Wenn Frauen Gitarrengurte tragen

Vier Frauen, keine kollektive Attitüde. Regisseurin Mirjam Unger hat einen On-und-Off-Stage-Film gedreht, der genau das nicht sein will, was sich viele davon versprechen werden – ein progressives Girl-Power-Gewitter in einer männerdominierten Musikszene.

"Oh Yeah, She Performs!" liefert einen ruhigen und entspannten Einblick in das individuelle Leben und Schaffen von vier der derzeit präsentesten Frauen im österreichischen Indie-Musikzirkel – Luise Pop, Teresa Rotschopf, Gustav und Clara Luzia. Grundsätzlich hat der Film damit schon eine wichtige Funktion erfüllt – er dokumentiert kreative Prozesse, die man sonst nicht zu Gesicht bekommen würde und hat alleine deswegen das Prädikat "unterhaltsam" verdient. Die meist von Hand gehaltene Kamera folgt den Musikerinnen und ihren Bandmitgliedern oftmals stillschweigend durch sämtliche Backstage-Bereiche, vom kuscheligen Wiener Rhiz über das überrannte Donauinselfest bis hin zu abgefuckten Clubs inmitten von New York und Prag. Aufnahmestudios in alten Bauernhäusern und unschönen Kellern werden offenbart, Auftritte aller Art gezeigt und zwischendurch Schulzeit-Anekdoten bei einem Spaziergang im Regen erzählt. Idyllisch – zumindest scheint das die nicht ganz selbstverständliche Intention der Regisseurin zu sein, während sie mit ausgedehnten und langwierigen Szenen dem Publikum jede Menge Freiraum für persönliche Interpretationen und eigene Gedanken lässt.

Vision ja, Ziel nein

Nun kann man dies ja finden, wie man möchte. Oder aber auch nicht. Es kann einem Film natürlich eine sehr sympathische Note verleihen, wenn in minutenlangen, statischen Aufnahmen Stimmung aufgebaut wird, wenn einfach draufgehalten wird, oder die Kamera für das nackte Auge normalerweise unsichtbare Zuckungen im Mundwinkel und winzige Ansätze von Lachfältchen offenbart. Andererseits ist das gerade bei einer Musikdokumentation mit Vision ein zweischneidiges Unterfangen. Die vier Porträts werden in langen, stillen Einstellungen mit einer diffusen und nur gelegentlich aufblitzenden Message einem neugierigen Publikum präsentiert. Anders gesagt, es passiert einfach nicht viel in "Oh Yeah, She Performs!". Da hilft auch das Ausrufezeichen hinter dem Titel nichts. Mirjam Unger scheint mit ihrem heiß ersehnten Beitrag zum österreichischen Musikfilmerbe kein definierbares Ziel zu verfolgen. Zweifelsohne gibt es wunderschöne Sequenzen auf und hinter der Bühne und jede Menge nettes anekdotisches Geplauder über unbezahlte Rechnungen und gestürmte Release-Konzerte, aber leider fehlt es an Dichte und Informationsgehalt.

Überblick mit Tücken

Die Erwartungshaltung wird zwar nicht geschürt, ist aber verständlich: Der Film könnte ja einen Überblick über eine in Österreich blühende, nein, wuchernde und von Frauen immer dichter belagerte Singer-Songwriter-Szene im DIY-Bereich darstellen. Macht ja sonst niemand. Vier von unzähligen Talenten sind es geworden. Hat der Film nicht mehr vertragen? Knappe hundert Minuten könnten zu kurz sein, um ein halbwegs angemessenes Bild eines Szenenphänomens einzufangen. Jüngere Musikdokus über Wien machten es andersrum, "Vinyl – Tales From The Vienna Underground" oder "Left Fields" sind übervoll mit O-Tönen und Gesichtern. Ihnen fehlte es zwar sicher nicht an Material, aber an Struktur und Ziel. "Es muss was geben" zeigt wie es gehen kann, wenn mehr als ein Dutzend Punk-Leistungsträger der Linzer Szene der 80er einen sehr kurzweiligen Film ergeben, der zwar ebenfalls ausfranst, aber immer seinen Fokus behält. Der Film von Miriam Unger macht das nicht. Nun kann man ihm schlecht vorwerfen, dass er keine Szene abbilden will, dass er kein Manifest sein will. Nur, Platz hätte es noch viel gegeben. Soap & Skin, Paperbird, Eloui, Violetta Parisini und Electric Indigo sind nur ein paar Künstlerinnen, denen eine filmische Würdigung ebenfalls exzellent zu Gesicht stehen würde. Fortsetzung folgt aber leider eher nicht.


Wenig Frisur, viel Schweiß

Wesentlich nachvollziehbarer und offensichtlicher sind jedenfalls die Gemeinsamkeiten, die die (niemals gemeinsam gezeigten) Musikerinnen Luise Pop, Teresa Rotschopf, Gustav und Clara Luzia einen, und die sich in ähnlichen Aussagen und Ansichten äußern. Erstens sind sie alle weiblich – um mit dem Einfachsten anzufangen. Zweitens machen sie alle ihre eigene, im Sinne von selbst geschriebene, selbst aufgenommene sowie selbst produzierte Musik und drittens finden sie es alle irgendwie komisch, dass diese beiden Umstände in der heutigen Zeit noch extra erwähnt werden müssen – oder dass eine richtig gute Schlagzeugerin für viele immer noch irgendwie ein obskures Paradoxon darstellt. Weitreichende Gitarren-Expertise, literweise Schweiß und ungestylte Haare müssten doch mittlerweile auch bei Frauen schon lange wieder als unspektakulär gelten. Möchte man meinen.

Anti-Anti-Feminismus

Den Feminismus wollen sie sich aber nicht total auf die Fahnen schreiben, wie es Vera Kropf von Luise Pop in einer Rauchpause während einer gemütlichen Wohnzimmer-Session vor ihrer entzückenden Blümchentapete so schön auf den Punkt bringt. Sie sei ja deshalb kein asexuelles Wesen, auch wenn sie mit Surf-Pop und Wollpullunder-Hemd-Outfit ihre äußerlichen Reize eher bedeckt hält. Teresa Rotschopf, das ehemalige Aushängeschild von Bunny Lake, die bevorzugt in knallengen, glitzernden Leggings und Minikleidern auf der Bühne steht, scheint da ihren oberflächlichen Gegenpol zu verkörpern. Oder Gustav, die sich schminkt und gleichzeitig als einzige politisch deklariert. Ist das heute noch bemerkenswert? Nicht einmal vor zehn Jahren.

Wie unterschiedlich auch immer sich die vier Künstlerinnen in der Öffentlichkeit präsentieren, ihre Attitüde bleibt dieselbe – es gibt sie nicht. Sie alle machen ihre Musik, "weil sie sie machen wollen und weil sie sie eben so machen wollen, wie sie sie machen wollen". Was genau sie aber damit erreichen wollen, wissen sie nicht beziehungsweise wollen sie das auch nicht wirklich wissen. Und ob damit auch noble, weltverbessernde Ziele wie die feministische Eroberung der Männerdomäne Musikbusiness mit einhergehen, darüber sollen sich doch bitte weiterhin alle anderen den Kopf zerbrechen. Mirjam Unger zum Beispiel.

»Oh Yeah, She Performs!« läuft am 3. November bei der Viennale und ab 9. November in den österreichischen Kinos.

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