Zugegeben scheiße

Lily Allen findet ihre jüngsten musikalischen Ergüsse genau so deppert wie der Rest der Welt. Da ist man erst mal verdutzt. Dabei ist sie gar nicht die erste Künstlerin, die ihre eigenen Songs eher unterirdisch findet.

Dieser Tage ist ein lang erwartetes neues Studioalbum von Lily Allen zum Greifen nahe. Der Vorgänger "It’s Not Me, It’s You" war musikalisch ebenso wie lyrisch ein ziemlich guter Wurf, mit dem sie sich die Latte vergleichsweise hoch gelegt hat. Der Titel "Sheezus" erfüllt da schon mal seinen Zweck und amüsiert. Dumm nur, dass die Vorab-Singles (und davon gibt es mittlerweile drei) ziemlicher Dreck sind. Derselben Meinung ist auch Frau Allen.

Ein Fan verbalisierte das Schlamassel und twitterte, dass die neue Musik der Londonerin doch eigentlich ziemlich gefügiger Pop-Müll sei. Ziemlich unerwartet kam auch schnurstracks eine Antwort und zwar von Lily höchstpersönlich (hach, Social Media). Noch überraschender: Diese klang ziemlich einsichtig. Was man bisher gehört hat, sei in der Tat nicht gerade gut, von den besseren Sachen jedoch seien die Labels und Radiostationen nicht allzu begeistert. Und alle so: "Oh mein Gott, sie gibt es auch noch zu!"

Kanyes und Sellouts

Man darf hierbei nicht vergessen, dass sowas nicht zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit passiert. Nicht alle Künstler sind selbst ihr größter Kanye. Differenziert werden muss hierbei natürlich zwischen jenen, die ihrem Material von vorne herein nichts abgewinnen können, aber nicht wirklich viel zu sagen haben, und solchen, die erst einen Hass für ihre Songs entwickeln, nachdem sie 20 Jahre nichts anderes singen durften und/ oder nur darauf reduziert werden.

Can’t Fucking Stand That Fucking Song

Madonna hat keinen Bock mehr auf "Like A Virgin" – Jungfräulichkeit kann man eben nicht herbeisingen.

Bruce Springsteen hätte "Born To Run" beinahe nie veröffentlicht, weil er es schlichtweg beschissen fand. Kritiker haben es in den Himmel gelobt.

Kurt Cobain wünschte sich, er hätte "Smells Like Teen Spirit" nie geschrieben als der Track aus Nirvana plötzlich eine kommerziell erfolgreiche Band machte.

Und Liam Gallagher lässt bis heute kein gutes Wort an "Wonderwall": "I can’t fucking stand that fucking song!". Er war aber nun mal Oasis‘ größter Hit und wahrscheinlich ist Liam eh nur miesepetrig, weil er aus der Feder seines Bruders Noel stammt.

America’s Got Sellout-Bitches

Es ist nun mal so, dass die meisten Pop-Acts einfach nicht viel zu melden haben, wenn es um ihre Musik geht. Keisha von den Sugababes hat immerhin rückblickend eingesehen, dass sowas wie "Get Sexy" nie hätte passieren dürfen. Damn right. Mitspracherecht hatte sie allerdings zu dem Zeitpunkt keines, und der fahle Beigeschmack ist nur schwer wieder wegzubekommen. Der berühmte Seelenverkauf scheint jedoch mittlerweile gang und gäbe zu sein: Wenn sich sogar Gegenströmler und Hipster-Favs wie die Black Keys und Vampire Weekend bereitwillig von Tommy Hilfiger oder Sony Ericsson durch den Werbespot-Tümpel schleifen lassen und dafür fett kassieren, macht sie das eben zu klassischen Sellouts. Die beiden Bands nehmen diese Tatsache auch noch auf die Schippe, indem sie in der Show von US-Comedian Stephen Colbert ausfechten, wer denn jetzt eigentlich das größere musikalische Flittchen ist. Einigen können sie sich nicht.

Fuck Yeah Social Media

Ob man jetzt also seine Prinzipien verrät oder einen Pakt mit den Major-Label-Teufeln eingeht um eher unfrewillig irgendwelchen Mist zu veröffentlichen, spielt letztendlich keine Rolle. Der Vorteil besteht heutzutage darin, dass man beispielsweise Black Key Dan Auerbach direkt via Twitter heftigst shitstormen kann, wenn es einen wieder Mal stört, dass der ja jetzt so eine böse Kommerzhure ist und auch noch das neue Lana Del Rey-Album produziert.

Im Fall von Lily Allen hätten wir ohne soziale Medien wohl nie erfahren, dass sie nicht unbedingt aus eigenem Antrieb plötzlich klingt wie Cher Lloyd. Ob Cher Lloyd überhaupt so klingt, wie Cher Lloyd tatsächlich klingen möchte? Möglich. Im Grunde war Lilys Kommentar doch recht sympathisch. Würde James Blunt zugeben, dass seine Musik einfach nur weinerliche Weichspül-Scheiße ist, er könnte sich wohl kaum noch vor Anhängern retten.

"Sheezus" von Lily Allen erscheint am 2. Mai 2014 via Parlophone.

Bild(er) © Parlophone, Twitter, Dean Chakley, Mark Seliger, Rob Cable, quickmeme.com
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