… was du nicht siehst

Leichen, Exkremente, halblegale Beschäftigungen – was oben in einer Stadt nicht sein soll, muss in den Untergrund. Dort tut sich in Wien eine Welt auf, in der Kloakentaucher auf Sprayer treffen und in Kellern allzu österreichische Hobbys betrieben werden.

Spätestens seit Carol Reeds Filmklassiker „Der dritte Mann“ hat die Begeisterung für den Wiener Untergrund die breite Masse erreicht. Dass es heute Touristenattraktionen wie etwa die Dritte Mann-Tour gibt, also einen geführter Spaziergang durch die Kanalisation, hat die Faszination für die Abgründe der Stadt nicht gerade minimiert. Genauso wenig das Musikvideo zu Falcos Hit „Jeanny“, das zum Teil ebenfalls in der Kanalisation spielt. Auch zum Feiern steigen die Wiener schon einmal in den Untergrund hinab. Clubs wie etwa das Fluc oder das Titanic haben ihre Tanzflächen ins Tiefgeschoss verlegt.

Das Fluc ist einer der vielen Wiener Clubs unter der Erde © fluc

Wohnort der Obdachlosen

Was kaum jemand weiß, ist aber, dass es schon lange davor Leben im Wiener Untergrund gab. Die Kanalisation der Stadt wurde Ende des 19. Jahrhunderts errichtet und ist zum Großteil begehbar. Zahlreiche Obdachlose hielten sich dauerhaft dort auf, denn die Kanalisation bot ihnen Zuflucht und Schutz vor der Kälte. Eine nur vermeintliche Sicherheit, denn vor allem bei starkem Regen und Gewittern ist der Aufenthalt in der Kanalisation lebensgefährlich. Trotz mehrerer Versuche der Polizei, gelang es ihr bis in die 30er Jahre nicht, die Menschen dauerhaft aus dem Untergrund zu vertreiben.

Heute umfasst die Wiener Kanalisation ein rund 2400 Kilometer langes Kanalnetz, das die Abwässer der Stadt unterirdisch zur Hauptkläranlage nach Simmering leitet. Im Jahr sind das rund 220 Millionen Kubikmeter. Ganze 400 Mitarbeiter beschäftigt die Stadt Wien, um dieses Kanalsystem instand zu halten. Und man stelle sich einmal vor, es wäre anders und es müssten die Abwässer von beinahe zwei Millionen Stadtbewohner wieder auf offener Straße über die Rinnsteine abtransportiert werden.

Leben im Untergrund war bis in die 1930er in Wien nicht nur eine Redensart.

Wiener Friedhofsromantik

Ganz ähnlich verhält es sich mit den Toten der Stadt. Bei aller Pietät: Sterben ist letztlich auch eine Frage der Logistik. Auf den Wiener Friedhöfen befinden sich 778.000 Grabstellen an denen die Erde die menschlichen Überreste der Verstorbenen für immer verschluckt hat. Widmet man nur einen Moment dem makabren Gedanken, es wäre anderes, lässt sich die Begeisterung der Stadtbewohner für ihre Friedhöfe, und die seit Wolfgang Ambros beinahe kultische Verehrung des Zentralfriedhofs, durchaus nachvollziehen.

Teile des Zentralfriedhofs sind heute beinahe verfallen © Peter Stadler

Von geheimen Tunneln und Graffiti

Nun ist eine Stadt voller Leichen (zumindest für Nicht-Pendler) wohl eine schlimmere Vorstellung als eine Stadt voller Autos. Dennoch: Nicht auszudenken das Verkehrschaos, wenn die 1,2 Millionen Passagiere, die täglich die Wiener Linien nutzen, auf den PKW umsteigen würden. Das U-Bahn Netz der Wiener Linien ist 78,5 Kilometer lang und bildet gewissermaßen ein eigenes Ökosystem.
Abseits des bekannten Untergrund-Netzes existieren aber auch Tunnel, die kein Fahrgast je gesehen hat. Die Wiener Linien brauchen sie, um jeden Tag bei Betriebsbeginn die Züge auf die Linien zu verteilen oder defekte Fahrzeuge in die Werkstatt zu bringen.

Außerdem existiert Gerüchten zufolge eine weitere geheime U-Bahn-Trasse. Im äußersten Notfall sollen Bundeskanzler und Regierung so vom Ballhausplatz zur Stiftskaserne gebracht werden. Als Kunstprojekt wurde 2012 übrigens ein ganzes Kinderzimmer in einem Betriebsraum der Wiener Linien eingerichtet, dokumentiert und anschließend abgeschlossen.

Das Wiener U-Bahn-Netz war nicht nur für Sprayer, sondern auch Filmemacher immer wieder Inspirationsquelle, so etwa in „Trains Of Thought“ aus dem Jahr 2012.

Auch für Sprayer sind die Tunnel der Wiener Linien eine attraktive Kulisse. Das ist nicht nur wegen der herannahenden Züge, sondern auch wegen der Stromleitungen in den U-Bahn Schienen gefährlich – von der Möglichkeit, erwischt zu werden einmal abgesehen. Wer sich trotzdem traut kann einige Bekanntheit erlangen. Zu sehen gibt es Kunst – manchmal auch umstritten ist – zum Beispiel auf dem Blog spraycity.at.

Österreich und seine Keller

Natürlich sind aber weder das Vorhandensein einer Kanalisation, einer Bestattungskultur noch einer U-Bahn Spezifika Wiens. All das findet man auch in anderen europäischen Hauptstädten. Anders verhält es sich hingegen mit den Kellern. Sie haben Österreich schon in mancherlei Hinsicht internationale Aufmerksamkeit beschert. Und die Österreicher lieben ihre Keller. Die meisten von ihnen sind massiv und gewissermaßen für die Ewigkeit gebaut. Nun muss ja aber nicht gleich jeder illegalen Aktivitäten im Tiefgeschoss seines Hauses nachgehen, um den Keller gern zu haben. Er eignet sich, wie wir spätestens seit Ulrich Seidls Film „Im Keller“ wissen, auch hervorragend zum Ausüben sämtlicher (wirklich sämtlicher) Hobbys.

Filmstill aus Ulrich Seidls „Im Keller“ © Stadtkino Filmverleih

Was sich unter uns befindet

Der Untergrund der Stadt besteht aber nicht nur aus U-Bahn Schächten, Kanalisation und Kellern. All das ist auch durch diverse Gangsysteme verbunden. Diese sind teilweise uralt oder wurden während des Zweiten Weltkriegs von den Nationalsozialisten gegraben. Die Eingänge zu den unterirdischen Luftschutzanlagen wurden nach Kriegsende meist zugeschüttet, die Baupläne dazu verschwanden, wie so vieles andere, in den Wirren der letzten Tage des NS-Regimes. Experten vermuten in den Ganganlagen aber bis heute Kriegsüberbleibsel und Gebeine hunderter Toter. Beinahe der ganze erste Bezirk soll mit Tunneln untermauert sein und über Umwege in die Katakomben des Stephansdoms oder in die Michaelergruft geführt haben. Von den Augen der Öffentlichkeit meist unbemerkt, erzählt der Untergrund die Geschichte der Stadt. Und vielleicht ist er dabei ehrlicher als jedes Museum.

Mehr Geschichten aus dem Wiener Untergrund findet ihr hier.

Dieser Beitrag ist im Rahmen des Multimedia-Ateliers am Institut für Journalismus & Medienmanagement der FH Wien der WKW entstanden.

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