Muttersprachenpop — Die wichtigsten deutschsprachigen Neuerscheinungen im Februar 2026

Deutschsprachiges zwischen Euphorie und Kapitulation, zwischen Pathos und Befindlichkeit. Ausgewählt von Dominik Oswald. Die wichtigsten deutsch­sprachigen Neuerscheinungen im Februar 2026. Mit Kapa Tult, Die Regierung, Ansa Sauermann und mehr.

Kapa Tult (Bild: Marco Sensche)
© Kapa Tult (Bild: Marco Sensche)

Die Regierung – »Immer unbekannt«

Die Regierung (Bild: Martin Steinacker)
Die Regierung (Bild: Martin Steinacker)

Sie darf durchaus als Kokettiere verstanden werden, diese Betitelung des fünften Post-Comeback-Albums der schwer googlebaren Gruppe rund um Sänger/Songschreiber Tilman Rossmy, die nach der Reunion 2017 höchst zuverlässig abliefert und – so ehrlich muss man wohl sein – vor allem schon bestehendes Publikum mit neuen Stücken versorgt, also quasi weltbekannt bei Bekannten, unbekannt im Rest der Welt. Das ist insofern spannend, da es der Gruppe auf »Immer unbekannt« vornehmlich eher um die verschiedenen Stadien einer Liebe geht, um die einzige Gewissheit, die Ungewissheit, um den immerwährenden Status als »unbekannt«, um »Liebe wie Atmen«, um all das Verflixte innerhalb zwischenmenschlicher Fatigue, haben sich Die Regierung ja schon längst auf Songs in diesem Bereich des Lebens spezialisiert. Musikalisch klingt das natürlich recht routiniert – Gravitationsfeld: 90er Jahre Indiepop –, die vereinzelten fuzzy-frickelnden Stellen machen da niemanden nervös. Eine Liebe aber: Quasi immer.

»Immer unbekannt« von Die Regierung erscheint am 20.2.2026 via Staatsakt. Keine Termine in Österreich. Album hier kaufen.

Kapa Tult – »Immer alles gleichzeitig«

Kapa Tult (Bild: Marco Sensche)
Kapa Tult (Bild: Marco Sensche)

Dass wir hier einen Sweetspot für die sehr tolle Leipziger Gruppe Kapa Tult – ja die von »Meinten Sie Katapult?« – haben, kann man gerne hier nachlesen. Und auch wenn es der Vierer natürlich (noch) nicht instant zum prognostizierten Superstardom geschafft hat, ging es für das zweite Album zu Superproduzent Moses Schneider, der innerhalb von fünf Tagen alles mit der Band live eingespielt hat. Das spürst du natürlich direkt, also im doppelten Sinne, weil die Band klingt sehr am Leben: Nach geordnetem Chaos, permanenten Stimmentausch, Nahbarkeit ohne viel musikalischen Schnickschnack, aber vor allem Nahbarkeit durch lyrische Relatability (Überforderung!, alles scheiße!, alle anderen immer!, ich aber fast nie!), wenn wir da jetzt sagen, schon bisschen wie Lovehead oder Wir sind Helden, dann sind wir da nicht ganz falsch abgebogen in Richtung Referenzkasten für Lo-Fi-Gefühligkeitsindiepop. Aber das ist ja sowieso der Ort, wo die Magie passt, bitte schleudert mich da hin!

»Immer alles gleichzeitig« von Kapa Tult erscheint am 13.2.2026 via Ladies & Ladys. Live Termine: 9.4. Posthof Linz, 10.4. Flex, Wien. Hier kaufen.

Ansa Sauermann – »Gehts noch«

Ansa Sauermann (Bild: Anna Stocker)
Ansa Sauermann (Bild: Anna Stocker)

Der Hawara kommt gleich mit dem Ansa-Schmäh und fällt von Zeile eins an mit der Tür ins Haus: »Im TV ist alles scheiße / und auf Insta sowieso / ey, deine fünfzehn Minuten Ruhm / sind zu fünfzehn Sekunden verkommen«. Tatsächlich ist das vierte Album »Gehts noch« eine Mischung aus Abrechnung und Diagnose postcovidaler Gesellschaften, wobei ihm – und wohl nicht nur ihm – besonders die Polarisierung, dieses Gesellschaftsgespaltene, dieses Schwarz-Weiß, du weißt schon, ein Dorn im Auge scheint. Obwohl sich zumindest musikalisch sein bewährter stadionorientierter Songwriter-Rock’n’Roll durchaus konsensfähig präsentiert – da kann wohl niemand was dagegen sagen –, bleibt natürlich offen, ob der in Wien ansässige Dresdner als der große Spaltenüberwinder in die Geschichte eingeht. Dass wir da tendenziell eher ein »Nein« geben, liegt eher am durchschnittlichen Spaltendurchschnitt als an Sauermann und macht den Versuch jetzt nicht wirklich weniger ehrbar.

