Wortwechsel: Was muss passieren, um diverse Rollen zukünftig respektvoll und fair zu besetzen?

Die Diskussion um das Verhältnis von realen menschlichen Identitäten und gespielten Rollen in Theater und Film entflammt regelmäßig aufs Neue. Letzter Auslöser war die Diskussion um die »Diversity, Equity and Inclusion Policy« der Amazon Studios. Wie werden solche Richtlinien in der Filmkunst beziehungsweise dem Film-Business rezipiert? Folgen diese tatsachlich den vorgegebenen Zielen oder dienen sie zum Reinwaschen von Konzernriesen? Können durch solche selbstauferlegten Reglements Diskriminierung und Marginalisierung abgebaut werden? Und inwiefern muss eine spielende Person eine Rolle auch in der Realität verkörpern oder erfahren, um sie »authentisch« spielen zu können oder zu »dürfen«?


Rudi Gaul

Film- und Theaterregisseur

Rudi Gaul © Marc Reimann


Die Frage führt in ein Dilemma: Ja, wir brauchen mehr Diversität in der Rollenbesetzung in Film und Theater. Nein, verbindliche Regularien, die Regisseur*innen vorschreiben, wie sie Rollen zu besetzen haben, helfen nicht weiter. Zunächst könnte man provokativ sagen: Kunst ist weder fair noch respektvoll. Sie entfaltet ihre Kraft gerade dann, wenn sie unausgewogen ist, anstößig, der Stachel im Fleisch des politischen und gesellschaftlichen Diskurses. Sie zeigt auch nicht die Welt so, wie sie sein sollte, sondern so, wie sie ist oder – in Form einer warnenden Dystopie – sogar so, wie sie nie werden darf.

Als Künstler wehre ich mich deshalb gegen Richtlinien. Kunst folgt nicht Regeln, Kunst setzt diese außer Kraft. Wenn ausgerechnet ein Konzern wie Amazon, der seine Mitarbeiter*innen ausbeutet und die Klassenfrage als einzige in den sogenannten »Diversity Guidelines« nicht thematisiert, fordert, Rollen zukünftig nach Maßstäben der Übereinstimmung der Identität zwischen Darsteller*in und der zu verkörpernden Figur zu besetzen, sollte das stutzig machen. Ich habe in mehreren meiner Filme homosexuelle Schauspieler*innen in heterosexuellen Rollen besetzt. Nach den sogenannten Diversity-Regeln wäre das nicht mehr erwünscht: Vielmehr müsste ich künftig vor jedem Casting die sexuelle Identität der Bewerber*innen abfragen! Das ist Diskriminierung. Davon abgesehen liegt das Wunderbare am Wesen der Schauspielkunst gerade in ihrer Kraft, Identität fluide werden zu lassen: Heterosexuelle Männer küssen sich als homosexuelle Figuren, POC verkörpern in Serien wie »Bridgerton« Figuren, die dem historischen Realismus nach eigentlich »weiß« sein müssten.

Was wir aber brauchen – und dafür ist diese Diskussion wichtig: ein Bewusstsein für die Bedürfnisse von Minderheiten, ein Bewusstsein für die Diskriminierung von Schauspieler*innen – egal welcher sexueller Orientierung und welcher Ethnie. Nur lässt sich dieses Ethos regeltechnisch eben nicht verordnen. Es ist vielmehr eine lebenslange Aufgabe: Bin ich der oder die Richtige, diesen Stoff authentisch auf die Leinwand zu bringen, über diese Figuren zu schreiben, diese Figuren in einem Film oder auf der Bühne zu verkörpern? Keine Reglementierung der Welt kann und darf es mir abnehmen, mich selbst immer wieder aufs Neue mit diesen Fragen selbstkritisch zu konfrontieren. Wir brauchen mehr Diversity in Film, bei den Streamern, auf der Bühne: Aber es liegt an uns – je nach Möglichkeiten des Stoffs, den wir visualisieren –, danach zu suchen. Es bewegt sich etwas, auch durch diese Diskussion. Das ist gut so. Aber Kunst muss eines immer bleiben: frei, wild, störrisch, ungebunden, herausfordernd. Manchmal müssen Fragen gestellt werden, um keine Antwort darauf geben zu können.

