beim Musik­machen sind oft weniger sichtbar, als man zunächst erwarten würde. Es sind nicht nur fehlende Aufzüge oder unzu­gäng­liche Backstage­bereiche, die Barrieren für Musiker*innen mit Behinderung darstellen. Der Grund für diese materiellen Barrieren sind nämlich vor allem unsichtbare Hürden: Vorurteile, Unwissen, Infantilisierung und die hart­näckige Annahme, Menschen mit Behinderung seien »anders«.

Julia Brandstötter, Behindertenrechts­aktivistin (Bild: Karin Brandstötter)

»Barrieren im Kopf«

»Viel fehlende Barrierefreiheit kommt einfach daher, dass Menschen gar nicht darüber nach­denken, dass etwas eine Barriere sein könnte, weil es für sie selbst­verständlich ist, dass es kein Problem ist«, erklärt Dom Delicious. »Entertainment is not a disabled person’s world. Aber nichts­desto­trotz sind wir da und wir versuchen uns den Raum zu nehmen. Es ist nicht immer einfach und unkompliziert, aber: We gotta keep fighting.«

Dasselbe Thema spricht auch Behinderten­rechts­aktivistin und Musikerin Julia Brandstötter an: »Das Problem sind die Barrieren im Kopf, die die Leute haben. Denn ein Aufzug ist gleich mal angebaut.« Was fehle, sei nicht nur Technik, sondern primär Haltung. »Wirklich weiter­zudenken und mit Menschen mit Behinderung zu reden, das macht selten jemand. Dabei können wir am besten sagen, was wir brauchen und was nicht.«

Für Brandstötter kommt noch eine weitere Ebene hinzu: die Geschlechter­frage. Die Musik­szene sei ohnehin männer­dominiert, erläutert sie – und als Frau mit Behinderung spüre sie diese Schieflage noch deutlicher. Weniger Chancen, weniger Sichtbarkeit, mehr Zweifel von außen. Von der Musik­industrie wünscht sie sich vor allem zwei Dinge: »Dass sie noch offener wird. Und dass nicht alles schlecht geredet wird, nur weil es von einem Menschen mit einer Behinderung kommt.«

Kulturelle Teilhabe

Dabei ist die rechtliche Grundlage eigentlich eindeutig: Die UN-Behinderten­rechts­konvention garantiert kulturelle Teilhabe, also auch Zugang zu musikalischer Bildung, Bühnen und Öffentlichkeit. Doch zwischen Anspruch und Wirklichkeit klafft eine große Lücke. »Viele Musiker*innen mit Behinderung arbeiten als Einzel­kämpfer*innen«, erzählt Christoph Heiß, Gründer des Powerband Festivals, das Inklusion auf der Bühne feiert.

Betroffene Musiker*innen tun zwar vieles dafür, Bewusst­sein zu schaffen, bleiben dabei aber oft ohne strukturelle Unter­stützung. Die Interessen­gemeinschaft Musik Inklusiv Österreich versucht, das zu ändern. Heiß, der auch bei der NGO tätig ist, erklärt, dass es deren Ziel sei, Menschen zu vernetzen, um gemeinsam Forderungen stellen zu können. Für ihn eine wichtige Arbeit, denn: »Nur durch eine inklusive Gesellschaft kann Frieden entstehen.« Mit dem von ihm organisierten Powerband Festival möchte er diesem Ideal ebenfalls näher­kommen. Dort treffen inter­nationale Musiker*innen mit und ohne Behinderung aufeinander. »Es ent­stehen unglaubliche zwischen­menschliche Begegnungen sowie gelebte Inklusion«, berichtet Heiß.

Christoph Heiß, Gründer des Powerband Festivals (Bild: Michaela Heiß)

Vereint durch Musik

Für gelebte Inklusion setzt sich auch die Band Monkeys of Earth ein. Wer sie zum ersten Mal hört, merkt sofort: Dieser Sound passt nicht in verengte Schubladen. Sie mischt Punk mit Klassik sowie anderen Genres und macht dabei vor allem ihr eigenes Ding. Ihr Sound ist energie­geladen, wild, manch­mal verspielt – und genau dadurch unver­wechsel­bar. Eine Band, die rockt, und zwar nicht trotz der Behinderung einiger Mitglieder, sondern gerade wegen der einzigartigen Ausdrucks­formen, die daraus entstehen.