»Gehts noch« von Ansa Sauermann erscheint am 27.2.2026 via AdP Records. Kein Termin in Österreich. Hier kaufen.

Ausgestorben – »Planetenübergabe«

Ausgestorben (Bild: Ausgestorben)
Ausgestorben (Bild: Ausgestorben)

Ja, Mensch: Jens Rachut (Bildmitte), begnadeter Bandnamenerfinder (Angeschissen, Das Moor, Blumen am Arsch der Hölle, Dackelblut, Kommando Sonne-nmilch, Oma Hans, Alte Sau, Maulgruppe, etc. pp.), hat wieder eine neue Kapelle am Start, die – so ehrlich kann man schon sein – ziemlich nach den anderen Musikkombinaten klingt: Schöner, rauer, Indie-Post-Punk, der trotz aller Referenz an eigene Großtaten supermodern und trotz fortgeschrittenen Alters aller Beteiligten seltsam wenig altbacken daher kommt. Durch die klassische Punk-Besetzung (alles bekannte Namen, die Bands kannst du teilweise auch von oben nehmen) mit Gitarren (die ab und an auch Soli-Beiträge leisten), Bass und Schlagzeug bleibt da wenig Raum für Experimente, aber viel für Aufklärungsarbeit gegen die da oben (Anspieltipp: »Protestsong« mit einem relatable »Verarschen könnt ihr uns / alleine«). Highlight ist dabei Jensers unverwechselbare, nölige Stimme. Da heißt es schnell sein, CD und Vinyl sollen limitiert sein.

»Planetenübergabe« von Ausgestorben erscheint am 27.2.2026 via Major Records. 7.10. Chelsea, Wien. Hier kaufen.

Fjørt – »belle epoque«

Fjørt (Bild: Holger Kochs)
Fjørt (Bild: Holger Kochs)

Nicht zuletzt seit dem 2022er-Vorgänger »Nichts« (Chartplatz #8 in Deutschland) gelten die Aachener Fjørt als Posterboys des deutschen Post-Hardcore. Dass das auch nicht glücklich macht, zeigen – als ob es dafür noch Beweise gebraucht hätte –, die Lyrics aus der Vorab-Single »messer«, wo es so schön fatalistisch heißt: »Und wir holen wieder Luft / aber woher denn nehmen? / angekommen in der Pechschwarz-Ära / die Hoffnung ist ein Schlachtfeld / ich habe nichts in der Hand, wenn es wieder Nacht wird«. Auch außerhalb des eigenen Schreckens zeichnen Fjørt ein Bild ebendessen und ziehen mit Holocaust-Dramen (»’43«) Referenzlinien zu heute. Musikalisch selbstredend ihrer Trademark verpflichtet, spannen Fjørt einige dramatische Spannungsbögen in Sachen »Härte«, Tempo, Emotionen, Anspannung und Relieve. Stand Anfang Februar scheint es noch Tickets für den Tourstop in Wien zu geben, hier macht man definitiv nichts falsch.

»belle epoque« von Fjørt erscheint am 20.02.2026 via Grand Hotel van Cleef. Live Termine: 13.3. WUK, Wien. Hier kaufen.

Außerdem erwähnenswert:

Panikraum – »Selbst«

(VÖ: 20. Februar 2026)

Während die Kombination aus Bandname und Albumtitel zu einigen, sagen wir:, verschwörungstheoretischen Ergebnissen führen könnte, veröffentlicht die Gruppe aus dem Umkreis der Mönchengladbacher Schule (d.h. vor allem EA80) ihr zweites Album auf dem Jenaer Major Label. Wer das erste Album »Kopfkino« mochte bzw. mit Depri-Post-Punk einiges anfangen kann, könnte auch mit »Selbst« mehr als glücklich werden. (Glücklicher als wir mit der Suche nach »Panikraum selbst«). Album hier kaufen, einzubettenden Song gibt es noch keinen.

Blaufuchs – »Bis jetzt ging alles gut«

(VÖ: 6. Februar 2026)

Auch die Hildesheimer von Blaufuchs sind nicht ganz Newcomer: Auf ihr ebenfalls sehr sprechend betiteltes Debüt »Daran wird es nicht scheitern« folgt drei Jahre später »Bis jetzt ging alles gut«, das erneut sehr amerikanischen Pop-Punk-Rock zeigt, und irgendwo zwischen Alkaline Trio, Die Ärzte und Paramore das typische Schwanken zwischen Fatalismus und Hoffnung zum Ausdruck bringt. Kann man hier kaufen beziehungsweise dankenswerterweise auch auf YouTube anhören.

Die bisherigen Veröffentlichungen von Dominik Oswalds Reihe »Muttersprachenpop« finden sich unter diesem Link.

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