Rudi Gaul ist ein deutscher Film- und Theaterregisseur, Drehbuchautor und Filmproduzent. Zuletzt wirkte er als Autor und Regisseur bei »Tatort: Videobeweis« mit, dessen Premiere Ende August 2021 beim SWR Sommerfestival stattfand und der Anfang 2022 in der ARD zu sehen sein wird.


Gin Müller

Künstler*in, Dramaturg*in, Performer*in

Gin Müller © Sodom Vienna

Schlagwörter wie Diversity sind gerade enorm hip, aber oft in sehr oberflächlichen Gebrauch und dienen vielerorts als Label zum Reinwaschen. Nichtsdestotrotz bin ich klar für Quoten in Institutionen, Gruppenzusammensetzung in künstlerischen Erarbeitungsprozessen und so weiter, weil sich dort sonst nicht viel ändern wird.

Ich sehe diesen Prozess der »Hegemonisierung« von Begriffen und Programmen wie Diversity auch zumindest als ersten Schritt, um sich Strukturen von Rassismus und Sexismus mehr bewusst zu werden, obwohl im neoliberalen Sinne das Thema Kapitalismus und Klassismus ausgeblendet wird.

Als Künstler*in in der Theater-, Performance- und aktivistischen Szene arbeitend, sehe ich einerseits die vielfältigen Versuche von solidarischen Bündnissen, aber auch viele linke Kämpfe um Identitätspolitiken – und die sich zuspitzenden ökonomischen, prekären Lebensumstände. Identitäten sind vielseitige Narrationen, »Authentizitäten« sind produzierte Affekte, die Beziehungsweisen leichter nachvollziehbar machen. Mich interessieren in diesem Sinn mehr die Beziehungsweisen zwischen den Menschen, mögliche Solidaritätsnarrative im gemeinsamen Kampf um soziale Rechte.

Ich glaube, dass es im Schauspiel letztlich um »Authentizität« als Strategie geht und sehe vielfältige grenzüberschreitende Möglichkeiten von Schauspiel und Color-Blind-Casting beziehungsweise Verfremdungspotenzial, um Identitätskonzepte als vielfältig zu beschreiben.

Gin Müller ist Dramaturg*in, Theaterwissen­schafter*in, Performer*in und Lektor*in am Institut für Theater-, Film und Medienwissenschaften der Universtät Wien. Gin war Teil der queeren Performanceband SV Damenkraft und beteiligt am Circus Sodomelli, über den Bernhard Frena hier berichtet.


Lisa Oláh

Casterin

Lisa Oláh © Stephan Oláh

Wo würden Sie an meiner Stelle anfangen, wenn Ihnen als Caster*in folgende Aufgabe gestellt wird? Wir suchen zwei junge, weibliche Hauptdarstellerinnen. Sie müssen Profisportlerinnen spielen – in Österreich. Man sieht sie neben vielen emotionalen Szenen beim Eishockeyspielen und in Sexszenen. Miteinander. Es ist ein Autorinnenfilm und der Anspruch ist inhaltliche und visuelle Genauigkeit. Casten wir nun Profi-Eishockeyspielerinnen und hoffen auf Schauspieltalente? Oder suchen wir nach Schauspielerinnen, denen wir die emotionale Entwicklung glauben und die ein wenig Eislaufen können? Ist es wichtig, dass die Darstellerinnen schon mal lesbischen Sex hatten, um lesbischen Sex klischeefrei spielen zu können?

»Acting is behaving truthfully under imaginary circumstances.« – Das Zitat von Sanford Meisner bringt den Konflikt der »Fairness« beim Besetzen gut auf den Punkt. Wenn wir als Menschen in einem bestimmten Maß von Selbstbestimmung leben, bestimmen wir unsere Routinen in einem uns größtmöglichen Ausmaß selbst, allerdings trifft das auch umgekehrt zu. Die gewählten Routinen bestimmen und wandeln unser Denken und unsere Körper. So wird man wahrscheinlich einer Schauspielerin, die Sport bisher überhaupt nicht gern mochte, keine Profisportlerin zutrauen. Es sei denn, es gibt Zeit und Geld, die in die Vorbereitung investiert werden. Diversität in der Besetzung – und ihre Machbarkeit – richtet sich für mich bei einem Projekt also immer nach den im Buch erzählten sozialen Gefügen.