Was die Wiener Band auszeichnet, ist die Vielfalt ihrer Mitglieder: Laura Rambossek als vorwiegend klassische Pianistin mit einem absoluten Gehör; Manu Hauer mit ihrer eigenen poetischen Sprache, mit der sie tiefe Emotionen ausdrückt; Ron Pfennigbauer als aktivistischer Redner, Moderator und Sänger; Markus Kranzler als Schlagzeuger; und Antti Kaikkonen als Bandleader, Gitarrist und Organisations­talent. Eine Mischung, die nicht nur musikalisch beeindruckt, sondern auch politische Kraft entwickelt. Pfennigbauer: »Wir können Dinge ansprechen, die andere Bands nicht ansprechen. Das hat viel mit Aktivismus zu tun. Und mit Antifaschismus. Mehr Akzeptanz, mehr Liebe, mehr Widerstand.«

Dom Delicious, Aktivist*in und Musiker*in (Bild: Dom Delicious)

Exklusive Inklusion

Gerade die Besonderheiten jedes einzelnen Mitglieds – ob mit oder ohne Behinderung – prägen den Sound der Band. Die Vocals der Sängerin Manu Hauer etwa bestehen aus einer eigenen, intuitiven Sprache, ohne klare Worte. »Man könnte sagen, dass sie das aufgrund ihrer Behinderung so macht. Aber eigent­lich bringt das etwas für die Musik selbst, macht sie besonders und ganz eigen«, meint Band­leader Kaikkonen. Was gesell­schaftlich als Einschränkung markiert ist, wird zur künstlerischen Stärke, zu einer Form des Ausdrucks, die ebenso wider­ständig wie subversiv ist.

Deshalb bedeutet Inklusion für Monkeys of Earth auch, dass alle Mitglieder auf Augenhöhe zusammen­arbeiten und gemeinsam, wie Pfennigbauer schmunzelnd sagt, »die Bühne zerlegen«. »Wir arbeiten gleich­berechtigt, unabhängig und selbst­bestimmend«, hält auch Keyboarderin Rambossek fest. »Jeder Mensch soll bei uns gleiche Rechte haben.« Gleichzeitig betont Kaikkonen, dass der Begriff »inklusive Band« auch irre­führend sein könne: »Eigentlich sind wir sehr exklusiv – wir sind fünf Menschen, eine geschlossene Gruppe. Man muss gut spielen können, um bei uns dabei zu sein.«

Auf die Frage, ob Behinderungen beim Musikmachen und in der Dynamik der Band eine Rolle spielen, antwortet Pfennigbauer ohne Zögern: »Nein, überhaupt nicht. Jeder kann das, was er kann. Und jeder trägt seinen Teil bei.« Was für Monkeys of Earth zählt, ist das Zusammen­spiel als Band, nicht die Behinderung.

Dieses vereinende Moment der Musik betont auch Punk­musiker*in Dom Delicious: »Jede Revolution, jede Bewegung hat irgendwo Musik im Hintergrund. Sie ist ein guter Einstiegs­punkt für Leute, um über Sachen nach­zudenken, weil sie zunächst einmal Spaß macht. Erst danach schaust du dann auf die Lyrics und merkst, dass da vielleicht noch eine Message dahintersteckt. Musik kann eigentlich nicht nicht­politisch sein – gerade in einer gewinn­orientierten Gesellschaft, in der so ziemlich alles produktiv sein muss.«

Weitere Infos zu Julia Brandstötter finden sich auf Instagram. Monkeys of Earth sind am 2. Mai bei Inklusion im Park im Belvedereschlössl in Stockerau und am 27. Juni beim S’Werkl-Straßenfest am Yppenplatz in Wien live zu erleben. Das Powerband Festival findet am 9. Mai im Glenthof in Imst statt. Die Musik der Band Dregs mit Dom Delicious hört ihr am besten bei Bandcamp.

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