ÜBER-BORDERLINE, Dramolett von Ferdinand Schmalz

Der gefeierte Jungdramatiker Ferdinand Schmalz, seit kurzem auch Bachmann-Preisträger, lotet mit seinen Arbeiten gerne die Grenzen im Theater aus. Radikal sind Denken und Sprache. Radikal ist aber auch Schmalz’ Humor. Dass der Steirer die Kurzform ebenso beherrscht, demonstrierte er in unserer 153. Ausgabe mit diesem Dramolett …

© Regina Lasche
© Regina Lasche

im niemandsland zwischen drinnen und draußen (wobei noch zu klären ist was drinnen und was draußen ist) treffen niemand2 und niemand1 aufeinander, beide in uniformen, beide bewaffnet und entschlussbereit.

2 halt sag ich!

1 was heißt hier halt? ich sage halt. halt!

2 wenn einer halt hier sagt, dann sag das immer noch ich hier.

1 sie bleiben auf der stelle stehen. stellen sie sich mir.

2 ich stehe schon seit langem hier, sehn sie das nicht, dass ich hier länger schon, als sie da, steh. ich stehe immer an der stelle hier, weil das mein posten ist.

1 sie können hier nicht ihren posten haben. postieren sie sich auf der stelle anderswo, nur hier nicht hin, wo diese grenze ist, die meine, also unsere grenze. hier trennt die grenze die geeinten von den ungeeinten.

2 ja hier trennt die grenze die geeinten von den ungeeinten. wenn sie die grenze überqueren, also schreiten, überschreiten, sind sie dann eingedrungen, in unsere gemeinschaft eingedrungen. sie sollen aber draußen bleiben.

1 wollen sie mir jetzt weis machen, dass ich nicht drinnen sondern draußen, also im ungeeinten teil mich aufhalte? da muss ich sie jetzt eines besseren belehren. schaun sie mal hier. das ist das abzeichen des grenzschutzdienstanbieters, bei dem ich angestellt bin.

2 das kann ich nicht erkennen von hier drüben.

1 warten sie, ich komme kurz zu ihnen raus …

2 halt! die grenze darf auf keinen fall passiert, also verletzt darf die nicht werden. sie bleiben draußen.

1 nein, sie bleiben draußen. hier fängt das drinnen an, sehn sie, wenn sie die grenze überschreiten, finden sie sich drinnen, also im inneren von der union.

2 ich bitte sie, es kann ja nicht nur drinnen geben. es muss ein draußen doch auch geben. das müssen sie doch einsehen. das draußen, das sie da draußen doch verkörpern, beweist ja erst, dass ich hier drinnen bin.

1 wir hier drinnen lassen uns nicht ein auf solche äußerlichkeiten. nur zu, verletzen sie die grenze, dringen sie von ihrem draußen zu uns rein. dann werden wir sie wieder rausschmeißen in ihre außenwelt.

2 ich denk ja nicht daran. ich mache keinen schritt da raus.

1 na kommens schon. traun sie sich ruhig. überschreitens doch die grenze illegalerweise, dann werden wir schon sehen, was sie für ein außenseiter sind. durchleuchten wir dann dieses innere von ihnen, damit wir sehen, ob ihre knochen auch den selben wuchs aufzeigen, wie er hier drinnen üblich ist.

2 oberflächen. innerliche zwar, doch umso mehr nur äußerlich. knochenwuchs! da lach ich doch in mich hinein, das kann auch einer nur von draußen, sich in sich hineinerfinden. hier drinnen geht es uns um innre werte. dna-tests beispielsweise klären auf, ob sie von außen oder nicht, ob sie sich zu uns hereinkultivieren dürfen oder ausgesondert werden.

1 nennens mich nicht ausgesondert.

2 ein außenmensch sind sie.

1 sie, sie draußengewönlicher sie!

2 sie rausgespiebener!

 

auf tritt ein fuchs, der die grenze entlangspaziert. tappt mal auf die eine seite, mal auf die andere, springt leichtfüßig immer wieder über die grenze, bis er zwischen den beiden zu stehen kommt, die ihn verblüfft ansehen.

 

fuchs nanu.

2 ich wär ihnen zu äußerstem dank verpflichtet, wenn sie unseren grenzstreit nicht stören würden.

1 ziehn sie ruhig weiter. als tier hat sie das nicht zu kümmern.

2 als tier ist man halt außen vor in heiklen grenzbelangen.

fuchs grenzenlose neugier meinerseits treibt mich nur zu der frage, was gibt’s so heftig hier zu debatieren, dass man sie schon von weitem hört?

2 innen und außen.

1 sehn sie, ich für meinen teil befinde mich im inneren. während mein kollege auf der andren seite sich …

2 ganz im gegenteil, hier herüben ist das drinnen, von dem sich das draußen meines nachbarn scheidet.

1 wollen sie schon wieder …

fuchs diese grenze ist doch nur die spur von einer grenze.

2 wie soll man das verstehen?

fuchs die spur von einem fuchs ist nicht der fuchs.

1 worauf wollen sie hinaus?

fuchs dass eine spur ein fehlen nur markiert. hier fehlt die grenze eigentlich. und aus der angst vor diesem fehlen, vor dem verlust der grenze, baut man drum einen zaun, baut mauern hin, wo eigentlich nichts sich mehr scheidet. die wahrheit ist, dass sich die draußen von denen da drinnen innerlich kaum unterscheiden. nur müsste, wenn man das akzepiert, wenn man die wahrheit erst einmal verinnerlicht, dann müsste auch ein gleiches recht für alle herrschen. dann wärn wir alle inniglich.

 

man hört einen schuss. der fuchs fällt tot um.

 

2 zu blöd, jetzt ist mir doch ein schuss aus der pistole rausgeschossen.

1 war gut gezielt für einen zufallsschuss.

2 war so ein kluges tier.

1 man möchte fast sagen ausgefuchst.

2 der gäb noch einen schönen schal.

1 pech, dass er hier herinnen liegt.

2 sie können sich verinnern was sie wollen, wird dieses draußen da kein drinnen mehr.

1 so kann nur einer von da draußen sprechen.

 

Ad Personam: Ferdinand Schmalz

Ferdinand Schmalz, geboren 1985 in Graz, lebt in Wien. Er gewann das Wettlesen bei den 41. Tagen der deutschsprachigen Literatur, vulgo den mit 25.000 Euro dotierten Bachmann-Preis 2017. Sein dortiger Siegertext „lieblingstier“, nachzulesen hier, dreht sich um einen Essenslieferanten, der anstelle des üblichen Rehragouts einen Kunden im Kühllaster hat. Schmalz setzte sich gegen 13 Konkurrentinnen und Konkurrenten durch.

Sein hier veröffentlichtes Dramolett erschien in The Gap, Nr. 153, November 2015.

Schmalz ist ein unermüdlicher (klein-)Schreiber: Für das Stück »am beispiel der butter« (Uraufführung Leipzig März 2014) erhielt er den Retzhofer Dramapreis 2013, das Stück »dosenfleisch« wurde im Juni 2015 zur Eröffnung der Autorentheatertage am Deutschen Theater Berlin uraufgeführt. Die Inszenierung des Wiener Burgtheaters war – ebenfalls 2015 – im Kasino am Schwarzenbergplatz zu sehen. In derselben Saison lief das Stück auch am Schauspielhaus Salzburg sowie am Schauspielhaus Graz. »der herzerlfresser« wurde am 20. November 2015 am Schauspielhaus Leipzig uraufgeführt.

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