Warum Miley Cyrus’ neues Image nicht nur ihre Sache ist

Miley Cyrus zeigt sich neuerdings mit Cowboyhut und gefälligem Sound, dafür ohne Ironie. Der Turn von der experimentierfreudigen Aktivistin hin zur instagramtauglichen Bald-Ehefrau ist im gesellschaftlichen Diskurs aber nicht ungefährlich.

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Es ist der zu erwartende Lebenszyklus als US-Popstar: Du wirst früh bekannt als unverfängliches Vorbild für Preteens, rastest aus, wenn deine eigene Pubertät vorbei ist, um dich Mitte 20 wieder zurück auf Music for the Masses zu besinnen und deinen Lebensstil anzupassen. Wir alle sind reflektiert genug, um uns einzugestehen, dass solche Vermarktungsstrategien sich wiederholen, weil sie funktionieren und nicht, weil sich junge Musiker in den USA per se nach frequentierten Imagewechseln sehnen.

Wie Miley Cyrus das Ganze handhabte, wirkte lange ein bisschen anders. Mit „We Can’t Stop“ sollte Hannah Montana endgültig sterben und Miley von nun an für Sex, Weed und „Fuck You“ stehen. Das Anlehnen an die Hip Hop-Kultur war zugegeben mitunter sehr unauthentisch und wurde vielfach auch zurecht in Sachen Cultural Appropriation kritisiert. Man denke an den cringeworthy Produktplatzierungssong „23“ mit Mike WiLL Made-It, Wiz Khalifa und Juicy J. Trotzdem wirkte Miley mit sich im Reinen. Anders als viele kaputtvermarktete und unpolitische Popstars hatte man bei ihr das Gefühl, sie habe das Ganze so verstanden, dass das Musik-Business etwas von ihr will und nicht umgekehrt. Gerade das zeitweise immerwährende Rausstrecken der Zunge war, wie sie nicht müde wurde in Interviews zu betonen, ein Protest gegen die ständigen Kussmund-Aufforderungen der Red-Carpet-Fotografen.

Im Antizyklus bei sich

Miley sitzt nackt auf der Abrissbirne, Miley ist pansexuell, Miley gründet die „Happy Hippie“-Stiftung für Obdachlose und LGBTIQ-Jugendliche. Mit „Miley Cyrus & Her Dead Petz“ macht sie zusammen mit Flaming-Lips-Sänger Wayne Coyne ein großartiges experimentelles Album, das sie – Fuck you, Musikmarkt! – einfach mal umsonst zum Download online stellt. Antizyklisch zum klassisch zu vermarktenden Popstar-Dasein wirkt Miley gerade in ihrer „Ausraster“-Phase so sehr bei sich, dass man sich einer wollwollenden Neugierde, was in Zukunft passieren mag, nicht verwehren konnte.

Dann kam „Malibu“, selig grinsende Liebesbotschaften an Liam Hemsworth, Akustik-Konsens, Luftballons am Strand und die Hoffnung, dass es für all das eine Erklärung gibt. Und die gibt es auch: Miley selbst begründet ihren Imagewandel gegenüber Billboard in dem Versuch, diepolitisch gespaltenen USA zu einen oder zumindest einen Diskurs außerhalb der jeweiligen Blase anzuregen – massentauglicher Country-Pop als kleinster gemeinsamer Nenner abseits der Politik. Indem sie ihre Nippel bedeckt, würden ihr vielleicht auch Trump-Supporter zuhören. Papa Billy Ray ist sicher stolz.

Grundsätzlich ist der Gedanke statt auf aggressive Konfrontation auf diskursive Offenheit zu setzen, ein sehr wichtiger und einer, den man im Großen wie im Kleinen befolgen sollte. Wenn sich dieser allerdings dahin entwickelt, dass sich eine Künstlerin als Trojanisches Pferd verkleidet und an anderweitig gesellschaftlich brisanter Stelle rückständige Botschaften sendet, tun sich auch Utilitaristen schwer, das noch gut zu finden.

Miley Cyrus im Grünen © Liam Hemsworth
Miley Cyrus mit Zöpfen © Liam Hemsworth

Die Kehrseite von Mileys Art des Diskurs-Bemühens in der Politik ist nämlich die wenig feministische Botschaft, dass sich Frauen Anfang 20 ruhig ausleben dürfen, solange sie sich danach einkriegen, zur Heteronormativität zurückkehren, in erster Linie stolz auf ihren Verlobungsring und nicht auf ihre künstlerische Freiheit sind und in der Öffentlichkeit alle Tattoos bedecken. Wie Miley ihr Privatleben gestaltet, steht natürlich nicht zur Debatte. Man kann sie auch für ihr öffentliches politisches Engagement sehr schätzen. Ob eine programmatische Entscheidung für die Bekämpfung der Rechts-Links-Schere und gleichzeitig für das Promoten der Genderrollen-Schere notwendig war, ist allerdings fraglich. Auch wenn Hannah Montana wirklich over ist: Ihr Leitsatz „The Best of Both Worlds“ heißt neu interpretiert eben auch, sich nicht entscheiden zu müssen, welchen Teil seiner Weltanschauung man nach außen kommuniziert.

 

Theresa Ziegler schreibt bei The Gap vor allem über Musik und sagt ihre Meinung sonst auch gern in Rezensionen, konnte mit ihrem Unmut über die neue Miley allerdings nicht bis zum Album-Release warten. 

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