Und die Welt fällt in Meditationsstarre

Sigur Ros veröffentlicht ein Album, zu Christi Himmelfahrt. Es ist sakral, wellenartig – ein Tranquilizer auf der anderen Seit von Langeweile. Fans halten gespannt den Atem an, Valtari kommt.

Sicher überraschend für manch einen kam die Ankündigung für das sechste Studio-Album Ende Mai, hatten die Isländer doch gerade erst im November ihr Doppel-Livealbum "Inni" sowie die gleichnamige Konzert-DVD veröffentlicht und somit die Befürchtung genährt, die seit 2008 andauernde Pause könnte noch eine Weile anhalten. Einige der acht Songs sind schon länger im Repertoire, “Dauðalogn” und “Varðeldur” stammen aus den Sessions zu “Takk…” (2005), und die Planung zum Einsatz von Chören gab es bereits 2002. Behutsam wie das schwebendes Schiff des Album-Teasers in gelbstichig verblasster Optik und der ersten Single „Ekki múkk“ besinnen sich die 54 Minuten auf ihre Sigur Ros Anfänge zurück. Seit ihrem Debüt 1999 waren sie poppiger geworden, nun geht es offenbar wieder in die andere Richtung zu atmosphärischen Tönen – Sigur Ros bezeichneten ihre Musik selbst als “Lawine in Zeitlupe”. Passenderweise bedeutet der Albumtitel “Valtari” auf Deutsch “Dampfwalze”.

Web-Walze

Die Geysire Islands sprudeln wieder. Der isländische Frühling kommt schwer verzögert und zieht weltweit liebliche Nebelschwaden in die Herzen aller Sigur Ros Liebhaber. Oder ist das nur Wunschdenken von Fans und Hörern, dass die Musik von Sigur Ros so gut zu den Bildern der nationalen Kulturlandschaften Islands passen? Ist es ein nordisch-nationales Fantasma? Auf der Website der Band nährt man diesen Traum, man kann je nach Zeitzone sekundengenau mitverfolgen, wann die Klänge von der Insel frühestens das eigene Ohr erreichen könnten. Von der Valtarihour ist die Rede und auf Twitter überschwemmen sich die Tweets darüber aus allen Himmelsrichtungen. Es wird zur globalen Valtari Listening Party aufgerufen – das fliegende Schiff vom Albumcover an Christi Himmelfahrt. Alle atmen auf, und egal wo man sich zu welcher Tageszeit befindet, es ist wohl frische Morgenluft, die man einatmet, sobald der erste Stück „Ég anda“ – Isländisch für „Ich atme“ den Höhepunkt erreicht. Chöre geistern durch endlose Gänge, lange Orgelakkorde und tiefe Atemzüge lassen die Welt in Meditationsstarre fallen.

Der Party-Part ist von vornherein ironisch zu belächeln, vor Spannung halten alle dann doch die Luft an. Sanfte, auf den ersten Eindruck rhythmisch unstrukturierte Pianoabfolgen halten sich vorwiegend in Dur. Die Streicher zittern wie Weiden im Wind, streicheln sanft die Wasseroberfläche. Einem Herzschlag gleich versiegt das Eingangsstück mit einem Pochen. Wellenartig walzt es weiter und so schließen das Knistern einer Schallplatte, das Rascheln eines Lagerfeuers, Geigen in Vibrato und die unverkennbare Falsettstimme im Ruhezustand an.

Vorsicht

Ganz andere, nämliche tiefere Töne schlägt Song "Varúð" an: Übersetzen könnte man den Titel mit „Vorsicht“, dementsprechend deutlicher wird der Gesang und klassischer die Melodienwelle. Bettelnder Stoner Rock in Slow Motion warnt dringend und endet schleichend wie alle anderen Stücke nach einem High Peak in Decrescendo-Manier. Besonders in Song 4 imitiert das Glockenspiel Kristallklirren, er bauscht sich zum vielleicht lebhaftesten Song der Platte auf und rattert mit rostig quietschenden alten Wagenrädern und töltenden Pferden davon. Nebulöse Erinnerungen lösen sich in sattes Grün auf und verschwimmen in grenzenloser Weite. Aber Varúð! aus der Starre, in die einen diese Platte versetzt, möchte man sich so schnell nicht wieder lösen.

"Valtari" von Sigur Ros erscheint am 25. Mai via EMI Music.

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