Warum wir jetzt zu Bilderbuch halten sollten

Ich glaube, es ist Sweetlove.

© Nikolaus Ostermann

Man muss Bilderbuch nicht alles glauben. Weder einen Porsche noch eine andere Glitzer-Glitzer-Maschin werden die Burschen in der Garage stehen haben. Trotz gewaltiger Fanbase, ausverkauften Konzerten und guten Verkäufen können sie sich so was auch mit der sweetesten Musik nicht leisten. Aber dass Bilderbuch Stress lieben, darf man für eine Tatsache halten. Denn wenn man mit Stress nicht ein bisserl liebäugelt – und lieb zu äugeln ist eigentlich einer der besonderen Skills des Quartetts – haut man nach einer Welle des Erfolgs keine Single wie „Sweetlove“ raus: keine klassische Comeback-Single, kein Crowdpleaser und definitiv kein musikalischer Porsche. Da ist Stress, ausgelöst durch Kritik von den Kommentarspalten aufwärts, eigentlich vorprogrammiert.

Jo, eh. Sweetlove ist ein bisserl eine zache Partie – aber wenigstens eine mit Funktion. Denn die Nummer kommuniziert recht deutlich einen programmatischen und ästhetischen Wandel, der sich nicht nur in der Musik, sondern auch im Artwork und der Inszenierung widerspiegelt. Der Track markiert einen bewussten Bruch. Ja, das hätte man auch anders machen können – mit einer schnellen Nummer oder einer schnulzigeren Schnulze, zumindest ein catchy Walzer hätte es sein können, damit die Individualisten zu Silverster zu etwas Neuem tanzen können. Aber es geht halt nicht ums Catchy-Sein. Es geht darum, das Tempo ganz rauszunehmen. Wenn Maurice gestern zu einem gut gefüllten Volkstheater sagt: „So was haben wir noch nie gemacht, so was Langsames“, dann ist es nicht ein Ausprobieren um des Ausprobierens willen – es ist ein Neustart um der Musik willen. Bilderbuch zeigt sich als Band, die keinesfalls stehenbleiben möchte, die nicht in alten Mustern festhängen will und die versucht, Trends zu setzen und nicht ihnen hinterherzulaufen. Und, oida, es ist das Allerschwierigste, etwas zu schaffen, was den Leuten „bald“ gefallen wird – und nicht nie. Das Allerschwierigste, soweit vorauszuplanen, dass man die Leute dann rechtzeitig abholen kann – vielleicht nicht mit einem Porsche oder Lambo, aber zumindest mit einem Doppeldeckerbus. Props dafür.

© Nikolaus Ostermann

Ein Indiz, dass Bilderbuch dieses Vorhaben mit ihrem neuen Album „Magic Life“ gelingen kann, hat das gestrige Konzert im Volkstheater mehr als geliefert. Es war nicht nur gutes Entertainment, es war die hochprofessionelle Leistungsschau einer Band, die zumindest über eigene Zweifel – sollte es sie geben – erhaben scheint, die zufrieden und sicher einen anderen Weg gehen will. Neben den beiden bereits bekannten neuen Nummern „Erzähl deinen Mädels …“ (zum Besten gegeben in einer großartigen Variante) und dem mittelgeilen „Stress“ wurden zumindest zwei neue Bretter („Investment 7“, „Bungalow“) aufs Parkett gebracht, die auch „Plansch“- oder „Om“-Apologeten gefallen könnten, eigentlich müssen – auch wenn sie anders klingen.

Von hinten

Bilderbuch liefern eine großartige Show im Volkstheater © Nikolaus Ostermann

Dass eben nicht eine diese Nummern gewählt wurde, um „Bilderbuch neu“ zu kommunizieren, ist mindestens mutig. Die Band will das Pferd offenbar von hinten aufzäumen, beginnt mit den unzugänglicheren Stücken, fischt damit in einem neuen, aber kleineren Fan-Becken und hofft, die Core-Fans mit dem Erscheinen des Albums auch zufriedenzustellen. „Gebt uns eine Chance, wir werden euch nicht enttäuschen“, sagt Maurice und es klingt nicht wie eine dahingesagte Plattitüde, nicht wie eine Koketterie von einem, der sich sicher ist, dass er dieses Spielchen gewinnen wird. Es ist eine ernstgemeinte Bitte.

Bilderbuch haben aber bereits gewonnen, weil sie nicht den einfach Weg gehen, sondern den richtigen. Dabei bedeutet „richtig“ nicht, dass man etwas tut, nur weil es originell scheint. Es geht darum, konstant daran zu arbeiten, die Band zu sein, die man gerade sein will, und nicht davor zurückzuschrecken zu fucking handeln, wenn sich die eigenen Ansprüche ändern und – wie ich meine – höher werden.

Ich glaube ja, „Magic Life“ wird ein super Album. Aber selbst, wenn es nicht so prickelnd ausfallen sollte wie das schillernde „Schick Schock“, gebührt ihm schon mal eines: Respekt. Und wie ich höre, soll Respekt eine gute Basis für lang anhaltende und stressfreie Sweetlove sein.

„Magic Life“ von Bilderbuch erscheint am 17. Februar 2017 bei Maschin Records.

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