Von wegen Provinz

Wie, euch sagt Vöcklabruck nichts? Das ist aber doch da, wo jedes Jahr nach Weihnachten die heimliche Abschlussfeier der Wiener Elektronik-Szene stattfindet. Ohne Getue, dafür mit selbstgemachtem Punsch.

Viele Pseudo-Auskenner werden jetzt lachen. Haha, Wiener Elektronik-Szene, wer verirrt sich denn da bitte in die oberösterreichische Provinz? Nun, Elektro Guzzi, Julian und der Fux, Ogris Debris, DJ Dsl, Davi dB und Restless Leg Syndrome vergangenes Wochenende, letztes Jahr sorgte niemand Geringerer als Dorian Concept für ein volles Haus. Boom!

Ja. Verantwortlich für diese gigantischen Line-ups der zweitägigen, post-weihnachtlichen Über-Party Punsch De Luxe zeichnet sich der Kulturverein Unterton, der, 2010 in Vöcklabruck gegründet, mittlerweile 33 ehrenamtliche Mitglieder zählt. Es begann alles als ein kleiner, hübsch dekorierter Punsch-Stand. Davi dB hat dort von Anfang an seinen ganz und gar nicht provinziellen House aufgelegt. Durch freundschaftliche Szene-Connections, Kooperationen und ein sympathisches Konzept wurde aus der simplen Idee aber schließlich das, was vergangenes Wochenende alle Anwesenden zum Staunen und Schmachten brachte.

Yeah, Absinth und Leberkäs

Der ganze Wahnsinn trug sich im OKH, im Offenen Kunst- und Kulturhaus in Vöcklabruck, zu. Das graue Gebäude war einmal Teil des alten Krankenhauses der Stadt, das vor vielen Jahren abgerissen wurde. In den kargen, oberen Stockwerken findet man vereinzelt noch alte Schlüsselkästen, Kreissaal-Schilder und kaputte Sanitäranlagen, im mittlerweile beheizten Erdgeschoß ein Foyer, einen Konzertsaal und eine Cafe-Bar. Die Location hat demnach einen gewissen Ruin Porn-Chic. Ist ja auch in jetzt. Während der Punsch De Luxe-Party stehen überall geschmückte Weihnachtsbäume, ein paar hölzerne Schlitten und Schi hängen von der Decke. Lichterketten sowieso.

Der Freitag, der 26. Dezember, war eigentlich als Aufwärm-Tag geplant, aber auch zu Davi dB (der an beiden Tagen den Anfang machte), DJ Dsl und Restless Leg Syndrome kamen schon mehr Leute als erwartet. Etwa 400 Leute dürfen generell im OKH feiern. Am ersten Tag waren es etwas weniger, am zweiten Tag etwas mehr. Nicht weitersagen aber. Aufgrund des Schnaps- und Leberkäs-Dienstes der Autorin kann zum ersten Tag leider nicht so viel gesagt werden. Nur so viel, dass die Jungs von Restless Leg Syndrome sich gleich zweimal – einmal als DJ-Set und später noch live – die Ehre gaben. Besonders beim zweiten Set wurden sie lautstark umjubelt und ja, umschwärmt, ließ doch eine Dame ausrichten, sie warte im Nachbarsort auf einen der drei und er hätte einen fixen Schlafplatz bei ihr. Inklusive verruchtem Wimpernklimpern. Passierte eh nicht, soweit bekannt.

DJ Dsl spielte während seines Set übrigens Ushers „Yeah“, was ihm jede Menge Absinth, Liebe und High-fives von der Autorin einbrachte. Zu Recht, bitte.

Guzzilove

Mit dem Line-up am zweiten Tag haben sich die Unterton-Mitglieder wohl selbst übertroffen. Julian und der Fux, Elektro Guzzi und Ogris Debris waren da. Und getaugt hat es ihnen! Dem Publikum auch. Spätestens als Julian und der Fux in ihren flotten pinken und türkisen Anzügen auf die Bühne kamen und die Zeilen „mir wird heiß, brennend heiß“ (aus „Mr. King“) durch den Saal raunten, wurde allen, nun ja, brennend heiß.

Dann endlich Elektro Guzzi. Die gleichzeitig beste und bescheidenste Band der Welt versetzte die Party in einen vollkommenen Ausnahmezustand. Diese Energie, diese Intensität, diese Ästhetik. Dass die Autorin ein großer Fan ist, tut hier nichts zur Sache, denn wer die Guzzis schon einmal live gesehen hat, weiß, wovon sie spricht. Das Schöne ist, dass ihre Heimatstadt Vöcklabruck es jetzt auch weiß. Um den Foto-Kommentar eines verliebten Besuchers zu zitieren: „Ich plärre heute noch Rotz und Wasser, so gut waren die Jungs.“ Auch backstage überschlugen sich die Kollegen vor Liebe.

Bei Ogris Debris war das nicht anders. Das Duo gab den Besuchern den Rest. Um Punkt zwei Uhr war allerdings Schluss mit lustig. Verzweifelt riefen alle nach einer Zugabe, es sollte doch bitte noch nicht enden. Es half nichts, die Auflagen sind ein Hund. Schließlich waren aber doch alle glücklich. Alle verhielten sich wie bekiffte Hippies, umarmten sich, lachten. Vöcklabruck war nie schöner.

Fruchtbarer Vöcklabrucker Boden

Es ist ein bisschen verrückt, was da in den letzten Jahren im Umfeld des OKH in Vöcklabruck passiert ist. Nicht nur der Verein Unterton veranstaltet dort seine Parties, auch das ganzjährige Booking kann sich allemal sehen lassen. Im Herbst schauten Mozes And The Firstborn, Farewell Dear Ghost und das A.G. Trio vorbei, am 17. Jänner geben sich die schwer gehypten Wanda die Ehre. Auch abseits des Live-Programms tut sich viel. Neben Lesungen und Ausstellungen entstand vor einem Jahr auch das regionale Online-Magazin Kirtag, welches im November den Magazin-Workshop beim Youki – International Youth Media Festival betreut hat. Derzeit wird auch eine Print-Ausgabe geplant. Vöcklabruck steht auf fruchtbarem kulturellen Boden, kein Zweifel.

Natürlich ist die Autorin hier wahnsinnig befangen. Aber liebe Skeptiker, fragt doch die Gäste. Kaum einer hatte etwas anderes als Lob und Begeisterung für die Veranstaltung übrig. Vom heimgekehrten Indien-Selbstfinder über sämtliche Acts mitsamt Anhang bis hin zu den hungrigen Securities – alle waren überwältigt. So auch Dorian Concept, der dieses Jahr als Oliver Johnson vorbeischaute, weil „es jetzt Tradition ist.“ Boom!

Wer jetzt neugierig ist, der kann Unterton auf Facebook liken oder auf Twitter folgen. Der Autorin auch unbedingt: nicole_schoen.

Bild(er) © Photos by Karin Hackl
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