Meine Arbeit und die Gedanken dazu müssen sozusagen aus dem Film verschwinden, damit er gut wird. Wo für diese Arbeit finanzielle und zeitliche Ressourcen gesichert sind und ihr inhaltlicher Wert anerkannt wird, gilt es in der Castingarbeit vielfältige Strategien auszuschöpfen und alle sinnvollen Möglichkeiten in Betracht zu ziehen. Castingarbeit ist Feldarbeit und Experiment zugleich. Ich bin Betrachterin, auf der Suche nach einer Schnittmenge zwischen meiner Vorgabe und denen, die ich finde, oder auch: die mich finden. Manchmal wird ein*e Darsteller*in, die man schon oft gesehen hat, wieder am besten passen. Vielleicht auch deshalb, weil die Motivation stimmt oder weil Kunst mitunter durch Routine gut wird. Letztlich ist die Frage, die sich mir beim Besetzen immer stellt: Wollen wir den Konsens unserer Realitäten nur abbilden oder auch gestalten?

Lisa Oláh ist Casterin für Kinofilme. Zum Bekanntwerden der Amazon-Richtlinien diskutierte sie auf Social Media mit zahlreichen Branchenvertreter*innen.


Sophie Mashraki

Theaterregisseur*in und Produzent*in

Sophie Mashraki © Manuel Carreon Lope

Die Angst, dass Rollen von Minoritäten zukünftig nur noch von Schauspieler*innen aus Minoritäten gespielt werden, ist eine unterdrückende Meinung von Menschen, die nicht jenen Minoritäten angehören und sich auch nicht mit diesen befassen. Damit sollte die Konversation beendet sein, wenn man sich gar nicht für die Menschen hinter den Rollen und den komplexen, sozialpolitischen Kontext dieser Rollen interessiert. Die Diskussion kann auch sein: Was wissen und erkennen Schauspieler*innen, die black, disabled, queer usw. sind, was weiße, able-bodied, cis-hetero Schauspieler*innen nicht so verkörpern können? Warum unterdrücken wir dieses Wissen und lassen Betroffene nicht selbst spielen? Aus Angst, dass wir Rollen und Jobs an Menschen verlieren, die »normalerweise« von uns unterdrückt werden und sowieso kaum Chancen haben. Haben wir Angst, dass sie uns so behandeln werden, wie wir sie jetzt? »Dürfen nur noch Lesben lesbische Frauen spielen?« erinnert an Angstkampagnen der 50er-Jahre, wo man angeblich nach einer Injektion Marijuana einen Teufelstanz in den Tod halluziniert: nichts als Angstmacherei, weil man die Menschen nicht erzählen lassen und deren Geschichten nicht hören möchte, sondern nur davon profitieren will. Damit alles angenehm bleibt und sich nichts verändert.

Woher kommt die Regel, dass Schau­spieler*innen krampfhaft jede Rolle verkörpern können müssen? Ist unser Ziel im Theater, im Film sowie in der Kunst nicht, eine Geschichte authentisch, herzzerreißend und euphorisch zu erzählen? Dass Schauspieler*innen jede Emotion und jeden Zustand verstehen sollten, okay. Aber wenn jemand beispielsweise mit Bipolarität durch persönlichen Kontext vertraut ist, wird diese Person auch eine solche Rolle so persönlich und ehrlich wie möglich repräsentieren. Womöglich sitzen auch Personen mit derselben Erfahrung im Publikum – die wollen sich selbst verstehen in der Geschichte. Und nicht nur gaffen. Wieso bestehen wir auf unser repräsentatives Blackface auf der Bühne und im Film? Wegen Machtstrukturen, deshalb. Und wenn Kunst darauf abzielt, nur den Machtvollen zu gefallen und keine Minoritäten zu repräsentieren (vor sowie hinter der Kamera), dann haben wir feige und unehrliche Kunst und keine Diversität. Und damit eigentlich keine Kunst.

Sophie Mashraki ist Regisseur*in und Produzent*in im Theater und leitet die junge Modelagentur Enfant Terrible Society, die auf Diversität in verschiedenen Facetten fokussiert ist.

Newsletter abonnieren

Abonniere unseren Newsletter und erhalte alle zwei Wochen eine Zusammenfassung der neuesten Artikel, Ankündigungen, Gewinnspiele und vieles mehr ...